Superbowl ohne jüdischen Touch?
Seit einem Monat befindet sich die US-Sportgemeinschaft im Ausnahmezustand: Die NFL-Playoffs faszinieren wie jedes Jahr die Massen. Die Stars der «Pille für den Mann» werden vergöttert und bewundert. So ist es auch bei Chad Levitt, 24jähriger jüdischer Running Back des Meisterschaftsfavoriten St. Louis Rams, der in seinen ersten Playoffs zwar nur sporadisch ins Team berufen wurde (der etatmässige Running Back ist Superstar Marshall Faulk), aber gleich in seinem ersten NFL-Jahr ins Superbowl einzieht. Schätzungsweise 800 Millionen Fans auf der ganzen Welt werden das Spiel der Spiele «live» mitverfolgen. Es waren schliesslich nicht viele der insgesamt zehn jüdischen NFL-Cracks, die es in die Playoffs schafften. Aber alle kamen dafür bis in die Halbfinalspiele. Jerry Wunsch von den Tampa Bay Buccaneers konnte sich zusammen mit Teambesitzer Malcolm Glazer bis vier Minuten vor Schluss im Superbowl-Finale (wird dieses Wochenende in Atlanta gespielt, SAT 1 live ab 23.30 Uhr) wähnen. Bis dann Rams-Quarterback Kurt Warner ein «Big Play» in die Endzone zu Receiver Ricky Proehl warf und die Rams inklusive Chad Levitt ins Land der Träume brachte. Ein besonderes Duell zwischen zwei jüdischen Teambesitzern gab es übrigens in den Viertelfinals: In Tampa lieferten sich Glazers Buccaneers und Dan Snyders Washington Redskins ein spannendes Match mit dem besseren Ende für Glazer. Es war an einem Samstagabend - was für ein Shabbat-Ausklang für die beiden Football-Freaks in der Chefetage!
Jay Fiedler gibt nicht auf
Enttäuschend verlief der Sonntag auch für Jay Fiedler von den Jacksonville Jaguars. Der einzige jüdische Quarterback der NFL musste nun zum zweiten Male in Folge als Backup-Quarterback (zweiter Spielmacher hinter Mark Brunell) im Halbfinalspiel als haushoher Favorit vor heimischem Publikum mitansehen, wie die Superbowl-Felle gegen die geschickten und cleveren Tennessee Titans davonschwammen. Bereits im Jahr zuvor verlor er, damals als Backup-Quarterback der Minnesota Vikings (hinter Randall Cunningham) in den Semifinals (gegen Atlanta mit dem jüdischen Offensive Linebacker Adam Schreiber) und ist somit einer der «tragischen Helden der letzten zwei Jahre»: Zweimal nur Ersatz und zweimal im Halbfinale gescheitert. Aber Jay Fiedler gilt als einer der besten Ersatz-Quarterbacks der Liga und in diesem Jahr zeigte sich, wie entscheidend dies für ein Team mit Verletzungspech sein kann: Kurt Warner beispielsweise, der Teamkollege von Chad Levitt, startete als Nummer Drei des Quarterback-Teams in die Vorbereitung zur Saison und ist nun der grosse Star.
Gleiches gilt für Shaun King, Rookie-Quarterback der Tampa Bay Buccaneers: der Teamgefährte von Jerry Wunsch musste nach den Verletzungen von Trend Dilfer und Rob Zeier einspringen und führte die «Freibeuter» von Besitzer Mal Glazer bis fast in den Superbowl! Unter diesen Voraussetzungen wartet Jay Fiedler geduldig auf seine Chance. Ausser Jerry Wunsch war also keiner der drei jüdischen Musketiere Stammspieler in den NFL-Playoffs. Doch andere Stars jüdischen Glaubens haben in dieser NFL-Saison ihren Platz im Team untermauert. Speziell hervorzuheben ist die Leistung von New York Giants-Offensive Linebacker Maike Rozenthal. Er führte das Team bis fast an die Playoffs (eine Niederlage zuviel für den Einzug in die sogenannten «Wild Card Games») und war der grosse Dirigent der Offensiv-Verteidigung. Der kräftige Rozenthal kam aus der berühmten College Football-Kaderschmiede «Notre Dame» zu New York. Die Kritiker und Experten bescheinigten ihm auch in seiner vierten Saison einen Platz als einer der besten Offensiv Linebacker der Liga.
Ebenfalls nicht in die Playoffs, aber zu einem Stammplatz schafften es andere jüdische Offensive Linebacker (auffällig viele spielen diese Position): Harris Barton von den San Francisco 49ers musste mitansehen, wie die ehemals stolzen Erben Scott Youngs in dieser Saison untergingen. Auch Adam Schreiber, im Vorjahr noch im Superbowl mit den Atlanta Falcons, kam zum Einsatz, das Team brillierte aber kaum und verpasste ganz klar die Playoffs. Ein weiterer Offensive Linebacker eines ehemaligen Superbowl-Abonnenten war machtlos: Lennie Friedman vom zweifachen und entthronten Superbowl-Sieger Denver Broncos hatte eine schwere Saison zu verkraften. Schliesslich ist noch Alex Bernstein von den Cleveland Browns einer der Offensive Linebacker jüdischen Glaubens. Aber niemand tippte die Browns auch nur annähernd in die Playoff-Plätze, so war es auch nicht verwunderlich, dass für Bernstein und die Cleveland Browns im Dezember 1999 die Saison zu Ende ging. Kaum besser erging es Scott Slutzker von den New Orleans Saints. Der Tight End kam wenig zum Einsatz in einem desolaten Team, das nur drei Siege in 16 Spielen errang. Und ebenso gross war die Enttäuschung in dieser Saison bei Pittsburgh Steelers-Punter Josh Miller, der mehr von der Saison erhoffte. Immerhin zählt er zur festen Grösse im Team.
Jüdische Ehre retten
Die «Ehre» der jüdischen NFL-Stars kann nun am kommenden Sonntag Chad Levitt retten. Nach dem Ausscheiden von Tampas Jerry Wunsch und seinem Teambesitzer Malcolm Glazer sowie dem Aus der Jacksonville Jaguars mit Jay Fiedler gegen die Tennessee Titans, ist er der letzte «Mohikaner» im Rennen um den Superbowl-Ring.
Der Autor ist Chefredaktor zweier Sportfachzeitschriften («Sport-Hit» und «Offensiv»), Leiter der Sportnews-Agentur Working Press Basel.