Tote in Ulster
Wann haben Sie zum letzten Mal einen Leserbrief gesehen, der die unverhältnismässigen Schiessereien und die zahlreichen toten Zivilisten in Ulster beklagte? Nein, Ulster liegt in Nordirland. Aber auch die vielen Bürgerkriegs-Toten in Sri Lanka und Ost-Timor, die gegenwärtig ihr Leben verlieren, vom Balkan und Tschetschenien gar nicht zu reden, lassen kaum jemanden zur Feder bzw. zum Computer greifen. Geraten jedoch die Israelis und die Palästinenser aneinander (beides pauschalierende Oberbegriffe), so ist gleich jeder ein Experte. Die Leserbriefseiten füllen sich enorm. Und hier kommen, wie so oft in Leserbriefen, auch bei anderen Themen, häufig undifferenzierte Lagebeurteilungen zum Zug. Wieso auch nicht? Sogar etlichen Berufskollegen gelingt beim Thema Nahost nicht immer ein preiswürdiges Meisterstück. So schrieb kürzlich ein sehr geschätzter Kollege, die Mythen um Jerusalem seien von beiden Seiten konstruiert worden. Und er ist wirklich ein Nahost-Kenner. In einem allerdings hat er recht: Von Mythen sollte man sich so rasch wie möglich trennen und sich den Wahrheiten stellen (eine einzige Wahrheit gibt es nicht). Die Schweiz hat damit gute, wenn auch schmerzhafte Erfahrungen gesammelt. Im Nahen Osten jedoch fällt es allen Seiten schwer, sich von den eigenen Mythen zu lösen. Schlimmer: Die beidseitige Diaspora ist zum Teil in ihrer Argumentation bei den Legenden der fünfziger und sechziger Jahre stehen geblieben, mit denen sie fern der Schauplätze aufgewachsen ist. Und die beidseitigen Schweizer Supporter fahren im gleichen Wasser weiter. Selbstkritik ist auf beiden Seiten ohnehin nur unter der Hand zu hören, weshalb sollten dann die Schweizer Leserbriefschreiber darauf verfallen? Wie haben wir doch seinerzeit die beiden Frauen in Nordirland bewundert, eine Katholikin und eine Protestantin, die der blutigen Auseinandersetzung ein Ende bereiten wollten und eine entsprechende Bewegung gründeten. Sie erhielten gemeinsam den Friedensnobelpreis. Seither hat man nicht mehr viel von ihnen hören können - die Macht des Faktischen war stärker als sie. Das gleiche Schicksal ist drei anderen gemeinsamen Friedensnobelpreisträgern widerfahren, wobei der eine gar noch aus den eigenen Reihen ermordet wurde. Seine berühmteste Rede im September 1993 hatte er mit den Worten «Genug!» begonnen. Aber dieser Stossseufzer wurde im eigenen Land von allen ein wenig anders interpretiert. Auch dem Kollegen auf der anderen Seite ging es nicht besser. Das ist sieben Jahre her. Im alten Ägypten wurden die sieben guten Jahre von sieben schlechten abgelöst, was Joseph, der diesen Albtraum des Pharao gedeutet hatte, zu hohem Ansehen verhalf. Ein Grab, in dem nach Meinung von einigen aus Brooklyn oder Williamsburg zugereisten Zeloten eben dieser Joseph begraben sein soll, obwohl vielleicht nur ein anderer Lokalheiliger namens Jussuf darin liegt, wurde kürzlich zerstört. In Ägypten fand der bisher letzte Versuch statt, mit aller Gewalt Frieden zu schaffen. Mit Gewalt statt Frieden drohen im gesamten Nahen Osten mehr als sieben dürre Jahre. Und nur für die Leserbriefschreiber ginge die Bonanza weiter.