Tischa Beaw und die Erlösung

von Alfred Bodenheimer, October 9, 2008
Es gibt im jüdischen Schrifttum eine interessante Beziehung des Trauertages vom 9. Aw (Tischa Beaw) mit dem Kommen des Messias. Somit spannt der Tag für die Juden unmittelbar den Bogen von Vergangenheit zur Zukunft. Der folgende Artikel soll der Frage der Verbindung dieses Tages mit dem Gedanken der Erlösung nachgehen.
Tischa Beaw: «Ohne die Vergegenwärtigung der Katastrophe gäbe es kein Bewusstsein der Erlösunng mehr». - foto archiv jr

Im Jerusalemitischen Talmud (Traktat Berachot 2,4) wird von der Mutter des Messias erzählt, die klagt, weil am Tag der Geburt ihres Sohnes der Tempel zerstört worden sei. Es wird ihr beruhigend geantwortet, wenn der Sohn an der Zerstörung des Tempels einen Anteil habe, dann würde er auch seinen Aufbau bewirken. Eine verwirrende Passage, denn so, wie sie den Messias als Retter hinstellt, der am Tag der Katastrophe geboren wird, zeigt sie ihn doch auch irgendwie verstrickt in die Zerstörung selbst. Die mystische Verbindung des Tischa Beaw mit der Person des Messias hat zum einen eine konkrete halachische Auswirkung, nämlich ein Abmildern der Trauerbräuche am Nachmittag des Tischa Beaw. Sie hat überdies zur Überzeugung geführt, dass nach Ankunft des Messias gemäss der Überlieferung der Tischa Beaw von einem Trauer- zu einem Freudentag werden soll. Dass Schabtai Zwi diese Umwandlung selbst bereits vollzog, war ein Element seines Bruchs mit dem traditionellen Judentum.

Teil des jüdischen Denkens

Dass die Erlösung der Trauer inhärent ist, gehört zu den tiefsten Inhalten des Judentums überhaupt, zu seiner tröstenden Kraft. Andererseits erscheint die Idee, dass der Tischa Beaw einmal ein Freudentag werden soll, bei aller Berücksichtigung des grundlegenden Wechsels, den der Measias auf dieser Welt bewirken soll, auf den ersten Blick doch etwas irritierend. Sollen wir, die Juden, die nach Ben-Somas berühmtem Ausspruch die Erzählung vom Auszug aus Ägypten noch nach dem Kommen des Messias wiedergeben werden, das Gedenken an die Katastrophe der Tempelzerstörung (letztlich: der beiden Tempelzerstörungen) ganz einfach bewusst unterdrücken und verdrängen? Der amerikanisch-jüdische Historiker Yosef Haim Yerushalmi hat nicht umsonst einmal an einem Kongress, an welchem er über den Segen des Vergessens sprechen sollte, betont, es gebe niemals einen Segen, sondern nur einen Fluch des Vergessens. Das ist tiefstes jüdisches Denken. Leben wir etwa mit einem Erlösungsbegriff, der genau dieses Festhalten an der Erinnerung, an die freudigen wie an die traurigen Ereignisse aufzugeben vorsieht? Andererseits würde es uns auch irritieren, wenn der Tischa Beaw nach dem Wiedererbauen des Tempels einfach ein Gedenktag an dessen Zerstörung bleiben würde. Was ist inhaltlich die Verbindung zwischen Tischa Beaw und der Erlösung?

«Zu sehr zu trauern ist unmöglich»

Die drei Trauerwochen zwischen dem 17. Tammus und dem 9. Aw, die neun Tage vom Monatsbeginn bis zum Fasttag und schliesslich der Fasttag selbst als abgestufte Phasen zunehmender Trauer entsprechen einer genau festgelegten, definierten und reflektierten Praxis des Trauerns. Im Babylonischen Talmud, Traktat Baba Batra 60b, sehen wir, wie Rabbi Josua jenen, die nach der Zerstörung des Tempels eine Alltagsexistenz in tiefster Trauer, unter permanentem Verzicht auf den Genuss von Wein und Fleisch, fordern, entgegentritt und für eine Praxis einsteht, welche die Trauer um die Zerstörung des Tempels nicht unterschlägt, sie aber auch nicht so stark gewichtet, dass sie für die Mehrheit des Volkes nicht mehr praktikabel wird. «Zu sehr zu trauern ist unmöglich», erklärt er. Obwohl dort vom Tischa Beaw nicht die Rede ist, kann auch er und die vorausgehende Trauerzeit als Teil eines durchaus präsenten, aber moderaten Trauerprogramms gesehen werden. Rabbi Josua, dem bewusst war, dass man Menschen nicht zu anhaltender Trauer und zu übertriebenen Massnahmen zwingen kann (und der womöglich auch fand, dass dies der Psyche des Volkes ernsthaften Schaden zufügen würde), suchte nach dem klassisch-jüdischen Weg, das Gedenken auf wirkungsvolle Weise wachzuhalten.
Der Tischa Beaw hat möglicherweise hier seine ganz grosse Bedeutung für das jüdische Volk gewonnen. Im Gegensatz zur jahrhundertelangen christlichen Propaganda, die in der Zerstörung des Tempels die endgültige Strafe und Verstossung der verstockten Juden sah, haben die Juden durch den Ausdruck ihrer Trauer um den Tempel implizit den Anspruch auf dessen Wiederaufbau konsequent angemeldet. Die tägliche gebetsweise Erwähnung Jerusalems konnte für den Juden in Casablanca, Wilna oder Saana zur Routine werden, ohne dass er sich durch die Nichtexistenz des Tempels in seinem Dasein wirklich reduziert fühlte - das Fasten und die anderen Trauerrituale des Tischa Beaw griffen jedoch so sehr in sein Leben ein, dass er sich unweigerlich des Verlustes bewusst werden musste, den der zerstörte Tempel für ihn bedeutete. Somit hat der Tischa durch seine beschränkte, aber doch ziemlich einschneidende Trauerpraxis vielleicht mehr für das Bewusstsein des jüdischen Volkes hinsichtlich seiner Galut-Existenz gemacht als jeder andere Tag oder jede andere gesetzliche Vorschrift. Ein Judentum, in welchem an den Opferdienst nur noch mündlich oder symbolisch erinnert wird, in welchem zwar die Gebetsrichtung, nicht aber unbedingt das wahre kultische und geistige Zentrum Jerusalem heissen, ein Judentum, das sich in der Zerstreuung irgendwie einrichten würde, war keineswegs immer eine unrealistische Vision. Nicht zufällig hat etwa das Reformjudentum in seiner Emanzipationseuphorie des 19. Jahrhunderts gerade den Tischa Beaw als überholt betrachtet.
Die Existenz aber des Tischa Beaw blieb die Grundlage einer nicht nur geistigen, emotionellen, vielleicht sentimentalen, sondern einer ganz konkret sinnlichen Beziehung zu Zion. Wer fastend in Stoffpantoffeln auf einem Schemel sitzt und Trauergesänge über die Vernichtung Jerusalems rezitiert, anstatt seinem gewohnten Tagewerk nachzugehen, der begreift das Defizit seiner Existenz. Er wird dank Rabbi Josua nicht einer täglichen Trauerroutine unterzogen, die letztlich ihren Zweck des Bewusstmachens völlig verfehlen würde, sondern es gibt einen bestimmten Termin im Jahr, an welchem das ganze Elend, die ganze Unvollkommenheit seines Daseins mit voller Wucht über ihn hereinbricht.Der Tischa Beaw als Festtag nach dem Kommen des Messias: Das bedeutet, dass der Tischa Beaw verstanden wird als Garant der ständigen Beziehung des Volkes zu Zion. Wer den Tischa Beaw als zukünftigen Festtag sieht, der weiss bereits, dass es ohne Tischa Beaw womöglich gar kein Bedürfnis mehr nach Erlösung, gar keine zielgerichtete, sondern eine selbstgenügsame jüdische Existenz im Galut geben würde, die irgendwann ihre Eigenheiten durch Assimilation aufgeben oder zur Sekte pervertieren würde. Ohne das Vergegenwärtigen der Katastrophe gäbe es kein Bewusstsein der Erlösung mehr und hätte nicht auch das in der Diaspora erlittene Elend in den Tischa Beaw integriert werden und damit in einen Kontext von Katastrophe und Erlösung eingebettet werden können (man erinnere sich etwa der Kinot, der Trauergesänge über den Massenmord der Kreuzzüge), wer weiss, ob das jüdische Volk die Kraft gehabt hätte, die Jahrhunderte durchzustehen.