Störung geheimer Frequenzen

von Ranit Nahum-Halevy, September 3, 2010
Seit Jahren schon muss sich die Stadt Tel Aviv, ebenso wie andere zentrale Städte in Israel, bei der Realisierung von Hochhausprojekten mit Beschränkungen auseinandersetzen, die das Verteidigungsministerium aufgrund seines streng geheimen Kommunikationsnetzwerks verordnet hat.
HOCHHÄUSER STÖREN DIE KOMMUNIKATION Das Verteidigungsministerium muss den Bau bewilligen


Ein geheimer Kommunikationskanal des israelischen Verteidigungsministeriums soll dafür verantwortlich sein, dass sich viele grosse Tel Aviver Hochhausprojekte verzögern oder verändert werden müssen. Bauunternehmer sind nun dazu aufgefordert worden, die Höhe ihrer Projekte zu reduzieren und damit auf Wohnraum zu verzichten. Zudem sollen sie auch dazu aufgefordert worden sein, die wegen der Bauvorhaben anfallenden Kosten zur Veränderung der Infrastruktur im Verteidigungsbereich mitzutragen.
Eines der jüngsten Beispiele für diese Situation ist ein 20-stöckiges Bürohaus an der Hamasger-Strasse in Tel Aviv. Das vor etwa einem Monat mit Pauken und Trompeten vorgestellte Projekt wird vermutlich wesentlich modifiziert oder zurückgestuft werden, um eine Beeinträchtigung des geheimen militärischen Kommunikationsnetzes zu vermeiden.

Eine Lösung suchen

Die Einwilligung des Verteidigungsministeriums ist eine Vorbedingung für den Erhalt einer Baubewilligung. So ist die Baufirma Azouri Brothers derzeit damit beschäftigt, eine solche Einwilligung zu erringen. Kürzlich haben die Verantwortlichen mit der Vermarktung der obersten Etagen des Projekts begonnen – dabei handelt es sich um die Stockwerke 8 bis 20. Die Objekte sollen bereits im Januar 2011 bezugsbereit sein. Das Projekt ist Bestandteil des Entwicklungsplans der Stadtverwaltung für diese Gegend. Der Plan umfasst Gebäude, die 15 bis 26 Stockwerke hoch sein sollen. In der Nähe ist ein Bürogebäude mit 30 Stockwerken geplant, doch die Zustimmung des Verteidigungsministeriums ist noch nicht sicher.
Ausgehend von den Erfahrungen, die andere Bauunternehmer im Zusammenhang mit dem Kommunikationssystem des Verteidigungsministeriums sowie seinen Forderungen für das Einzugsgebiet von Tel Aviv gemacht haben, könnte Azouri Brothers sich genötigt sehen, dem Ministerium die Kosten zu zahlen, die infolge der Veränderungen am Kommunikationsnetzwerk in der Nachbarschaft der Neubauten entstehen. Nicht ausgeschlossen ist zudem, dass sie gezwungenermassen die Höhe des Gebäudes reduzieren und vielleicht sogar die Bauarbeiten an den obersten Stockwerken einstellen müssen, bis eine Lösung gefunden ist.

Hohe Kosten

Einzelheiten über die Standorte von Bauprojekten in Tel Aviv, die von den Einschränkungen des Verteidigungsministeriums betroffen sind, fallen unter die Geheimhaltung. Sowohl das Ministerium als auch die zuständigen Stellen in der Stadtverwaltung haben Gesuche nach mehr Information zurückgewiesen. Eine mögliche Beeinträchtigung des Kommunikationsnetzes hat die Pläne vieler grosser Projekte in der Stadt beeinträchtigt. So auch den sich in Arbeit befindlichen Hochhaus-Komplex für das offene Gelände in der Mitte des zentralen Platzes Kikar Hamedina. In diesem Falle werden die Bau­unternehmer, die die Unterstützung der Stadt Tel Aviv für das 43-stöckige Projekt geniessen, vielleicht bis zu zehn Millionen Schekel zahlen müssen, damit Teile des Kommunikationsnetzes entweder örtlich verlegt oder unter die Erde platziert werden können.

Projekte zurückfahren

Die Probleme haben dazu geführt, dass die Gruppe U. Dori Pläne aufgegeben hat, am Nordrand von Tel Aviv zwei Wohnhäuser mit acht bis elf Stockwerken und total 74 Wohneinheiten zu errichten. Obwohl das Projekt bereits grünes Licht von der Stadtverwaltung erhalten hatte, wird an der gleichen Stelle nun doch nur ein Haus mit zwölf Stockwerken und insgesamt 60 Wohnungen entstehen. Als Folge der Einsprüche des israelischen Verteidigungsministeriums haben neben Tel Aviv auch die Stadtverwaltungen von Netanya und Herzlia mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.

Langwierige Verfahren

Die Kosten für Verlagerung des gesamten geheimen Kommunikationsnetzes unter die Erde werden auf 55 Millionen Schekel geschätzt. Vor drei Monaten hat der Tel Aviver Stadtrat zugestimmt, für diese Arbeiten 40 Millionen Schekel zu reservieren, und Binyamin Netanyahu hat eingewilligt, die restlichen 15 Millionen Schekel beizusteuern. «Für fast jeden Wohnturm, der in Tel Aviv entsteht», sagt Architekt und Städteplaner Moshe Tzur, «erhalten wir vom Verteidigungsministerium Wünsche bezüglich seines Kommunikationssystems. Allgemein kann man sagen, dass rund 50 Prozent aller Hochhausprojekte im Grossraum von Tel Aviv mit solchen Problemen konfrontiert sind.» In Herzlia musste das Zentrum Gav-Yam auf drei der insgesamt ursprünglich geplanten elf Stockwerke verzichten. Die Verhandlungen mit dem Ministerium sind, wie Tzur meint, kompliziert und langwierig und dauern nicht selten zwei Jahre. Die Thematik ist für Tzur ein «wichtiger Faktor» bei der Landerschliessung und -entwicklung.