Totenwache rund um die Uhr

Von Uriel Heilman, September 9, 2011
Am 11. September vor zehn Jahren sind in New York Tausende von Menschen, unter ihnen auch Juden, bei dem terroristischen Anschlag auf das World Trade Center ums Leben gekommen. Die jüdische Shmira-Wache nahm sich der Toten an.

Ein dutzend Kühllastwagen mit Körperteilen der Opfer des Attentats vom 11. September 2001 füllten ein geräumiges Zelt gegenüber der Strasse, wo der von der Stadt New York angestellte Arzt sein Büro hat. Ihre Motoren lieferten eine unheimliche Tonkulisse zur ernsten Arbeit, die in der Totenhalle rund vier Kilometer nördlich vom World Trade Center ausgeführt wurde.
Während die Rettungsarbeiter im Stadtzentrum von New York die Ruinen des World Trade Centers nach menschlichen Überresten durchsuchten, analysierten und katalogisierten forensische Experten im Büro des Arztes vorsichtig ihre Funde, wobei sie jedes Stückchen Fleisch und Knochen bewahrten, um sie zu identifizieren und sie den Familien der Opfern zurückzugeben. Gelegentlich fuhr eine Ambulanz in die nach den Anschlägen gesperrten Strasse.

Ständige Gebetswache

Während mehr als sieben Monate nach den Angriffen von «9/11» erregte an diesem düsteren Platz mitten in New York, der gefüllt war mit Feuerwehrleuten, Polizisten, Bauarbeitern und Geistlichen, ein weiterer Anblick die allgemeine Aufmerksamkeit: Jüdische Freiwillige, die einer nach dem anderen kamen, um an einer rund um die Uhr abgehaltenen Gebetswache bei der Totenhalle teilzunehmen. In vierstündigen Schichten rezitierten sie Psalmen. Die Wache gehört zum jüdischen Ritual der Shmira, die darin besteht, den Toten vom Moment seines Hinschieds bis zur Beerdigung zu begleiten. Normalerweise dauert diese Periode nicht länger als 24 bis 48 Stunden. Im Falle der Opfer von «9/11» war ein rasches Begräbnis nicht möglich, was zur Bildung einer verlängerten Shmira-Wache führte. Diese Wache funktionierte ununterbrochen vom 20. September 2001 bis zum 30. April 2002 - rund um die Uhr, sieben Tage pro Woche. Obwohl die Körperteile in den Lastwagen nicht ausschliesslich von Juden stammten, fand die Shmira für die betroffenen jüdischen Opfer statt.
Die Freiwilligen verbrachten ihre Zeit meistens in einem Kombiwagen, in dem es einige Gebetsbücher gab sowie lauwarmen Kaffee und Klappstühle, die vor allem Rettungsarbeiter in den kurzen Pausen ihrer bis zu 16-stündigen Schichtarbeit am «Ground Zero» benutzten.

Zahlreiche Freiwillige

Im Zelt roch es nach Antiseptik und Tod. Jeder der weissen Lastwagen war mit einer US-Flagge bedeckt. Später kamen rote, weisse und blaue Plastikblumen hinzu, ab und zu Fotografien von Opfern und Votivkerzen. Vom Dach des Zeltes hing eine riesige amerikanische Flagge herab.
Draussen hatte man aus Sperrholzwänden ein improvisiertes Denkmal errichtet. Die Wände waren bedeckt mit Sympathiebotschaften und vergilbten, von überall aus den USA zugeschickten Bildern von Opfern und deren Familien. In einer regnerischen Nacht fiel ein Mann auf, dem es schwer fiel, seine Tränen zurückzuhalten. «Schaut doch, was sie mit unserem Volk gemacht haben. Ich weiss, ihr seid Männer des Glaubens, doch ich will Rache.»
Sogar bei strömendem Regen herrschte in der Stätte, in der die Toten lagen, auch um vier Uhr morgens reges Treiben. Polizeioffiziere standen Wache, während Polizisten, Feuerwehrleute, FBI-Agenten und andere Offizielle kamen und gingen. Freiwillige, die von der Shmira-Wache kamen, trugen Seelsorger-Etiketten. Armin Osgood, ein bärtiger Mann von der orthodoxen Synagoge Ohev Zedek an der Upper West Side von Manhattan, koordinierte die Shmira-Wache. Viele der Volontäre stammten aus seiner Gemeinde. An Samstagen jedoch, wenn die Freiwilligen – einige von ihnen kamen aus New Jersey oder Pennsylvania – keine Züge oder Taxis benutzen konnten, um die Stätte zu erreichen, übernahmen Studentinnen der Jeschiwa Universität vom Stern College, von dem aus die Totenhalle zu Fuss erreicht werden konnte, die Wache. Ihr Einsatz war in der «New York Times» nachzulesen.

Als wäre es gestern passiert

Ein Jahr nach dem hebräischen Jahrestag der Attacken – der ersten Jahrzeit der Opfer – versammelten sich viele der Leute, die an der Shmira teilgenommen hatten, an der Totenhalle. Dieses Mal kamen sie in der ersten Nacht der Selichot-Gebete zusammen, des jüdischen Rituals, in den Tagen vor Rosch Haschana Bussgebete zu rezitieren. Zufällig fiel die Nacht auf den ersten hebräischen Jahrestag von «9/11». «Das war einer der bedeutsamsten Selichot-Gottesdienste, denen ich je beigewohnt habe», sagte Osgood nach dem Anlass. «Noch nie hat mich meine schiere Anwesenheit derart bewegt. Ich fühlte die Gegenwart der Seelen dort. Ich fühlte einfach alles.»
Nach dem Gottesdienst rezitierten die Anwesenden das Buch der Psalmen. Durch die Aufteilung der Kapitel konnte das ganze Buch in nur wenigen Minuten durchgelesen werden. Ely Razin, ein anderer Veteran der Shmira-Wache, der zu den Selichot-Gebeten gekommen war, sprach nach dem Gottesdienst in Flüsterton: «Komisch», sagte er, «die Menschen vergessen, was um sie herum geschieht, und dann kommt man hierher, in eine andere Welt. Mir kommt vor, als hätte sich alles erst gestern zugetragen».