Torturen im Aussenlager

Von Fabio Luks, January 21, 2011
Am 27. Januar findet der internationale Holocaust-Gedenktag statt. Gedacht wird vor allem der Geschehnisse im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, das am 27. Januar 1945 befreit worden ist. Es steht stellvertretend für die Millionen Opfer und den Völkermord des Naziregimes. Im Folgenden soll am Beispiel des Aussenlagers Echterdingen auf die KZ-Aussenlager hingewiesen werden, in welchen auf deutschem und französischem Grund der Holocaust sozusagen direkt vor der Haustür stattfand.
KZ-GEDENKSTÄTTE VAIHINGEN/ENZ Arlette Cahen und ihr Mann liessen im vergangenen Jahr eine Gedenktafel für André Brunschwig aufstellen

Vor zwei Jahren stiess Arlette Cahen-Brunschwig aus Basel im Internet auf einen Artikel der «Stuttgarter Zeitung», in welchem ihr Onkel André Brunschwig erwähnt wurde. Diesem Bericht zufolge war ihr Onkel nicht, wie sie bis zu diesem Zeitpunkt angenommen hatte, mit seiner Frau Claire Brunschwig, geborene Metzger, und dem gemeinsamen Sohn Daniel in Auschwitz umgekommen, sondern hatte noch 15 qualvolle Monate lang in den Konzentrationslagern Stutthof, Echterdingen und Vaihingen/Enz überlebt. Er war somit nach einer unvorstellbaren Odyssee unweit seines ursprünglichen Wohnortes Colmar umgekommen.

Flucht und Ermordung

Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebte André Brunschwig mit seiner Frau Claire in Colmar im Elsass. Hier wurde auch Arlette Cahen-Brunschwig 1937 ge-boren, als Tochter von René Brunschwig, Andrés Bruder, und Germaine Brunschwig-Metzger, der Schwester von Claire. Beim Ausbruch des Krieges flohen beide Familien gemeinsam nach Le Chambon sur Lignon. Dieser Ort sollte später berühmt werden − aufgrund seiner Einwohner und ihres protestantischen Pfarrers André Trocmé, die 3000 bis 5000 Juden über Jahre hinweg versteckten, sie mit Nahrung versorgten und ihnen bei der Flucht in die Schweiz halfen. In Chambon sur Lignon gebar Claire Brunschwig ihren Sohn Daniel und Germaine ihre zweite Tochter Sylvie. Über Arcachon im Südwesten Frankreichs flohen die beiden Familien weiter nach Cannes, das zu der Zeit vom faschistischen Italien besetzt war. René Brunschwig, der bereits in der französischen Armee gedient hatte, schloss sich den Freien französischen Streitkräften unter Charles de Gaulle an und verliess Frankreich im Juli 1940. Ein halbes Jahr später erhielten Germaine Brunschwig und ihre beiden Töchter ein Affidavit, eine beglaubigte Bürgschaftserklärung, dank der sie in die Vereinigten Staaten ausreisen konnten.
Die Familie von René Brunschwig hatte somit Glück im Unglück. Kein Glück hingegen hatte der Bruder André. Kurze Zeit später übernahmen die Nazis die Kontrolle über die italienische Zone in Cannes und machten Jagd auf Juden, die dort lebten. Im Frühherbst 1943 wurde André Brunschwig mit seiner Familie in Cannes gefasst und via Drancy nach Auschwitz deportiert. Claire und Daniel wurden vermutlich direkt nach der Ankunft vergast. Nicht so André Brunschwig, für den die Torturen erst am 1. Februar 1945 im KZ Wiesengrund bei Vaihingen an der Enz enden sollten. 

KZ am Flughafen Stuttgart

André Brunschwigs Leidensgeschichte steht stell-vertretend für die der 600 jüdischen Häftlinge, die in der Zeit zwischen 21. November 1944 und 20. Januar 1945 im KZ-Aussenlager Echterdingen, am Flughafen Stuttgart, inhaftiert waren. Als sie Ende November 1944
aus den grossen Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau und Stutthof bei Danzig in Echterdingen ankamen, existierte der Flughafen bereits fünf Jahre. Der ursprünglich aus einer Landebahn bestehende Flughafen wurde im Laufe der Jahre kontinuierlich ausgebaut, unter anderem entstanden zwölf Flugzeughangars – in einem von ihnen kamen später die Häftlinge unter.
Bei der Eröffnung des KZ-Aussenlagers Echterdingen, eines der 70 Aussenlager des KZ Natzweiler-Struthof, hatte der Flughafen bereits an Bedeutung verloren. Am 14. August 1944 war er ein einziges Mal Ziel eines grossen Angriffs von alliierten Streitkräften gewesen. Amerikanische Maschinen liessen 300 Brand- und Sprengbomben auf den Flughafen und die benachbarten Felder niedergehen. Es wird vermutet, dass die damalige Bauleitung, Operation Todt genannt, welche die Arbeitseinsätze der Häftlinge leitete, mit Hilfe der 600 jüdischen Häftlinge zunächst das zerstörte Fluggebäude wieder aufbauen wollte. Aufgrund einer verzögerten Antragstellung sind die Häftlinge allerdings drei Monate zu spät angekommen, weshalb der Wiederaufbau von Zwangsarbeitern erledigt wurde. Den Häftlingen kam die Tätigkeit zu, die mit Bombentrichtern übersäte Landebahn einzuebnen. Die Hauptaufgabe der 600 jüdischen Häftlinge war aber eine andere. Sie bestand vielmehr darin, Verbindungsstrassen vom Flughafen zur nahegelegenen Autobahn zu bauen. Da die Landebahn des Flughafens nicht vollumfänglich funktionstüchtig war und ständig unter Beschuss von Tieffliegern stand, hatte die Leitung des Flughafens beschlossen, die Autobahn als Start- und Landebahn für die Kampfflugzeuge zu nutzen. So war der überwiegende Teil der Häftlinge damit beschäftigt, in zwei benachbarten Steinbrüchen Steine zu brechen, welche für den Bau der Verbindungsbahn benötigt wurden. Daneben errichteten sie Tarnunterstände für die Kampfflugzeuge und halfen bei allgemeinen Arbeiten mit.

Hohe Zahl an Todesopfern

Ein grosser Teil der Holocaust-Opfer kam nicht bei systematischen Tötungsaktionen um, sondern starb aufgrund
der schlechten Haftbedingungen: an Unterernährung, Mangel an medizinischer Versorgung und warmer Kleidung, an Krankheiten sowie extremen Arbeitsbedingungen. In der zwei Monate währenden Haftzeit von Echterdingen starben pro Tag zwei Menschen. Somit wies Echterdingen eine sehr hohe Sterbequote auf. Gleichwohl gab es für die jüdischen Männer, die vorwiegend aus Auschwitz-Birkenau kamen, gewisse Lichtblicke. So gab es hier keine Gaskammer. Einen weiteren Lichtblick schilderte der Überlebende Mayer Hersh: «Wir wussten schon, dass der Krieg zu Ende gehen würde. Die Frage war, ob wir stark genug sind, dieses Ziel zu erleben.» Trotz kleiner Hoffnungsschimmer waren die Bedingungen miserabel. Vor allem wegen der katastrophalen Lage der Häftlinge wurde das Lager bereits nach zwei Monaten wieder geschlossen. Nur 64 der 600 jüdischen Männer, die im KZ-Aussenlager Echterdingen inhaftiert waren, überlebten den Holocaust.    


Thomas Faltin: Im Angesicht des Todes. Das KZ-Aussenlager Echterdingen 1944/1945 und der Leidensweg der 600 Häftlinge. Filderstädter Schriftenreihe zur Geschichte und Landeskunde Band 20, Filderstadt 2008.