Tod eines begnadeten Mathematikers

von George Szpiro, November 27, 2008
Am Dienstag dieser Woche ist Beno Eckmann, emeritierter Professor der Mathematik an der ETH-Zürich, im Alter von 91 Jahren im Hugo-Mendel-Heim gestorben. Eckmann galt als einer der renommiertesten Mathematiker des 20. Jahrhunderts.
BENO ECKMANN

Nach dem Tod von Beno Eckmann scheint es tröstlich, dass seine Schüler – er betreute im Laufe seiner langen Karriere über 70 Doktoranden – sein Legat zusammen mit ihren eigenen, mittlerweile über 1000 Schülern und Schülersschülern auf der ganzen Welt weiterführen werden. Eckmann wurde 1917 als Sohn eines Biochemikers und einer Ärztin in Bern geboren. Dort besuchte er das humanistische Gymnasium, lernte Latein, Griechisch und auch Mathematik. In letzterem Fach war er zwar gut, aber dass er es sich zum Beruf machen würde, war gar nicht klar. Sein Vater riet ihm ab, da Mathematiker ja nur Lehrer werden, einer Versicherungsgesellschaft beitreten, oder in der brotlosen Forschung arbeiten könnten. Trotzdem trat er im Herbst 1935 zusammen mit einem Dutzend weiterer Physik- und Mathematikstudendenten das Studium an der ETH an.
Männer von internationalem Renommee – unter ihnen Michel Plancherel, George Polya, der Logiker Paul Bernays, der spätere Nobelpreisträger für Physik Wolfgang Pauli und vor allem Hans-Heinz Hopf, der führende Geist auf dem damals noch relativ jungen Gebiet der Topologie – waren seine Lehrer. Bei Hopf schrieb Eckmann seine Doktorarbeit, die sogar gemessen an den hohen Ansprüchen der ETH hervorragend war und mit einem Preis ausgezeichnet wurde.

Als Dozent in den USA

1942 wurde Eckmann zum ausserordentlichen Professor an die Universität Lausanne berufen. Als Artilleriebeobachter leistete der junge Dozent während des Zweiten Weltkriegs in den Walliser Alpen Aktivdienst. Zwei Wochen Vorlesungen wechselten jeweils mit zwei Wochen Wehrdienst ab. Nach dem Krieg folgten zwei Gastaufenthalte am berühmten Institute for Advanced Studies in Princeton, wo er die Grossen der Zunft – unter anderen Albert Einstein, Kurt Gödel, John von Neumann – kennenlernte. Nach seiner Rückkehr wurde Eckmann 1948 eine ordentliche Professur an der ETH Zürich angeboten, die er annahm und bis zu seiner Emeritierung 1984 behielt.
In seiner Forschung suchte Eckmann immer wieder Anwendungen seiner früheren Resultate auf neue mathematische Probleme. Dabei ist das Wort «Anwendung»
allerdings mit einer gehörigen Prise Salz zu geniessen, denn Eckmann versteht unter diesem Begriff keineswegs «praktische» Anwendung. Ein Forscher dürfe sich nie auf die Lösung von Alltagsproblemen – zum Beispiel in den Ingenieurwissenschaften – konzentrieren, meinte Eckmann. Oft tauchten zwar später und völlig unerwartet Anwendungen auf, aber für einen forschenden Mathematiker dürfe die Relevanz seiner Untersuchungen nie eine Leitlinie darstellen. Eine völlig theoretische Untersuchung, die Eckmann im Jahre 1954 veröffentlichte, fand über 50 Jahre später zu seiner eigenen Verblüffung eine Anwendung in der Wirtschaftswissenschaft.

Weltweite Beziehungen

Eckmann scheute sich nie, auch administrative Aufgaben zu übernehmen. Unter anderem diente er 1961/62 als Präsident der Schweizerischen Mathematischen Gesellschaft, von 1956 bis 1961 als General¬sekretär der Internationalen Mathematischen Vereinigung und während 20 Jahren von 1964 bis 1984 als Direktor des von ihm gegründeten Forschungsinstituts für Mathematik an der ETH.
Als Mitglied der jüdischen Gemeinde in Zürich fühlte er sich den Universitäten in Israel sehr verbunden und war Mitglied der Fördergesellschaften der Hebräischen Universität, des Technion, der Universität in Beersheva; 1983 wurde er vom Technion in Haifa zum Ehrendoktor ernannt. Enge Beziehungen pflegte er auch zu den mathematischen Forschungsinstituten in Barcelona, Vancouver und Columbus in Ohio.