Tod in der Stadt des Lichts

November 10, 2011
Ein Pariser Arzt soll bis zu 150 Menschen ermordet haben.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs herrschte in dem von den Nazis besetzten Paris eine düstere Atmosphäre. Juden, Widerstandskämpfer und gewöhnliche Bürger hatten nur ein Ziel vor Augen: Aus der Stadt zu fliehen. So viele Leute verschwanden, dass die einzelnen Fälle kaum mehr Aufsehen erregten. Dabei benutzte ein Mann die Gesetzlosigkeit dazu, vielleicht bis zu 150 Menschen zu ermorden. Aber erst als dicker, schwarzer Rauch aus einem brennenden, eleganten Haus in Paris emporstieg, entdeckten Polizei und Feuerwehr über die ganze Liegenschaft verstreute Leichenteile. Die einsetzende Jagd führte zum Arzt Marcel Petiot. Das Verbrechen sei für die damalige Zeit «nichts ungewöhnliches» gewesen, sagte David King, Autor der soeben erschienenen Chronik «Death in the City of Light» (Tod in der Stadt des Lichts). Petiot, ein respektierter Arzt, hatte es vor allem auf Juden abgesehen, die verzweifelt nach einem Ausweg aus Paris suchten. Er versprach ihnen einen Fluchtweg, lockte sie in sein Haus, wo er sie ermordete. Er wurde des Mordes an «nur» 27 Menschen angeklagt, doch die Behörden vermuten, dass die Zahl seiner Opfer viel höher war. Der ehemalige Geschichtsproefessor King fand die ersten Hinweise auf den Massenmord in einem Buchgeschäft, als er in den Memoiren eines ehemaligen Spions aus der Kriegszeit blätterte. In jahrelangen Forschungen, unter anderem in inzwischen geschlossenen Polizeiarchiven, setzte der Autor das Puzzle einer erschreckenden Geschichte zusammen, in dessen Mittelpunkt Dr. Petiot stand, der sich als Mitglied der Résistance ausgab und seinen Opfern die sichere Überfahrt nach Südamerika gegen Bezahlung versprach. Einmal in Petiots Hand, mussten die Opfer in einem Brief an Verwandte erklären, dass sie wohlauf seien und sich wieder melden würden, wenn die Lage sich beruhigt habe. Dann tötete Petiot die Unglücklichen, wahrscheinlich mit giftigem Gas. Anschliessend zerhackte oder verbrannte er die Leichen. Der Täter wurde gefasst, verurteilt und hingerichtet. David King, der einige andere Bücher geschrieben hat, gab zu, dass die Arbeit am Thema des Pariser Massenmörders einen Einfluss auf ihn persönlich gehabt habe. «Normalerweise bin ich ein kontaktfreudiger Mensch», sagte er, «doch die Beschäftigung mit Dr. Petiot hat mich da wahrscheinlich etwas zurückhaltender gemacht.» [JU]