Tausend Jahre danach

von Claus Stephani, October 9, 2008
Zwei beeindruckende Ausstellungen zur Geschichte und Kultur des Judentums bereichern derzeit die vielfältige Palette der herbstlichen Veranstaltungen in der bayerischen Landeshauptstadt.

So präsentiert die Gesellschaft zur Förderung Jüdischer Kultur und Tradition in den Räumlichkeiten des Bayerischen Hauptstaatsarchivs eine umfangreiche Dokumentation zum Thema «Juden in Polen». Anhand von über 200 Fotografien auf 24 grossen Schautafeln wird die tausendjährige Geschichte und Kultur, vom 11. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart, dargestellt und einem breiten Publikum zugänglich gemacht.
Die ersten jüdischen Handwerker und Kaufleute liessen sich an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert in polnischen Städten wie Kalisch und Krakau nieder; sie waren vorher während der Pogrome und Plünderungen im Verlauf der Kreuzzüge aus deutschen Ortschaften vertrieben worden, und sie nahmen mit sich eine noch junge Sprache - das Jiddische, ein mittelhochdeutsches Idiom, das sich in den neuen Siedlungsgebieten weiterentwickelte. Der weitgespannte Bogen - wobei hier nicht auf Namen und Ereignisse eingegangen werden kann - endet mit dem Holocaust und den antisemitischen Ausschreitungen, die es noch nach dem Zweiten Weltkrieg hier gegeben hat: Am 4. Juli 1946 wurden während eines Pogroms in Kielce (nördlich von Krakau) 42 Juden ermordet, und nach dem israelisch-arabischen Sechs-Tage-Krieg (1967) löste im Jahr darauf die kommunistische Partei eine gesteuerte «antizionistische» Kampagne aus, wonach Tausende Juden unter Zurücklassung ihres Besitzes zur Emigration gezwungen wurden.
Doch heute gibt es - trotz Hetztiraden einiger Politiker, trotz Demonstrationen von Skinheads in der Gedenkstätte Auschwitz und Schändungen von Friedhöfen und Denkmälern - wieder ein Jüdisches Theater und das Jüdische Historische Institut in Warschau, und 1994 wurde auch eine jüdische Grundschule eröffnet und der Sportverein Makkabi neugegründet. Seit 1988 werden in Kazimierz, dem ehemaligen jüdischen Stadtteil von Krakau, Kulturfestivals durchgeführt, die jedesmal ein internationales Publikum anziehen, und es folgt die späte Erkenntnis, dass polnisch-jüdische Kulturkontakte heute sich gegenseitig ergänzen und bereichern können. In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Jüdische Studien, Heidelberg, entstand die Ausstellung «Vom Mittelalter in die Neuzeit: Jüdische Städtebilder: Frankfurt - Prag - Amsterdam, mit Sonderteil Jüdische Hochschulen in Deutschland», die ebenfalls im Bayerischen Staatsarchiv gezeigt wird. Mit Hilfe eines umfangreichen Bild- und Textmaterials wird das Leben im Laufe der Jahrhunderte in den drei grossen jüdischen Metropolen Europas vorgeführt. Dabei erfährt man, dass bereits im Jahr 970 eine jüdische Gemeinde auf der Kleinseite Prags dokumentarisch erwähnt wird und schon 1097 das jüdische Viertel in der Prager Altstadt (der späteren Judenstadt mit Selbstverwaltung) existiert hat. 1124 entstand die erste Synagoge auf der Kleinseite und bald danach die Altschul in der Altstadt.
Die erste schriftliche Erwähnung einer jüdischen Ansiedlung in Frankfurt stammt aus dem Jahr 1152, doch keine hundert Jahre später, 1241, führen Anschuldigungen, die Juden hätten sich mit drohenden Stämmen aus dem Osten verbunden, zu einem Massaker, wonach es periodisch immer wieder zu Pogromen und Raubzügen kommt. Die Verfolgungen jüdischer Bürger kulminieren - nicht nur in Frankfurt - zur Zeit Johannes Pfefferkorns, 1507-1510, eben eines getauften Juden, und dann während des Wirkens Martin Luthers, der in seiner berüchtigten Schrift, «Von den Juden und ihren Lügen», 1543, forderte, man solle «den Juden die Zunge zum Nacken herausreissen (...), ihre Synagogen verbrennen, ihre Häuser zerstören (...) das Leben verbieten». Das haben dann 400 Jahre später die Nationalsozialisten nach eigener Ideologie durchgeführt. Die Entstehung der jüdschen Gemeinde in Amsterdam fällt in die Zeit der Vertreibung der Juden von der iberischen Halbinsel Ende des 15. Jahrhunderts und dem Fall der holländischen Kolonie in Brasilien, 1654, wonach sich viele Sefarden in Nordwesteuropa ansiedeln. So wurde 1598 die erste sefardische Gemeinde Bet Ja’akov gegründet, und 1608 entstand die zweite sefardische Gemeinde, Neve Schalom.
Bei jeder der drei Metropolen werden die Informationen nach Kapiteln gegliedert: Ansiedlung, Gemeinde, Wirtschaftsleben, Religion und Kultur, Emanzipation usw. Gleichzeitig wird auf hervorragende Persönlichkeiten des Judentums hingewiesen: Samson Wertheimer (1658-1724), Joseph Süss Oppenheimer (1698-1738), Moses Mendelsohn (1729-1786), Meyer Amschel Rothschild (1743-1812), Ludwig Börne (1786-1837) in Frankfurt, Rabbi David ben Abraham Oppenheim (1664-1736) in Prag, Baruch Spinoza (1632-1677) in Amsterdam u.v.a.
Der zweite Teil dieser Ausstellung skizziert die historische Entwicklung «Jüdischen Lernens» - von der Talmudakademie (Jeschiwa) bis zur Wissenschaft des Judentums in Deutschland, in deren Tradition sich die Hochschule für Jüdische Studien, Heidelberg, die zu diesem Anlass auch ein reich illustriertes Begleitheft (34 Seiten, 122 Abb.) herausgebracht hat, sieht. Die beiden, sorgfältig konzipierten Ausstellungen vermitteln eine Fülle von Informationen, die gerade heute, wo immer noch Unverständnis und Intoleranz das Blickfeld mancher Zeitgenossen blockieren, von allgemeinem Nutzen sind. Sie können bis zum 30. November besichtigt werden.