Stärkung des Selbstbewusstseins

von Martin Dreyfus, December 6, 2010
Der Kaufhausgründer Salman Schocken war vor allem auch als erfolgreicher Verleger bekannt.
DAS SCHOCKEN-KAUFHAUS IN STUTTGART Schocken war auch ein innovativer Kaufmann und Warenhausbesitzer

Wenn Nicolas Berggruen, dessen Vater als erfolgreicher Galerist und Kunsthändler zu einigem Vermögen und Ansehen gekommen war, sich mit grossem Engagement an einer Warenhauskette beteiligt, dann reiht er sich in eine lange, von Persönlichkeiten wie Hermann und Leonhard Tietz begründete Tradition ein, oder vielleicht besser nimmt diese wieder auf, versucht an sie anzuknüpfen, diese wieder zu beleben. Wo heute aber wohl ausschliesslich Fakten, Zahlen und letztlich Rendite das Geschäft ausmachen, zählten in den Gründungsjahren zuweilen auch andere Werte. Bis heute belebt das Thema «jüdische Warenhausbesitzer» die Medien, da nach wie vor viele Folgen der «Arisierung» in den Jahren nach 1933 ungeklärt geblieben sind oder zumindest kontrovers wahrgenommen werden.

Langfristige Wahrnehmung

Am besten dokumentiert dürfte das Leben und Wirken des Warenhausgründers Salman Schocken sein. Das hat verschiedene Gründe, darunter sicher auch die Tatsache, dass Salman Schocken neben seiner Tätigkeit als innovativer Kaufmann und Warenhausbesitzer auch als Verlagsgründer und Bibliophiler hervorgetreten ist. Zwar hat auch Hermann Tietz ein Buch herausgegeben, «Berlin und die Hohenzollern», aber diese einzelne Publikation hält keinem Vergleich mit dem konsequenten Verlagsprogramm Salman Schockens stand. Geboren wurde Salman Schocken 1877 in Margonin, Posen. 1901 gründete er zusammen mit seinen Brüdern zunächst das Warenhaus Schocken in Zwickau. Schockens Verlag wird bis heute als der bedeutendste jüdische Buchverlag unter dem Regime der Nationalsozialisten wahrgenommen. Die langfristige Wahrnehmung des Verlags ist der Schocken-Bücherei zu verdanken, von welcher bis heute Exemplare in unzähligen Bibliotheken erhalten sind. Bis heute am nachhaltigsten wahrgenommen wird die seinerzeit von Max Brod und Heinz Politzer herausgegebene erste Werkausgabe von Franz Kafka (deren Veröffentlichung später im Verlag von Heinrich Mercy in Prag fortgeführt werden musste). Auslöser für ein Verbot der Werke Kafkas war eine Besprechung von Klaus Mann in dessen in Amsterdam erscheinender Exilzeitschrift «Die Sammlung»: «Die Gesamtausgabe der Werke Franz Kafkas, die der Schocken-Verlag Berlin anbietet, ist die edelste und bedeutendste Publikation, die heute aus Deutschland kommt. Das Propagandaministerium verbietet sie nicht. Denn dieses geistige Ereignis vollzieht sich in einer vollkommenen ‹splendid isolation›, ganz ‹abseits von der Reichskulturkammer›, in einem Ghetto, das sich seiner Abgesondertheit vom neudeutschen ‹Kultur›-Betrieb wahrhaftig nicht zu schämen braucht. – Als Herausgeber der mit ehrfurchtsvoller Genauigkeit besorgten Edition zeichnet Max Brod – Freund, Vorkämpfer, ja: Entdecker Franz Kafkas –, zusammen mit dem jungen Heinz Politzer. Es liegen, in einer noblen und soliden Ausstattung, bis jetzt vor: die Romane ‹Amerika›, ‹Der ‹Prozess›, ‹Das Schloss› und ein Band ‹Erzählungen und kleine Prosa›. Der Plan der Ausgabe verspricht uns weiter: die Erzählungen, die unter dem Titel ‹Beim Bau der Chinesischen Mauer› gesammelt sind, und, als Abschlussband, ‹Fragmente, Tagebücher und Briefe aus dem Nachlass›. Eines der reinsten und merkwürdigsten Dichterwerke der Epoche wird uns hier endlich in seiner Gesamtheit dargeboten in schöner, sorgfältiger Anordnung. Was für ein Geschenk! Gibt es noch eine Leserschaft, die fähig und bereit ist, hohe, schwierige und sehr neue Reize auszukosten? Den eigenwilligen Ton und die objektive Vollkommenheit einer dichterischen Prosa zu begreifen? Vor der grotesken und rührenden Vision, dem tiefen, schauerlichen und begnadeten Traum eines religiösen Genies ehrfurchtsvoll zu stehen? Eine solche Leserschaft – wenn sie denn irgendwo existiert – wird, angesichts der Kafka-Ausgabe des Schocken-Verlages, dieselbe Dankbarkeit empfinden, die ich hier ausspreche. K. M.»

Erfolgreich und jüdisch

Schocken gründete seinen Verlag weniger aus Einsicht, dass dies eine politische Notwendigkeit sei, denn zur Stärkung des jüdischen Selbstbewusstseins in der offensichtlich zu Ende gehenden Weimarer Republik. Schocken war allerdings nicht nur Warenhausbesitzer und Verleger, sondern auch Sammler und Bibliophiler – er besass eine der bedeutendsten Büchersammlungen der Zeit, unter anderem von Barockliteratur. In den Jahren bis 1933 erschienen nur wenige Publikationen, darunter eine teilweise vom 1920 von Martin Buber mitbegründeten Jüdischen Verlag übernommene Ausgabe der Werke von Samuel Joseph Agnon, ein von Ludwig Strauss und Nahum Norbert Glatzer herausgegebenes Lesebuch zur jüdischen Literatur und – programmatisch – 1932 ein Band mit Gedichten Goethes. In den Jahren 1933 bis zum Verbot 1938/39 entwickelte sich der Verlag unter der Leitung von Moritz Spitzer (der noch 1940 nach Palästina entkommen konnte) und Lambert Schneider neben einigen kleineren Verlagen zum bedeutendsten Verlag sowohl für jüdische Autoren wie für jüdische Leser, welchen nach 1935/36 nur noch Bücher aus jüdischen Verlagen zu kaufen erlaubt war. Die Leistung von Spitzer und Schneider ist kaum zu erfassen. Die Schocken Bücherei, eine Art «jüdische Insel-Bücherei», brachte es in knapp fünf Jahren auf über 90 Nummern.
Schocken selbst emigrierte mit seiner Familie bereits 1933 über die Schweiz nach Palästina. Nach dem Krieg gründete er sowohl in Israel als auch in den Vereinigten Staaten je einen Verlag mit dem Namen Schocken, beide wurden von seinen Söhnen, Theodor und Gershon, geleitet. Sie publizierten viele der damaligen Verlagsautoren (etwa Franz Kafka) in den jeweiligen Sprachen. Schocken engagierte sich auch anderweitig für Autoren, indem er in Palästina etwa Else Lasker-Schüler unterstützte – auch wenn er sich für deren Werke nicht zu erwärmen vermochte und sehr zu Lasker-Schülers Enttäuschung ihr später bei Emil Oprecht in Zürich erschienenes Buch «Hebräerland» nicht verlegen wollte. Dem Dichter Karl Wolfskehl ermöglichte er die Übersiedlung nach Neuseeland, indem er diesem dessen Büchersammlung abkaufte. Salman Schocken starb 1959 bei einem Ferienaufenthalt in Pontresina.    ●


Martin Dreyfus ist Experte für Verlagsgeschichte und Literatur. Er lebt in Zürich.