Thora als göttliches Ziel der Schöpfung

Von Emanuel Cohn, September 22, 2010
Rabbiner Mosche Botschko, einer der grossen Lehrer des frankophonen Judentums, ist am letzten Freitag, am Eingang des Jom-Kippur-Feiertags, in Jerusalem verstorben.
RABBINER MOSCHE BOTSCHKO Jeder Mensch sei im Ebenbild Gottes erschaffen

Mosche Botschko wurde 1917 in Basel geboren. Er lernte an der legendären Ez-Hachajim-Jeschiwa in Montreux, welche sein Vater Rabbiner Elijahu Botschko im Jahre 1927 gegründet hatte. Nach dessen Tod 1956 übernahm der junge Mosche die verantwortungsvolle Aufgabe des Rosch Jeschiwa, des Institusdirektors, welche er während 40 Jahren wahrnahm. In dieser Zeit unterrichtete er Hunderte von Talmudschülern aus ganz Europa, welche nach Montreux kamen – einige für mehrere Jahre, andere für einen Sommer –, um sich unter seiner Ägide in den Talmud und andere jüdische Quellen zu vertiefen. Dabei waren sein talmudischer Unterricht und seine geistige Schärfe nicht minder erzieherisch als seine unglaublichen moralischen Richtlinien, die auf seine Mitmenschen und besonders Schüler einen tiefen Eindruck hinterliessen.

Verbindung zum Leben

So war der stets bescheidene Rabbiner Botschko während seiner vier Jahrzehnte als Institutsleiter nie gewillt, auch nur einen Rappen von der Jeschiwa zu geniessen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er nebenbei bei der Buchhaltung der Textilfabrik, die er mit seiner Schwester Miriam Weingort s. A. betreute. Erst in den letzten Jahren liess er sich dazu überreden, wenigstens Teebeutel der Jeschiwa-Küche zu benutzen. Diese eindrückliche Lebenseinstellung entsprang seinem Verständnis der Thora als göttliches Ziel der Schöpfung, woraus man nicht ein Mittel zum eigenen Nutzen oder gar Geldverdienen machen dürfe. Rabbiner Botschkos Konzept der Thora als allumfassende Lehre zeigte ihre Spuren auf verschiedenen Ebenen, so auch in der Verbindung zum Leben: Die Thora beinhalte alle Lebensrichtungen, weshalb Botschko bereits im Jahre 1970 beschloss, den Unterricht profaner Fächer an seiner Jeschiwa einzubauen, was damals eine grosse Debatte auslöste. Botschko mochte den Begriff «profan» jedoch nicht, da gemäss seiner Anschauung ja alles im heiligen System der Thora integriert sei.

Verbindung zum Humanismus

Das «gelobte Land» war für Rabbiner Botschko der natürliche Ort eines Juden, die Thora individuell und national zu verwirklichen. Diese tiefe Überzeugung führte schliesslich zu seiner Entscheidung, die Jeschiwa 1986 zusammen mit der gesamten Lehrerschaft nach Israel zu überführen, wo sie unter dem Namen Hechal Elijahu – benannt nach seinem Vater – in Jerusalem ihre Zelte aufschlug. Als 1996 die Jeschiwa abermals, nach Kochav Jaakov, übersiedelte, bat Rabbiner Mosche Botschko seinen Sohn Schaul David, die Leitung zu übernehmen. Auch die Verbindung zum Humanismus spielte eine grosse Rolle: Jeder Mensch sei im Ebenbild Gottes erschaffen und verdiene daher uneingeschränkten Respekt. Nicht wenige nicht jüdische Bewohner von Montreux überkam denn auch Trauer, als der stets freundliche und respektvolle Rabbiner die Stadt gen Israel verliess.
Einen Tag vor seinem Ableben vervollständigte Rabbiner Botschko ein weiteres Buch mit Erklärungen zu den Thora-Wochenabschnitten. Sein letzter Kommentar galt dem Vers: «Und es starb Mosche auf Gottes Geheiss (...) und niemand kennt seine Grabstätte bis auf diesen Tag» (5. B. M. 34:5–6). Mit seiner Handschrift bemerkte Botschko: «Mosches Grab ist unbekannt, damit er in den Herzen der Söhne Israels weiterlebe. Und an dieser Stelle bitte ich jeden Menschen um Verzeihung, den ich in meinem Leben irgendwie verletzt habe.» Einen Tag später, mit dem Ertönen des Kol-Nidre-Gebets, verstarb Rabbiner Mosche Botschko. Im gleichen Spital in Jerusalem kam wenige Stunden später sein Urenkel auf die Welt. Nicht nur in seinem Herzen wird der Geist Mosches weiterleben.