Steht Israels Gesellschaft vor dem Umbruch?

Von Jacques Ungar, August 12, 2011
Die Bilder von den seit Wochen anhaltenden Massenkundgebungen in Israel für eine Verbesserung der sozioökonomischen Lage der Mittelklasse gehören inzwischen zum eisernen Inventar der Medien in aller Welt. An der auch nach beinahe einem Monat noch um sich greifenden Protestbewegung fallen zwei Dinge auf: Einmal ihr nach wie vor bewusst gewaltloser, alle Schichten der Bevölkerung erfassender Charakter, dann aber auch die diffusen Vorstellungen der meist jugendlichen Anführer des Protestes, wenn es um konkrete Forderungen an die Regierung und das wirtschaftliche Establishment geht.

Am Eindruck vager und diffuser Vorstellungen der Protestbewegung ändert zunächst auch das «Dokument der Visionen» (siehe Kasten) wenig. So vertreten Sprecher der Protestbewegung etwa die Ansicht, die sechs Wochen, die der von Premier Binyamin Netanyahu eingesetzten Trajtenberg-Kommission für die Unterbreitung von Lösungsvorschlägen zur Verfügung stehen, seien eine «viel zu lange Periode»; man erwarte «umgehend» Ideen. Das zeugt von einem mangelnden Realitätssinn im Umgang mit den Elementen des Establishments, die man letzten Endes ja für die drastischen Veränderungen der Prioritäten braucht. Auch die vorhandenen Ressourcen, die umverteilt werden sollen, befinden sich in fester Hand von Staat und Wirtschaft. Wollen die Protestorganisationen die Neuordnung der Prioritäten, von der heute bis hinauf zu Netanyahu alles spricht, was in Israel Rang und Namen hat, tatsächlich auf gewaltlose, kooperative Weise verwirklichen, dann müssen sie möglichst rasch zur Einsicht gelangen, dass die bisher verfolgte Politik, «alles oder nichts» zu fordern, zwangsläufig im Nichts enden muss. Von dort bis zur Gewalt und zum Chaos ist der Weg nicht mehr lang.

Das Volk will soziale Gerechtigkeit

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die spontan und beinahe zufällig entstandene Protestbewegung der israelischen Mittelklasse ist eine segensreiche Erscheinung, auf die das Land 63 Jahre lang gewartet hat. Das Phänomen kam zu einem Zeitpunkt, da Israel wirtschaftlich-gesellschaftlich die interne «Zweistaatenlösung» drohte: Die Reichen werden immer reicher und beherrschender, die Massen stets frustrierter und verzweifelter. Unter dem Slogan «Das Volk will soziale Gerechtigkeit» entstand aus den akademischen Debattierräumen, den Pubs, aber auch aus den Talmudschulen und hinter vorgehaltener Hand auch aus den Kasernen heraus eine Dynamik, die am Leben erhalten werden muss, soll Israel endlich in die Lage kommen, seine inneren Werte von einer (fast vollkommenen) Gleichheit und einer (annähernd umfassenden) sozioökonomischen Gerechtigkeit in die Tat umzusetzen.

Rückgrat der Gesellschaft

Der Mittelstand, der den Protest vom Stapel gelassen hat, ist in Israel keine Rand­erscheinung. Der bekannte Journalist Nahum Barnea nennt die Mittelklasse zu Recht das «Rückgrat der Gesellschaft». Diese Klasse stelle den Löwenanteil der Produktionskraft zur Verfügung, diene in der Armee, zahle Steuern und baue Familien auf. «Sie trägt auf ihrem Rücken die schwächeren Schichten der Gesellschaft, ebenso wie die Sektoren, die grössere politische Macht besitzen.» Die Stabilität der Mittelklasse gewährleiste, so Barnea, die Stabilität der ganzen israelischen Gesellschaft. Der Ausbruch des Protestes sei auf die «gefährliche Unterwanderung» des Wohlergehens der Mittelklasse zurückzuführen. Löhne seien eingefroren worden während die Preise für so elementare Güter wie Nahrung und Unterkunft wild gestiegen seien. «Die Kluft zwischen der Mittelklasse und der Wirtschaftselite (vgl. S. 3) hat erschreckende Proportionen angenommen», schliesst Nahum Barnea, der seine Bestandesaufnahme mit der Erkenntnis ziert, Israel sei von einer die Solidarität hochhaltenden Gesellschaft zu einer «schweinischen, gierigen, ohne Scham vorgehenden Gesellschaft» geworden.

Horrende Wohnungspreise

Nehmen wir die Lage auf dem israelischen Wohnungsmarkt als eines von vielen Beispielen für die multiple Not, die die Anliegen der Protestbewegung bezeugen. Laut einer Statistik des israelischen Wohnbauministeriums muss ein Landesbürger, der sich heute eine Wohnung kaufen will, die rund eine Million Schekel kostet (beim derzeit hohen Kurs des Schweizer Frankens sind das weniger als 250 000 Franken), dafür 132 durchschnittliche Monatslöhne aufwenden. Dieser Lohn steht heute bei rund 8900 Schekel. Im Jahr 2001 hatten bereits 100 Monatslöhne gereicht, um diesen Traum von der eigenen Wohnung zu realisieren. Andersherum ausgedrückt: Die israelische Durchschnittsfamilie muss elf Jahre auf die eigene Wohnung hin arbeiten, und auch dann lässt sich das Ansinnen nur verwirklichen, wenn die Familie bis dahin zum Nulltarif bei Eltern oder Grosseltern lebt. Verdeutlichen lässt sich das Dilemma durch den Hinweis darauf, dass in den letzten Jahren die Wohnungspreise in Israel um 36 Prozent, die Löhne aber nur um acht Prozent gestiegen sind.
Wenn die Demonstrierenden (am letzten Samstagabend waren landesweit über 300 000 Menschen auf den Strassen) ihre guten Absichten um eine klare Politik ergänzen, haben sie Chancen auf Erfolg. Die Zeltstädte alleine machen, ähnlich wie ein Pfadfinderlager, Stimmung. Das mag ausgereicht haben, um auf dem Kairoer Tahrir-Platz eine Revolution vom Zaune zu brechen. Auf dem Tel Aviver Rothschild-Boulevard mitten in einem alles in allem wohlhabenden Israel mit einer sträflich schiefen Verteilungspyramide braucht es aber weitaus mehr.