«Strafverschärfung» für den Antisemiten

Von Peter Abelin, January 28, 2011
Premiere für das neue SIG-Projekt «Judentum, mehr wissen». Der Informationsabend mit einem wegen Rassendiskriminierung zum Besuch verurteilten Mann fand in Sigriswil im Berner Oberland allerdings nicht das angestrebte Publikum.
INFORMATIV Sabine Simkhovitch-Dreyfus und Jonathan Kreutner in Sigriswil

Der Vorfall warf vor einem Jahr hohe Wellen: Im «Sigriswiler Anzeiger» erschien ein krass antisemitischer Artikel, eingesandt von einem lokalen Landwirt und Schwellenmeister. Im Oktober wurde der Mann vom Kreisgericht Thun wegen Rassendiskriminierung zu einer Busse verurteilt. Im Rahmen eines Vergleichs mit einer in der Gemeinde lebenden jüdischen Privatklägerin verpflichtete er sich überdies, an einem Informationsanlass zum Thema Rassismus und Antisemitismus teilzunehmen (vgl. tachles 43/2010). Zu dieser Veranstaltung reisten nun Sabine Simkhovitch-Dreyfus, Vizepräsidentin des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) und SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner letzte Woche bei Schneegestöber ins Berner Oberland.

In der hintersten Reihe

Ein im «Sigriswiler Anzeiger» geschaltetes Inserat («Wollen Sie mehr wissen über das Judentum und die Juden in der Schweiz?») lockte rund 40 Personen an die Veranstaltung nach Sigriswil, darunter auch den zum Kursbesuch verurteilten Mann, der in der hintersten Reihe Platz nahm. Die Besucher lauschten aufmerksam den mit Powerpoint-Folien untermauerten sachlichen Ausführungen, die ein weites Spektrum von der Geschichte des Judentums über die Aufgaben von SIG und jüdischen Gemeinden bis zu Antisemitismus, Holocaust und Israel abdeckten. Kein Wunder, dass die angekündigten anderthalb Stunden des Anlasses bereits vorbei waren, als die Diskussion mit dem Publikum begann.

Gemeinde wies nicht auf Anlass hin

Trotzdem wurden zahlreiche Fragen gestellt. Wie sich dabei zeigte, rekrutierte sich die Zuhörerschaft vorwiegend aus freikirchlich-evangelikalen Kreisen. Im Veranstaltungskalender der Gemeinde fehlte jeglicher Hinweis auf den Anlass, und so liessen sich auch weder Behörden- noch Kirchenvertreter blicken, welche sich seinerzeit vehement gegen die von ihrer jüdischen Mitbürgerin gegenüber der Lokalpresse geäusserten Bemerkung verwahrt hatten, der Antisemitismus sei im Dorf weit verbreitet. Derweil verliess der zum Besuch des Anlasses verurteilte Mann unmittelbar nach dessen Ende fluchtartig den Saal, ohne ein Wort gesagt zu haben. Er empfand die fast einstündige Diskussion wohl als «Strafverschärfung».