Stärker in die öffentliche Debatte eintreten
Die jiddische Bezeichnung für gediegen ist «bekovetig». Und wo ist das Jiddische in der Schweiz länger zu Haus als im Surbtal? Deshalb war es wohl auch kein Zufall, dass die diesjährige Delegiertenversammlung (DV) des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) ganz «bekovetig» in Endingen abgehalten wurde; an dem Ort, dem das Schweizer Judentum die Anfänge seiner neuzeitlichen Geschichte verdankt. Die Israelitische Kultusgemeinde Endingen gab sich als Gastgeberin grosse Mühe, die Versammlung schön und angenehm zu gestalten. SIG-Präsident Herbert Winter führte die Sitzung professionell und sachlich. Im Gegensatz zu anderen Jahren waren aus den Reihen der Delegierten keine polemischen Stellungnahmen zu hören. Für Furore wurde dieses Jahr allerdings kaum gesorgt. Was auch nicht als schlechtes Zeichen gewertet werden soll. Einzig bei der Frage um eine Resolution, die verabschiedet werden sollte, wurde die Diskussion in der Endinger Mehrzweckhalle intensiv geführt.
Mit starkem Nachdruck wurde von diversen Delegierten aus Genf und Zürich gefordert, dass der SIG öffentlich Stellung zur Schweizer Aussenpolitik nehme. Die Forderung nach einer Resolution wurde laut, nachdem sich Bundespräsident Merz vor knapp einem Monat anlässlich der Durban-Nachfolgekonferenz in Genf mit dem iranischen Staatspräsidenten Mahmoud Ahmadinejad getroffen hatte.
Resolution verabschiedet
Auch die Politik der Schweiz im Uno-Menschenrechtsrat sei bedenklich, hiess es aus dem Plenum. Man könne nicht verstehen, weshalb die Schweiz aus der «westlichen Allianz ausgestiegen» sei. Auf diese Voten reagierte SIG-Präsident Herbert Winter verhalten und erklärte, «dass der SIG unmittelbar nach der Rede von Ahmadinejad eine weitherum beachtete Pressemitteilung herausgegeben hatte, in der das Treffen von Merz und das Sitzenbleiben der Schweizer Delegation bei der Rede klar kritisiert wurden». Er gab zu bedenken, dass eine weitere öffentliche Stellungnahme des SIG einen Monat nach Durban II von der Öffentlichkeit wahrscheinlich nicht gross wahrgenommen würde. Die Delegierten erarbeiteten schliesslich den Text einer Resolution und 45 von 95 Delegierten stimmten ihr bei mehreren Enthaltungen schliesslich zu. Der Text drückt die «Betroffenheit» des SIG über den offiziellen Empfang des iranischen Präsidenten Ahmadinejad in Genf durch den Bundespräsidenten aus. Es sei nicht verständlich, weshalb die «höchste Instanz unseres Landes sich nicht von Regierungen distanziert, die die Menschenrechte verneinen». Deshalb erwarte der SIG vom Bundesrat, «dass er zu einer Aussenpolitik zurückfindet, die sich an den ethischen und moralischen Werten der westlichen Welt orientiert», so der verabschiedete Resolutionstext.
Anstelle seiner traditionellen Rede am Delegiertentag beschränkte sich Arthur Cohn auf Respekt und Anerkennung vor der grossartigen Aufklärungsarbeit der Coordination Intercommunautaire Contre l’Antisémitisme et la Diffamation (CICAD). Der Kontakt der von ihm präsidierten Geschäftsprüfungskommission mit SIG-Präsident Winter sei sehr positiv, weil konkrete Anregungen und konstruktive Kritik von Herbert Winter ernst genommen werden. Eine Resolution, welche das Meeting von Bundespräsident Merz mit Ahmedinajad kritisiert, käme einen Monat zu spät, wobei das skandalöse Verbleiben der Schweizer Delegation bei der Rede des iranischen Präsidenten spezielleren Tadel verdienen würde. Kritik sollte sich gegen die bedenklich unausgewogene Nahost-Politik von Aussenministerin Calmy-Rey richten, welche antiisraelische Resolutionen der Uno-Menschenrechtskommission enthusiastisch befürwortete und als allererste eine unfaire, gegen Israel gerichtete UN-Untersuchung über angebliche Vorgänge während des Gaza-Kriegs vorschlug.
Neue Mitglieder im Centralcomité
Die Delegierten mussten auch über Mutationen im Centralcomité (CC) des SIG entscheiden. Aus dem CC traten Anne-Marie Guzman aus Bern, Jean-Pierre Bloch aus Lausanne und der Basler René Spiegel zurück. Die Delegierten wählten neu Marianne Gani, die Vizepräsidentin der Jüdischen Gemeinde Lausanne, sowie die Präsidentin der Jüdischen Gemeinde Bern, Edith Bino, wie auch Guy Rueff, Basels neuen Gemeindepräsidenten, ins CC.
Während im CC die Vakanzen besetzt werden konnten, muss die Geschäftsleitung weiterhin mit sechs Mitgliedern auskommen, anstatt mit sieben, wie es die Statuten verlangen. Momentan betreut Gabrielle Rosenstein das Ressort Soziales sowie auch Kultur. Ziel ist es, dass ein siebtes Geschäftsleitungsmitglied das Ressort Kultur übernehmen kann. «Wir versuchen zwar jemanden zu finden, der für diese Aufgabe geeignet wäre, aber bisher blieb die Suche leider erfolglos», bilanziert Winter. Es sei generell schwierig geworden, Leute für die Übernahme eines Amtes in der Geschäftsleitung zu bewegen. Selbst wenn ein siebtes Mitglied gefunden werden sollte, überlegt sich Winter «an der nächsten DV, die in Genf stattfinden wird, vorzuschlagen, die Statuten in diesem Punkt zu ändern». Er selbst wird sich im zweiten Jahr seiner Amtszeit auch für seine bisherigen Ziele einsetzen. An vorderster Stelle steht für ihn das verstärkte Einbringen der SIG-Positionen und Anliegen im politischen Umfeld. Besonders am Herzen liegen ihm zudem der Einsatz für Minderheiten, die Integration sowie der Kampf gegen Intoleranz und Rassismus sowie der Dialog zwischen verschiedenen religiösen Gemeinschaften.
Keine Rettung für «David»
Ein weiteres ungelöstes Problem, das an der diesjährigen DV diskutiert wurde, war die Zukunft des vom SIG unabhängigen Zentrums «David» gegen Antisemitismus und Verleumdung. Wenn bis Ende Juni dieses Jahres keine neuen Geldgeber gefunden werden können, sieht sich die Organisation gezwungen, ihre Tätigkeiten einzustellen. Ein Delegierter aus Zürich stellte die Forderung, der SIG solle das Zentrum «David» mindestens in der gleichen Höhe unterstützen wie CICAD, sprich mit 80 000 Franken. Im laufenden Budget ist die Unterstützung für «David» mit 20 000 Franken veranschlagt. Eine Annahme des Antrages aus Zürich hätte bedeutet, dass der SIG sein laufendes Budget um 60 000 Franken hätte erhöhen müssen. Eine Mehrheit der Delegierten sprach sich gegen den Antrag aus. Für die Geschäftsleitung wäre eine allfällige Schliessung von «David» zwar bedauerlich, sie betonte aber klar, dass es nicht Aufgabe des SIG sein könne, einzelne Institutionen in hohem Masse finanziell zu unterstützen. Auch die Vizepräsidentin und Verantwortliche des Ressorts Prävention und Information beim SIG, Sabine Simkhovitch-Dreyfus, bestätigte, dass die Existenz einer Organisation nicht vom SIG abhängig sein dürfe. Trotzdem sei der SIG gerne bereit, im gemein-samen Gespräch eine Lösung für das Zentrum «David» zu suchen, so Simkhovitch-Dreyfus. Der SIG habe überdies seine eigenen Projekte und zum Teil neue Strukturen im Bereich der Antisemitismusprävention: Die Meldestelle antisemitischer Vorfälle wird neu im SIG-Sekretariat betreut. Ausserdem wird fortan auch die Zusammenarbeit mit der Stiftung gegen Rassismus intensiviert.
Keine Angst vor Überalterung
Unter den Delegierten gab es Stimmen, die bemängelten, dass es weder im Centralcomité noch in der Delegiertenversammlung des SIG Nachwuchs gebe. Es fehle grundsätzlich an jungen Leuten, die dazu bereit wären, das Schweizer Judentum zu repräsentieren. Vor allem in der Westschweiz werde die Diskussion um die Überalterung immer zentraler. Dieses Problem müsse durch Strukturreformen angegangen werden. Der SIG-Präsident ist sich dieser Probleme zwar durchaus bewusst. Seit Jahren werde im SIG zu Recht darüber diskutiert, dass es an jungen Leuten fehle, was für Winter aber nicht primär eine Frage der SIG-Strukturen ist.
Strukturreformen seien zwar in verschiedener Hinsicht notwendig, meint Winter, momentan wolle sich die Geschäftsleitung aber grundsätzlich auf Sachaufgaben konzentrieren und keine neuen Strukturdebatten beginnen. «Seit einem Jahr weht im SIG endlich wieder ein ruhiger Wind. Genau das braucht es jetzt, um gute Arbeit zu leisten», sagte Winter in Endingen.
Sorge um Nachwuchs im klassischen Sinne hatte indes der Basler Gynäkologe Jean-Claude Spira. In einem kurzen Diskurs zur jüdischen Geburtenrate plädierte er für die intensive Partnerschaftssuche und forderte vom SIG deren aktive Förderung. Spira meinte, es bestünden von den Gemeinden für jede Altersstufe Angebote, um soziale Kontakte zu knüpfen. Davon würden auch viele junge Menschen profitieren. «Aber genau dann, wenn es um das Thema Heiraten oder Familiengründung geht, verlieren die meisten den Zugang.» Deshalb wünscht sich Spira von der Geschäftsleitung, dass diese bei der nächsten Delegiertenversammlung einen Vorschlag unterbreitet, was zur Förderung jüdischer Partnerfindung konkret unternommen werden könne.
Auf eine Vermählung – wenigstens im künstlerisch-musischen Sinne – musste schliesslich auch an dieser DV verzichtet werden. Der A-cappella-Chor Yakar, eine musikalische Gruppe aus Jerusalem, die in diesen Tagen in der Schweiz gastiert, besuchte das Surbtal und war zu Gast beim Mittagessen der Delegierten. Der Chor, der von Nurith Cohn geleitet wird, hätte gerne auch die Versammlungsatmosphäre mit jüdisch-liturgischen und modern-israelischen Gesängen aufgelockert. Da die Delegiertenversammlung aber in die Omer-Zeit fiel, in der nach verschiedenen Auslegungen kein Gesang gehört werden darf und zudem noch Frauen im Ensemble mitsingen, hat die GL mit Rücksicht auf orthodoxe Delegierte auf die musikalische Einlage verzichtet. Viele empfanden dies allerdings als verpasste Chance, was einmal mehr zeigt, wie viele unterschiedliche Interessen der SIG vertreten muss.
Letztlich glänzte auch diese Delegiertenversammlung nicht unbedingt durch Spannungsmomente. Einmal mehr steht aber fest, dass für viele Delegierte auch einfach das alljährliche Zusammenkommen mit Juden unterschiedlicher Ausrichtung ein wichtiger Termin im Kalender ist.