Stolz hielt sie die Flamme
In Israel ist die Gesellschaft entweder gewöhnt an bescheidene Frauen, die im Hintergrund bleiben und nur dann in der Öffentlichkeit erscheinen, wenn es sich nicht vermeiden lässt, oder dann an weibliche Politiker und Geschäftsleute mit eigenen, unabhängigen Karrieren.
Leah Rabin war leidenschaftlich und hatte ihre eigene Meinung: Wenn sie etwas oder jemanden hasste, war es vollumfänglich. Sie war derart ehrgeizig, dass man nicht immer genau wusste, wo Yitzchaks Karriere endete und ihre begann. Anthony Throllope’s Novellen sind vielleicht die einzigen Orte, wo sich Figuren dieser Grössenordnung finden lassen: Die Gattinnen des Bischofs und des Erzbischofs, deren Leben unauflösbar verwoben sind mit den Karrieren ihrer Ehemänner; Gattinnen in Vollzeitbeschäftigung, stets persönlich, stets emotional.
Es gab kaum etwas Faszinierenderes als den Kontrast zwischen dem zurückhaltend-linkischen Yitzchak Rabin und der krass extrovertierten Frau hinter ihm, die ab und zu, ohne es zu wollen, der Grund für sein Stolpern war. Das Duo wurde aber zur Einheit in der öffentlichen Arena: Die Krönung dieses schüchternen, bescheidenen Sabra kann man sich ohne sein aus einer Frau bestehendem Gefolge nur schwer vorstellen.
Leah Rabin versah die Rolle der Witwe des Friedens-Märtyrers gleich nachdrücklich und auffallend wie jene der Frau Botschafter, Frau Minister und der First Lady. Die Erinnerung an Yitzchak Rabin wurde zu einem gewaltigen, sich über den ganzen Globus erstreckenden Projekt. Manchmal erreichte es Glanz- und Show-Dimensionen, die im kompletten Widerspruch zur Unkompliziertheit des Rabins standen, den wir kannten.
Auf ihre eigene Art war aber auch Leah unkompliziert. Ihre gefühlsbetonte Hingabe und Dominanz machten sie «kontrovers»; zweifelsohne ist es ihr gelungen, so manchen Menschen auf die Zehen zu treten. Wie glorreich und wichtig war demgegenüber die grundlegende, einfache und direkte Wut, die sie zu entwickeln vermochte und für die Feinde ihres Mannes aufsparte, die sie (in den meisten Fällen zu Recht) mit Feinden des Friedens, der Normalität und dem Wesen Israels selber gleichsetzte. Wie viel Mut und Kraft brachte sie in diesem femininen und emotionalen Akt auf: nicht vergessend, kompromisslos, ohne Vergebung, während um sie herum alle bemüht waren, in Ehrenrettung, Speichelleckerei und Duckmäuserei zu machen.
Alles in allem eine romantische Figur, grösser als das Leben. Leah Rabin, die Ruhelose, Untröstliche und nicht Vergebende ging nun selber in die gleiche «Ewigkeit» ein, an deren Erhaltung sie so hart gearbeitet hatte. In diese schwer zu beschreibende israelische «Ewigkeit», deren Unsterblichkeit nur ihre eifrigsten Verfechter definieren können.
Haaretz
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Ein bewegtes Leben
Nachdem sie monatelang mutig und optimistisch gegen ihr Krebsleiden angekämpft hatte, kamen zum Schluss noch Herzbeschwerden hinzu, und am Sonntag starb Leah Rabin 72-jährig in dem den Namen ihres vor fünf Jahren ermordeten Gatten tragenden medizinischen Zentrum von Petach Tikwah. Die sich über eine Woche hinweg erstreckenden Gedenkanlässe für ihren Mann verfolgte sie noch aktiv vom Krankenbett aus, doch am Sonntagmorgen verfiel Leah Rabin in eine tiefe Bewusstlosigkeit, aus der sie nicht mehr erwachte. Am Mittwoch wurde sie unter der Anteilnahme von hunderten von Trauergästen aus dem In- und Ausland auf dem Jerusalem Herzlberg neben Yitzchak Rabin zur letzten Ruhe gebettet. Zuvor hatte der Konvoi mit ihrem Sarg in Tel Aviv den Rabin-Platz passiert, wo vor fünf Jahren der schreckliche Mord geschah. Leah Rabin kam 1928 in einer wohlhabenden Familie im damals deutschen Königsberg zur Welt. Einen Tag nachdem Hitler an die Macht gelangte, wanderte die Familie ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina aus. Als Gymnasiastin in Tel Aviv lernte Leah ihren späteren Mann kennen, der damals ein Offizier der Palmach war, der Eliteeinheit des jüdischen Militärs in der Vorstaats-Periode. Zuerst begann Leah, an einem Lehrerseminar zu studieren, verliess dieses aber schon bald, um in die Palmach einzutreten. Während des Unabhängigkeitskriegs von 1948, als Yitzchak die Truppen kommandierte, welche die Belagerung um Jerusalem durchbrachen, heirateten die beiden.1967 war Yitzchak Rabin israelischer Generalstabchef und mit verantwortlich für den Sieg des Landes im Sechstagekrieg. Nach einem Aufenthalt des Ehepaars in den USA, wo Rabin Israel als Botschafter repräsentierte, wurde Leah 1974 zur First Lady, als ihr Mann das Amt des Premierministers antrat. Als drei Jahre später die Affäre um das nach den damals geltenden israelischen Gesetzen illegale Dollarkonto Leah Rabins in den USA ausbrach, demissionierte Yitzchak aus Solidarität und zog sich vorübergehend aus dem politischen Leben zurück. 1994, als Rabin wieder Premier war, zog die Verstorbene sich erneut die Kritik der Öffentlichkeit zu, als, wie die Zeitung «Haaretz» schreibt, Soldaten nach einer Brosche suchen mussten, die Leah Rabin im Sand bei der Zeremonie zur Unterzeichnung des israelisch-jordanischen Friedensvertrages verloren hatte. Zuletzt machte sie von sich reden, als sie nach dem Tod ihres Mannes ein Büro und alle damit zusammenhängenden Dienstleistungen verlangte und auch erhielt. Für gewöhnlich gelangen in Israel nur ehemalige Regierungschefs, nicht aber deren Witwen in den Genuss dieser Privilegien. Leah Rabins Leben war aber dadurch geprägt, dass sie ihren Willen praktisch immer durchsetzte.
JU
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Reaktionen aus aller Welt
«Wir haben eine teure Freundin verloren, der Nahe Osten hat eine Freundin des Friedens verloren, doch die Arbeit, der sie und Yitzchak ihr Leben widmeten, muss und wird weiter gehen.» Das erklärten Bill und Hillary Clinton in einem Statement, das sie nach dem Bekanntwerden des Todes von Leah Rabin veröffentlichten. Zuvor hatte der amerikanische Präsident der Trauerfamilie angerufen und dem Vernehmen nach während des Telefongesprächs geweint.
Die Reaktion der Clintons gesellt sich zu vielen aus aller Welt. So schreibt Jihan Sadat, die Witwe des ermordeten ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat: «Leah war eine sehr starke Frau. Uns beiden war ein gemeinsames, trauriges Schicksal beschieden, das eine grosse Freundschaft schuf. Stets bot sie mir eine Schulter, an der ich mich anlehnen konnte. Stundenlang sprachen wir über alles, auch über die grössten Geheimnisse. Wir hatten einen Bund zwischen uns geschlossen und uns geschworen, alles daran zu setzen, um die Träume unserer Männer Wirklichkeit werden zu lassen \"Jetzt, da Leah nicht mehr da ist, hoffe ich, dass ihr Vermächtnis nicht in Vergessenheit gerät\"»
Am Rande der islamischen Konferenz in Qatar unterbrach PLO-Chef Yasser Arafat seine anti-israelischen Hasstiraden für einen Moment und verlieh seiner «unendlichen Trauer» über den Hinschied «der Gattin meines Partners im Frieden der Mutigen» Ausdruck.
In einer offiziellen Erklärung beugt der Likud sein Haupt in Trauer und meint: «Auch die Differenzen, die sie mit dem Likud hatte, können die wichtige Rolle nicht trüben, die Frau Rabin neben ihrem Gatten in der Geschichte Israels spielte.» Und Yossi Sarid von der Meretz-Partei erinnert sich an Leah Rabin als eine Person, die dann die Hoffnung hochhielt, wenn der Geist der Versöhnung zwischen den beiden Völkern zu verschwinden begann. «Sie tat es mit Mut und Intelligenz, und die Lücke, die ihr Tod gerissen hat, wird schmerzhaft fühlbar sein.» Sogar das Ehepaar Benjamin und Sara Netanyahu brachten ihre tiefe Trauer zum Ausdruck, obwohl Leah Rabin den ehemaligen Premierminister mit verantwortlich für die Hetzkampagne gemacht hat, welche Extremisten in den Monaten vor Rabins Ermordung geführt hatten.
Likud-Chef Ariel Sharon, der noch am vergangenen Freitag mit der Verstorbenen telefoniert hatte, meinte: «Leah Rabins langjährige Unterstützung für ihren Gatten und ihr öffentliches Eintreten für die Verewigung seiner Person und seines Werkes waren ein Vorbild für uns alle.» Sharon selber hat erst vor wenigen Monaten seine Gattin Lily verloren.
In einem Telegramm erinnerte der deutsche Bundespräsident Johannes Rau daran, dass Leah Rabin «uns, den Deutschen» ihre Freundschaft gewährt hatte, ohne deswegen den grossen Schmerz der Tragödie des jüdischen Volkes in Deutschland zu vergessen. «Das werden wir ihr nie vergessen.»
JU