Suche nach der Identität
TACHLES: Am Sonntag erhalten Sie in Zürich den Max-Frisch-Preis, am 100. Geburtstag des Schriftstellers. Überraschend ist, dass die Jury eine jüdische Schriftstellerin aus Deutschland auszeichnet.
BARBARA HONIGMANN: Ja, und ich war sehr erfreut, aber auch erstaunt. Vielleicht wollte man eben genau keine Doppelung von Max Frisch auszeichnen? Frau, Deutsche, jüdisch, aus dem Osten ...
Frisch hat viel über Deutschland nachgedacht und geschrieben, ist gleich nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland gereist. Hat er Sie literarisch irgendwie beeinflusst?
In seinen Tagebüchern habe ich viele Berührungspunkte mit ihm gefunden, wenn auch natürlich mit gut einer Generation Abstand. Max Frisch kam 1947 nach Berlin und hat dies in einer Weise beschrieben, die ich aus Erzählungen meiner Eltern in vielen Details kannte. Das hat mich unheimlich berührt.
Die Jury begründet die Auszeichnung unter anderem auch mit Ihrem – jüdischen – Thema, der Emigration. Was bedeutet sie für Sie selbst?
Ich bin wie so viele aus Ostberlin weggegangen, aber ich benutze dafür nicht gerne den Begriff Emigration. Ich bin ja nicht geflohen. Ich hatte einfach keine Lust mehr, da zu bleiben.
Ihre Biografie weist aber doch herausfordernde Brüche auf: In Ostberlin aufgewachsen und in den Westen und letztlich nach Frankreich gezogen; das zuvor wohl unbekannte Judentum entdeckt.
Ja, richtig, aber das waren freiwillig gewählte Lebenswendungen. Das ist der Unterschied zu Brechts Aussage «Wir, die wir die Schuhe öfter als die Länder wechselten». Natürlich waren das grössere Veränderungen, wobei das Judentum für mich als zuvor assimilierte Jüdin langsam gewachsen ist.
An Ihrer Literatur fällt auf, dass sie sehr persönlich gefärbt ist, eine Suche nach Herkunft und Beschreibung Ihrer eigenen Identität und deren Transformationen. Die Aufarbeitung einer komplexen Geschichte?
Ja, aber – ohne einschränken zu wollen – das ist ja auch das, was ich an Max Frisch so berührend finde. Dass er, obwohl er ein engagierter Mann war und sich als Schriftsteller auch dazu bekannte, sehr darauf insistiert, keine Ideologien zu verbreiten, sondern Geschichten von Menschen zu beschreiben und dabei nahe heranzugehen. Ich beschreibe meine Familiengeschichte einfach, weil ich diese am besten kenne und vielleicht auch durchschaue. Sie ist mir einfach nahe, und weshalb soll ich etwas beschreiben, das mir nicht so nahe ist und das ich vielleicht gar nicht verstehe?
Wobei Frisch oft abstrahiert, Modelle beschreibt, während bei Ihnen vieles persönlicher, greifbarer ist.
Obwohl seine Romane natürlich perfekt sind, hätte ich mir bei Frisch manchmal gewünscht, dass er weiter gegangen wäre, weil es für mich stellenweise zu modellhaft ist.
Er versuchte wohl zu seiner Zeit aufgrund dessen, was er gesehen hatte, die Menschen mit seiner Literatur zu beeinflussen, zu verändern. Im Gegensatz zu Ihnen.
Ich bezweifle auch, dass Frisch das wollte. Ich glaube es nicht, obwohl er sich manchmal wohl einfach nicht zurückhalten konnte. Aber in seiner Literatur findet man nichts Ideologisches.
Als jüdische Autorin haben Sie Deutschland verlassen und leben nun in Frankreich. Warum?
Mein Mann und ich – die wir uns beide in Ostberlin unserem Judentum zu nähern versuchten – fanden, dass dies in Deutschland schwierig ist. Zu belastet, zu konfliktreich, zu verklemmt. Wir wollten irgendwo hingehen, wo das alles entspannter ist, und haben uns für Strassburg entschieden, von dem wir hörten, dass es eine sehr lebendige jüdische Stadt ist.
Sie wollen, wie Sie schrieben, Ihr Judentum nicht in Auschwitz oder Jerusalem finden, sondern im Leben. Ist Ihnen das in Strassburg gelungen?
Ja, das haben wir hier wirklich gefunden; dafür ist Strassburg ein guter Ort. Es gibt dort viele informelle Gruppen und Kreise, wo wirklich gelernt wird, wo kein Ritual- oder Zeremonialjudentum – wie zum Teil etwa in Paris – herrscht.
Sprich, es gibt es eine traditionelle Tendenz des Lernens, des Verstehens der Dinge aus dem Inhalt.
Ja, genau. Interessant ist, dass in Strassburg beispielsweise Chabad Lubavitch, die ja weltweit sehr erfolgreich sind, praktisch keine Rolle spielen. Das hat wohl auch mit dem Einfluss des französischen Philosophen Emmanuel Lévinas zu tun, der sehr quellenbewusst war. Seine Impulse sind hier vermehrt aufgenommen worden, und ich finde, dass dies dem jüdischen Leben gut getan hat.
Also nicht eine Frage der Religiosität, sondern der Authentizität.
Wahrscheinlich, was immer das auch sein soll. Aber jedenfalls nicht so etwas Leeres, Entleertes, Äusserliches, keine Folklore.
Das beschreiben Sie ja – manchmal auch selbstironisch – in Ihren Büchern: ein lebendiges, selbst gelebtes Judentum. Gibt es das in Deutschland selten?
Ich glaube ja, aber ich kenne es inzwischen nicht mehr so genau. Es spielt sich wohl aber nicht mehr sehr viel ab. Es fehlen eben diese Impulse von Lévinas und anderen.
Sie haben elf Wochen in New York gelebt, ein Buch darüber geschrieben. New York, das für Frischs Werk ja auch wesentlich wurde. Was war für Sie die Erkenntnis aus diesem Aufenthalt?
So stark wie bei Frisch, der längere Zeit dort lebte, war sie nicht. Für mich war einfach schön, dass ich nicht als Touristin hinging, sondern dort einige Wochen leben konnte, ohne meinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Es gibt dort eben alles, man kann alles finden. Es ist schon fast etwas Metaphysisches und gibt einem das Gefühl: Hier könnte ich leben. Obwohl es vermutlich schwierig wäre, sich seinen Lebensunterhalt in New York verdienen zu müssen ...
Geht es darum, dass in New York a priori jeder einmal gleich ist beziehungsweise nicht fremd ist?
Ja, das ist richtig. Es ist der einzige Ort, wo auch Jude Sein absolut uninteressant ist. Jeder kann Jude sein, so viel er will, muss seinen eigenen Stil finden, aber für den anderen ist das überhaupt nicht von Interesse, ob er Chinese oder sonst etwas ist. Es gibt da auch so viele verschiedene Arten, verrückt zu sein, dass Jude Sein quasi noch normal ist. Das ist eine Erfahrung, die man sonst nirgends machen kann.
Gibt es etwas, das Sie aus Ihrer Jugend in der DDR heute vermissen, das grundsätzlich anders war?
Die persönlichen Beziehungen, die Freundschaften sind im Westen anders codiert. Und ich habe den Code immer noch nicht richtig geknackt. Nicht, dass ich etwas vermissen würde. Aber manchmal fühle ich mich in dieser Hinsicht etwas verloren, weil ich nicht genau weiss, wie sich diese Geflechte und Netzwerke entwickeln und wie man das handhabt und was es bedeutet.
Hat es damit zu tun, dass das Materielle hier und heute eine andere Bedeutung hat als damals in der DDR?
Wahrscheinlich ja. Ich war 35, als ich in den Westen gekommen bin und habe vermutlich nicht mehr so richtig gelernt, was es hier bedeutet, Freund zu sein. Ich bin darin zwar ziemlich begabt, aber vielleicht gehe ich jeweils zu weit.
Und was gab es im Westen an neuen Erfahrungen?
Viel. Die Konsumgesellschaft, die mich bis heute schockiert. Es ist schön, dass es überall Cafés gibt, wo man sich nach dem Theaterbesuch noch treffen kann. Aber wenn ich einfach Joghurt kaufen will und es gibt unendlich viele Sorten, dann kriege ich Kopfschmerzen, wenn ich das schon nur sehe. Auch wenn ich es – trotzdem – a priori gut finde, dass man alles haben kann.
Das ganze Interview mit Barbara Honigmann ist zu hören unter www.tachles.ch/radio.