«Studien sind nicht mehr zu verhindern»
«Machtgerangel in der Bergier-Kommission» lautete kaum einen Monat nach dem Halbzeitgespräch der UEK - nach ihrem Präsidenten auch Bergier-Kommission genannt - am 23. Juli die Schlagzeile auf der Frontseite der «Berner Zeitung». Forschungsleiter Jacques Picard sei «teilentmachtet» und Generalsekretär Linus von Castelmur der neue starke Mann. «Haben jetzt die Bremser das Sagen?», bangte das Blatt. Genannt wurde ausser dem Generalsekretär auch der Bankenspezialist und Historiker Benedikt Hauser, wissenschaftlicher Mitarbeiter der UEK, der nun, wie auch der Historiker Marc Perrenoud, gemeinsam mit Linus von Castelmur, der seinerseits als Historiker unbestritten ist, die operative Seite der Kommissionsarbeit betreut. «Opportunistisch» wurde dieses Trio allerdings gegenüber der «Berner Zeitung» von einem Kommissionsmitarbeiter genannt. Hauser sei ein ehemaliger Angestellter einer Grossbank und der Diplomat Castelmur der «Wachhund des Bundesrates». Das Fazit: Beide würden kaum gegen die Interessen ihres Umfelds handeln. Verständlicherweise wehren sie sich gegen diese Interpretationen, vor allem mit dem Argument, die Kommission bestehe aus lauter unabhängigen Persönlichkeiten, die sich wohl kaum von ihnen manipulieren lassen würden, was sicher richtig ist. Anfang August griffen auch die Wochenzeitungen «WoZ» und «Weltwoche» das Thema auf.
Befangenheitsvorwürfe
Die Befangenheitsvorwürfe, namentlich gegen Castelmur, die in den drei Zeitungen und anschliessend hinter allerlei Kulissen zur Sprache kamen, waren nicht die einzigen: Der Generalsekretär habe zudem die wissenschaftlichen Mitarbeiter «Archivmäuse» und gar «Negerlein» genannt. Allerdings gehe der ihm zugeschriebene Ausdruck «Archivmäuse», so Linus von Castelmur, auf niemand anderen als Kommissionspräsident Jean-François Bergier zurück, der gleich zu Beginn vor dem Mitarbeiterstab in altväterisch-herablassender Art von «rats d’archives» gesprochen habe. Er hatte dies wohl kaum böse gemeint, aber der Ausdruck stiess den jungen Historikern verständlicherweise sauer auf. Andere wollen von Bergier statt dessen lediglich den Ausdruck «soldats d’archives» gehört haben.
Vom Castelmur wird insbesondere vorgeworfen, er habe die wissenschaftlichen Mitarbeiter kürzlich aus ihren fixen Anstellungen in «flexible» Arbeitsverträge entlassen wollen. Dieses Vorgehen hätte die Mitarbeiter unter erheblichen Druck gesetzt, woraus sie auch keinen Hehl machten. Linus von Castelmur sieht auf Anfrage diese Tatsache nicht derart drastisch; Druck sei von ihm nicht beabsichtigt worden. Die Massnahme wäre im Zusammenhang mit der geplanten Verkleinerung der Mitarbeiterzahl gestanden. Allerdings intervenierte die Gewerkschaft VPOD in der Person von SP-Nationalrat Peter Vollmer scharf gegen die Massnahme. Daraufhin stoppte die Kommission diese Pläne ihres Generalsekretärs. Was steckt hinter den Turbulenzen? Tatsache ist: Jacques Picard reduzierte am 1. Juli dieses Jahres seine bisher operative Arbeit für die UEK von 80 auf neu 50 Prozent, um Verpflichtungen für anderweitig laufende Projekte eingehen zu können. Als Delegierter für Forschungsfragen in der UEK wird er sich künftig auf die strategische Ebene konzentrieren. Die operative Arbeit wird vom genannten Triumvirat besorgt.
Neues Modell
Jacques Picard bestätigt, dass er auf eigenen Wunsch sein Pensum reduziert und seine operative Tätigkeit zugunsten der strategischen Arbeit verlagert habe. Damit sei gewährleistet, dass er von der Doppelbindung befreit sei, die er als Mitglied der Kommission einerseits und als Impulsgeber und Begleiter der Forschungsteams andererseits zweieinhalb Jahre lang wahrgenommen habe. In dieser Zeit seien die Aufbau- und die Archivarbeit weitgehend abgeschlossen worden. So sei es nun Zeit für ein neues und funktionsfähiges Modell der «Checks and Balances» zwischen den Paten und der Kommission einerseits und den Teams und den acht Teamleitern auf der anderen Seite. In der gegenwärtigen Phase sei es der Kommission wichtig gewesen, die strategische und die operative Ebene zu trennen. Die «Weltwoche» nannte denn auch Picards Entscheidung einen «klugen Schachzug». Er könnte allerdings auch als Befreiungsschlag aus der «Einkreisung» gewertet werden.
Wende im Herbst 1998
Im Zentrum der Auseinandersetzungen standen und stehen die Studien als Teilberichte des gesamten Schlussberichtes, der aus 15 Studien und einer zusammenfassenden Synthese bestehen wird (die JR berichtete ausführlich). Jacques Picard konnte im Herbst 1998 an einer Sitzung in Spiez das Kommissionsplenum davon überzeugen, dass gerade diese Studien nicht nur als internes Material behandelt und schubladisiert, sondern als Bestandteil der noch anstehenden Berichte ausgearbeitet und publiziert werden. Für diese Studienprojekte hatte er die Mitarbeitenden veranlasst, eigene Konzepte zu erarbeiten und einzureichen. Dies bestätigte Picard der JR auf Anfrage: Er wäre nicht bereit gewesen, die Verantwortung zu übernehmen für ein mehrjähriges Forschungsvorhaben, das in einem Schlussbericht von wenigen hundert Seiten geendet hätte. Dass der Berg nur eine Maus gebiert, wäre dem Steuerzahler als Gegenleistung für 22 Millionen Franken in der Tat nicht zuzumuten. Dank Picards Vorstoss, der geradezu als Coup bezeichnet werden muss, wird der Schlussbericht rund 2000 Seiten umfassen. Auch der im November zu publizierende, bereits von der Kommission verabschiedete Flüchtlingsbericht gewinnt dank den Spezialstudien an Gewicht und Umfang. Jede Studie wird von zwei oder drei Paten aus der Kommission begleitet, wie es bereits beim Gold-Zwischenbericht und wiederum beim Flüchtlingsbericht praktiziert wurde. Die Studien werden unter dem Namen ihrer Verfasser, aber nach wie vor in der Verantwortung der Kommission und mit dem Bund als Herausgeber publiziert. Doch auch mit diesem neuen System herrschte bei den Mitarbeitern nicht nur eitel Freude. Aufgrund ihrer selbstständig erarbeiteten Studien unterrichteten die Teamleitungen die Kommission von ihrem Wunsch, nicht nur die Studien, sondern auch selber eine Synthese zu schreiben. Die Kommission lehnte jedoch dieses Ansinnen ab, wohl weil sie die Synthese verständlicherweise als ihre eigene Aufgabe betrachtete, für die sie auch die Gesamtverantwortung trägt. Daraufhin ging ein Murren durch die Reihen der Teamleiter, welche sich nun auf die Studien zu beschränken haben. Trotz dieses Unmuts ist das Wesentliche am Ganzen nunmehr unabänderlich gesetzt, nämlich die Ausarbeitung und die Publikation der Studien. Wie Benedikt Hauser in der «WoZ» sagte, seien diese nicht mehr zu verhindern: «Am Programm der Studien könnte sowieso nichts mehr geändert werden.» Ob er damit die Tatsache als solche oder eigene Skepsis in diesem Zusammenhang meinte, geht aus dieser Aussage allerdings nicht klar hervor. von Castelmur erwähnt gegenüber der JR, die Diskussion über die Studien sei keine beabsichtigte Verhinderung von Geschichtsschreibung, sondern lediglich eine Frage der trotz grosszügigem Budget knapp gewordenen Ressourcen. Einige wissenschaftliche Mitarbeitende, die ihre Studien abgeschlossen und abgegeben haben, verlassen die Kommission spätestens Ende Jahr, um neue Ziele zu verfolgen. Aus «Archivmäusen» werden wieder Historikerinnen und Historiker. Es ist klar, wurde auch am Halbzeitgespräch angetönt und von Linus von Castelmur gegenüber der JR bestätigt, dass die Mitarbeiterzahl spätestens Mitte 2000 stark verringert und auf jene beschränkt wird, die nicht nur gut forschen, sondern auch gut schreiben und redigieren können. Vor wenigen Tagen endete die Frist, bis zu welcher sich jeder und jede neu bewerben konnte. Hier wird, so vom Castelmur, Transparenz angestrebt. Mit dem Konzept von Spiez ist jetzt im Wesentlichen verankert, dass ein guter, vielfältiger und breiter Schlussbericht entsteht. In den nächsten zwei Jahren wird es darum gehen, dieses Vorhaben innerhalb der Kommission zu sichern - und von aussen weiterhin sorgfältig zu beobachten.