Sternstunden der israelischen Armee
Auf Haiti, dem vom Erdbeben erschütterten Inselstaat in der Karibik, hat sich die israelische Armee mit ihrem Feldkrankenhaus und den auf Katastrophen spezialisierten Suchtruppen nach wenigen Tagen schon verdient gemacht. Noch in der Nacht auf Mittwoch, also rund eine Woche nach dem Beben, gelang es israelischen und amerikanischen Spezialisten in einer Gemeinschaftsaktion, zwei Kinder lebend aus den Ruinen zu bergen. Trotzdem wurde beschlossen, den Schwerpunkt der Arbeit auf die Hilfe für Verletzte und Obdachlose zu konzentrieren und nur noch dann nach Überlebenden zu suchen, wenn irgendwo eindeutige Lebenszeichen zu vernehmen sind. Bis Mittwoch vollzog das israelische Ärzteteam über 300 lebensrettende Operationen und half rund zehn Babys, das Licht der Welt zu erblicken. Dass diese Kleinkinder Namen wie Israel, Israela oder Abraham erhalten, ist ein unerwarteter Nebeneffekt der Bemühungen der Retter mit dem blauweissen Davidstern an der Uniform.
Professionelle Hilfe
Oft darf das israelische Team, dessen über 200 Mitglieder nicht selten rund um die Uhr arbeiten, den Applaus auf offener Szene von der Lokalbevölkerung entgegennehmen, und sogar internationale Medienvertreter wie die von CNN berichten über das «unglaubliche Funktionieren» des israelischen Feldspitals und über die erfolgreiche Arbeit der israelischen Chirurgen. Auch die an die Israeli gerichteten Worte Bill Clintons («Danke, Sie sind professionell») gingen um die Welt. Der ehemalige US-Präsident hielt sich als Uno-Sonderbotschafter auf Haiti auf. Solche Berichte finden ihren Weg vor allem in die Wohnzimmer im englischsprachigen Raum, während man sich im deutschsprachigen Europa traditionsgemäss eher bedeckt gibt. Die israelische Einsatztruppe will noch rund eineinhalb Monate auf Haiti bleiben.
Eine realistische Einschätzung
Während «Merci, Israel!» oder «Israel is good» vom haitianischen Hilfspersonal wieder und wieder auf israelischen TV-Kanälen zu sehen und zu hören ist – solche Sympathiekundgebungen für den jüdischen Staat hatten in den letzten Monaten eher Seltenheitswert –, lassen Kommentare in israelischen Zeitungen bereits wieder Nachdenklichkeit durchschimmern. So schrieb Eitan Haber, Bürochef des ehemaligen Premierministers Itzhak Rabin, am Mittwoch in «Yediot Achronot»: «Diese schwierigen Tage auf Haiti sind auch Tage voller Stolz für Israel. Einmal mehr zeigen wir uns im besten Licht (…). Das ist das Israel, auf das man das Cliché vom «schönen Israel» anzuwenden pflegt (…). In solchen Momenten dürfen wir ohne jede Überheblichkeit alle Achtung vor uns selber haben (…). Bald schon werden die Soldaten der Einsatztruppe wieder nach Hause zurückkehren. In ihre Alben werden sie Erinnerungsfotos heften. Und wir, wir werden wieder dazu übergehen, gegen eine Welt zu kämpfen, die uns nicht gerne in unseren schönen Momenten sieht. Schade.» Eine traurige, aber realistische Einschätzung des langfristigen Stellenwerts des israelischen Einsatzes.
Einsatz in der Arava
Der zweite Ort, an dem IDF-Soldaten sich diese Woche von ihrer besten, humanitären Seite zeigen konnten, war die israelische Aravawüste. Bei den schlimmsten Regenfällen und Überschwemmungen, welche die Region seit Jahrzehnten zu verzeichnen hatte, gerieten zahlreiche Menschen in Lebensgefahr. Aus Abenteuerlust oder Neugier hatten sie sich zu nahe an die zu reissenden Strömen gewordenen Wadis gewagt, weil sie das Naturschauspiel mit eigenen Augen und aus möglichst geringer Distanz verfolgen wollten. Mitgliedern von Sondereinheiten der Armee gelang es, zahlreiche Personen aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Besonders dramatisch war dabei die Rettung von vier Personen, die sich auf das Dach eines in Wasser und Schlamm stecken gebliebenen Lastwagens geflüchtet hatten. Weil eine Hochspannungsleitung in unmittelbarer Nähe des Lasters verlief, konnte der Helikopter erst zu den Hilfesuchenden gelangen, nachdem der Strom in einem weiten Umkreis vorübergehend abgestellt worden war.
Katastrophale Situationen
Einmal mehr bewiesen israelische Kamerateams ihre Professionalität, waren sie doch rechtzeitig zur Stelle und konnten dem TV-Konsumenten die Rettungsaktion live in die gute Stube liefern. Kaum ein Ruhmesblatt für Israels Architekten und Zivilschutzbeamte war dagegen die Tatsache, dass mehrere relativ neue Brücken den Wassermassen nicht standhalten konnten, einige Strassenstücke in der Nähe des Toten Meeres von den Naturgewalten weggerissen wurden, was sechs Ortschaften im Süden während mehr als zwei Tagen von der Umwelt abschnitt. Dass auch in Katastrophensituationen wie den beschriebenen die Politik nicht fehlen darf, bewies die Reaktion der Hamas-Regierung in Gaza, die sich doch tatsächlich nicht entblödete, Israel die Schuld für die Überschwemmungen im Gazastreifen in die Schuhe zu schieben. Israel habe vorsätzlich gewisse Dämme in der Arava geöffnet, damit der Streifen ja nicht vom Unglück verschont bleibe.
Gespräche mit der Türkei
Wenn wir schon von der Politik sprechen, sollen die Visiten in Ankara vom Wochenanfang nicht unerwähnt bleiben, die der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak und nach ihm Yossi Gal, Generaldirektor des Jerusalemer Aussenministeriums, absolviert haben. Den besonnenen Köpfen beider Staaten ist es offenbar gelungen, die Risse einigermassen zu kitten, die Vizeaussenminister Danny Ayalon, mit dem Segen seines Chefs Avigdor Lieberman, durch sein skandalöses Verhalten dem türkischen Botschafter in Tel Aviv gegenüber verursacht hat (vgl. tachles 2/10). Die Vertreter beider Staaten kamen überein, die Zusammenarbeit auf zahlreichen Gebieten gesellschaftlicher und sicherheitspolitischer Natur zu vertiefen. Ganz offensichtlich ist man angesichts der strategischen Wichtigkeit der Beziehungen auf beiden Seiten bestrebt, die bilateralen Kontakte enger zu gestalten, ohne deswegen die herrschenden Divergenzen zu ignorieren.
Das türkische Problem scheint aber alles andere als gelöst zu sein, zumindest nach Ansicht von Generalmajor Amos Yadlin, militärischer Abwehrchef Israels. Seiner Meinung nach bewegt sich Ankara unaufhaltsam weg von Israel und dem Westen und auf islamischen Radikalismus zu. Diese Distanzierung gehe, so Yadlin, über spezifische Spannungen hinaus und berühre strategische Themen und gemeinsame Interessen. Zwar gebe es weiterhin gemeinsame strategische Interessen, doch laut Yadlin ist die strategische Nähe zwischen Jerusalem und Ankara nicht mehr so ausgeprägt wie bisher.
Klage gegen Sarah Netanyahu
Schliessen wir mit einer tragikomischen Meldung aus dem israelischen Alltag, in deren Mittelpunkt Sarah Netanyahu, die Gattin des Premierministers, steht. Lilian Peretz, eine ehemalige Hausangestellte des prominenten Paares, fordert ein Schmerzensgeld von 300 000 Schekel von Sarah Netanyahu, die sie wiederholt missbraucht und gedemütigt haben soll. Am Dienstag ist Peretz nach eigenen Angaben von einem anonymen Anrufer belästigt worden, der ihr mit dem Tod gedroht haben soll, falls sie die gerichtliche Verfolgung von Sarah Netanyahu nicht sofort einstelle. Premier Netanyahu lehnt derartige Methoden ab, bat die Öffentlichkeit aber, seine Frau und Kinder aus dem Spiel zu lassen und stattdessen ihn ins Visier zu nehmen. Stecken letzten Endes politische Motive hinter der Angelegenheit?