Tel Aviv und der Bauhaus-Stil

Von Katja Behling, March 2, 2009
Mit der Einwanderung deutscher Juden in den dreissiger Jahren nach Palästina und besonders nach Tel Aviv wurde auch der Bauhaus-Stil importiert, der heute das Stadtbild prägt.
ALTES BAUHAUS-GEBÄUDE Tel Aviv verspricht sich von Renovierungen einen Aufschwung

Der junge Arthur Koestler hat Tel Aviv erstmals 1926 besucht. Der Schriftsteller hat miterlebt, wie auf den öden Dünen unweit der alten Hafenstadt Yafo in rasantem Tempo Tel Aviv entstand: «Das Wachstum der Stadt war fieberhaft und anarchisch wie das der tropischen Pflanzenwelt. Jeder Neuankömmling baute sich aus seinen mitgebrachten Ersparnissen das Haus seiner Sehnsucht.» Hier am Mittelmeer waren 1909 jüdische Einwanderer aus Russland zusammengekommen, um bei Yafo die erste jüdische Metropole seit biblischen Zeiten zu gründen. Mit der Zeit verwuchsen das junge Tel Aviv und das antike, arabisch geprägte Yafo immer mehr miteinander, 1949 wurden beide Teile komplett vereinigt. Die Doppelstadt Tel Aviv-Yafo ist Touristenattraktion, nach der Hauptstadt Jerusalem die zweitgrösste Stadt Israels, das Wirtschafts- und Kulturzentrum des Landes und wird von seinen lebenslustigen Bewohnern «Big Orange» genannt: eine israelische Version des «Big Apple» von New York.

Europäische Baukunst am Mittelmeer

Yafo soll, glaubt man der Bibel, bereits nach der Sintflut erbaut worden sein. Und erlebte eine wechselvolle Geschichte: Die Römer eroberten die Stadt, die Kreuzfahrer liessen sich dort nieder, schliesslich die türkischen Sultane. Im 19. Jahrhundert war Yafo eine Stadt inmitten einer landwirtschaftlichen Region, per Strassennetz mit Jerusalem, Haifa und den umliegenden Dörfern verbunden. Das beschauliche Leben war schlagartig vorbei, als wohlhabende jüdische Kaufleute Anfang des 20. Jahrhunderts während der britischen Mandatszeit von der Idee einer Gartenstadt, einer Mischung aus Mustersiedlung und Agrardorf, träumten und auf den Dünen den «Hügel des Frühlings» (Hebräisch: Tel Aviv) gründeten. Der Name sollte an einen Ort in Babylonien erinnern, in dem deportierte Juden lebten. «Tausend weisse Villen tauchten auf, leuchteten aus dem Grün üppiger Gärten heraus. Von Akko bis an den Carmel schien da ein grosser Garten angelegt zu sein, und der Berg selbst war gekrönt mit schimmernden Bauten.» So umschrieb 1902 Theodor Herzl seine städtebauliche Vision vom Judenstaat. Doch in ihren Anfängen und bis in die zwanziger Jahre hinein prägte ein Durch- und Nebeneinander die Architektur der neuen Stadt Tel Aviv. Aber als in den dreissiger Jahren immer mehr Flüchtlinge aus Deutschland nach Israel strömten, änderte sich auch das Stadtbild Tel Avivs extrem. Die Bevölkerungszahl Tel Avivs wuchs rasch. Schon um 1934 betrug die Einwohnerzahl rund 75 000, wenige Jahre später waren es doppelt so viel. Wohnraum wurde gebraucht. Und die Baumeister, die ins Land kamen, waren oft Anhänger der in Deutschland seinerzeit äusserst populären Bauhaus-Bewegung – einer von Walter Gropius 1919 begründeten modernen Architekturschule, die 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. In den zwanziger Jahren hatte sich Deutschland zum Quell einer modernen Architektur entwickelt, die, von der Lehre des Funktionalismus beherrscht, völlig neue Wege beschritt. Eine ganze Generation jüdischer Architekten aus Mittel- und Osteuropa wurde von den Impulsen inspiriert, die vom Bauhaus in Dessau und dann in Weimar ausgingen. Die Architekturforscherin Myra Warhaftig erklärt dieses Phänomen damit, dass die traditionellen Ausdrucksformen in der Baukunst oft Assoziationen mit antisemitischen Einstellungen weckten, während die neue, auf klare Linien und Sachlichkeit ausgerichtete Handschrift des Bauhauses die Schaffung einer grundlegend anderen und besseren Welt versprach. Diese Architektur, die wegen der vielfältigen Herkunft ihrer Vertreter auch «Internationaler Stil» genannt wird, verkörperte eine Art «Architektur der Hoffnung».

Aus dem Boden gestampfte Stadt

Einige der wichtigsten israelischen Architekten hatten an der Bauhaus-Schule in Weimar studiert, darunter so prominente Schüler wie Shmuel Miestiechkin oder Munio Gitai Weintraub. Und der Einfluss der eingewanderten Architekten blieb weder auf Tel Aviv noch auf den Wohnungsbau beschränkt: Die Knesset etwa, das israelische Parlament, basiert auf Entwürfen des auf der Technischen Hochschule in München ausgebildeten Architekten Joseph Klarwein. Vor dem Kriegsausbruch 1939 zählte man in Palästina mehr als 130 tätige Architekten, die an einer deutschen Hochschule ihre Ausbildung erhalten hatten. Die Immigranten importierten nicht nur ihren Bau-, sondern auch ihren mitteleuropäischen Lebensstil. Wenngleich das moderne Leben in Tel Aviv nicht dem Wiener oder Pariser Kaffeehausleben glich, das auch viele der Architekten vor der Emigration zumeist geführt hatten, schlug diese Lebensart in Tel Aviv Wurzeln. Man sass und sitzt gern in Cafés, liest Zeitung, trifft Bekannte.
Besonders in der Gegend um den Rothschild-Boulevard findet man zahlreiche Bauwerke im Stil des Bauhauses. Carl Rubin konzipierte mehrere Häuser am Rothschild-Boulevard, deren Wohnungen allesamt Zugänge zu Balkons erhielten – was angesichts der in Tel Aviv vorherrschenden Temperaturen von den Bewohnern dankbar angenommen wurde.
Anfang der dreissiger Jahre begannen die zumeist aus verschiedenen europäischen Ländern, speziell aus Deutschland und Österreich, eingewanderten Architekten die Formensprache des Bauhauses im neuen, mediterranen Kontext fortzuschreiben. Beispielhaft sei die Arbeitersiedlung Meonot Owdim des sozial engagierten Bauhausschülers Arieh Sharon genannt, die er in Anlehnung an das Dessauer Studentenwohnheim konzipiert hatte. Zwischen 1933 und 1939 konnten die Tel Aviver zusehen, wie ihre «Weisse Stadt» aus dem Boden emporwuchs; es sollte die modernste Stadt der Welt werden. Viele Gebäude im Bauhaus-Stil entstanden, weisse, kubusförmige Wohnhäuser. Charakteristisch für den Bauhaus-Stil in Tel Aviv ist die fast ausschliessliche Verwendung von Zement und Gips, was sowohl auf regionale klimatische Bedingungen in dem sonnigen Land mit den heissen Sommern als auch auf finanzielle Zwänge in der Gründerzeit zurückzuführen ist. Die Gegebenheiten und beschränkten Möglichkeiten der Aufbaujahre liessen nur wenig Spielraum für idyllische Utopien. Millionen von Einwanderern zu einem Dach über dem Kopf zu verhelfen, hatte einfach eine höhere Priorität als ästhetische Überlegungen. Dieser Umstand bescherte nicht nur Tel Aviv so manche architektonische Monstrosität. Doch neben zahlreichen Bausünden finden sich in Israel auch Zeugnisse des Besten, was die moderne Baukunst vorzuweisen hat.

Weltkulturerbe Bauhaus

In Tel Aviv entwickelte sich ein ganz eigener Baustil, indem gerade diese Stadt zu einem Experimentierfeld der Bauhaus-Anhänger wurde. Die Stadt ist in weiten Teilen eine Art Open-Air-Museum für die Bauhaus-Baukunst. Tel Aviv birgt insgesamt etwa 2000 Gebäude im Bauhaus-Stil, von denen 250 als besonders einzigartig gelten. Im Juli 2003 hat die Unesco die Metropole am Mittelmeer wegen dieser vielen nunmehr historischen Gebäude zum Weltkulturerbe erklärt und damit auch den Leistungen all jener Baumeister, die während der britischen Mandatszeit eingewandert waren, eine – späte – Würdigung zuteilwerden lassen. Tel Aviv ist eine von insgesamt acht Metropolen, die eine Auszeichnung aufgrund ihrer einzigartigen Gebäude im Bauhaus-Stil bekamen. Etliche der historischen Gebäude sind jedoch renovierungsbedürftig. Der Zahn der Zeit nagte in Form der salzigen Winde, die vom Meer herüberwehen, an der Substanz und setzte den Baumaterialien zu. Es haperte an Erfahrungen, wie solchen Schäden begegnet werden könnte – und den Eignern oft an Geld, um Reparaturen durchzuführen. Die Instandsetzung des Weltkulturerbes bringt nun hohe Kosten mit sich, doch Tel Aviv verspricht sich von den Investitionen einen Aufschwung. Seit knapp einem Jahr wird die einzigartige architektonische Freiluft-Sammlung der Stadt um ein Bauhaus-Museum erweitert, das am 25. April 2008 eröffnet wurde. Die erste Ausstellung präsentierte eine Auswahl an Bauhaus-Möbeln, Grafiken, Leuchten, Glas- und Porzellanwaren, die von bekannten Bauhaus-Künstlern wie Marcel Breuer oder Mies van der Rohe geschaffen wurden. Das Museumsgebäude selbst entstand in den zwanziger Jahren und wurde ein Jahrzehnt später durch den Architekten Shlomo Gepstein im passenden Stil erweitert. Schliesslich wird das – doppelte – Jubiläumsjahr von Tel Aviv und Bauhaus natürlich auch in Deutschland begangen, und das nicht nur in Dessau und Weimar. Bis Anfang Februar feierte etwa die Pinakothek in München in einer Schau die Gründung Israels und in diesem Rahmen auch das Schaffen des 1934 nach Palästina ausgewanderten Architekten Munio Gitai Weintraub. Und im Herbst 2009 wird die vom Zentrum für Zeitgenössische Israelische Kunst konzipierte Ausstellung «Stadt der Träume» mit Originalfarbzeichnungen des langjährigen Stadtarchitekten Tel Avivs, Sergio Lerman, die verschiedenen Stilrichtungen, vor allem den Einfluss des internationalen Bauhaus-Stils, aber auch den der  arabischen Kultur, beleuchten sowie Arbeiten wie die vom Bauhaus inspirierten Skulpturen des israelischen Künstlers und Leiters des Kunstvereins Tel Aviv, Arie Berkowitz, zeigen. Stellvertretend wird damit auch den vielen anderen emigrierten Baukünstlern nachgespürt, für die das Land Israel, und insbesondere die Stadt Tel Aviv, zur neuen Heimat wurde.    ●


Katja Behling ist Journalistin und Publizistin. Sie lebt in Hamburg.