Städtische Aussätzige
Mit dem Wort Ghetto wird heute oft auf ein Phänomen rekurriert, welches treffender mit Elendsviertel oder Slum bezeichnet würde. Ein Ghetto ist nicht einfach ein Wohngebiet, in welchem äussere Armut vorherrscht. Die mehr als 500-jährige Geschichte der Ghettos kennt zwar Armut und Elend, aber auch Reichtum, Hochkultur und Prosperität. Ein zentrales Charakteristikum eines Ghettos ist die ethnische Dimension. So wurden etwa in Venedig im
16. Jahrhundert Juden in ein abgegrenztes Wohnviertel verbannt. Trotz aufgezwungener Separierung erschufen die Juden hier institutionelle Ersatzstrukturen und organisierten sich intern so gut, dass jener Ort des Ausschlusses gleichzeitig eine schützende Einrichtung für seine Bewohner und eine Stätte kultureller Blüte wurde. Zudem blieb Venedig stets auf wirtschaftliche Kontakte mit dem Ghetto angewiesen. Ähnliches gilt auch für die Ghettos der Afroamerikaner in den USA vor den 1970er-Jahren, welche stets Orte kultureller Innovation waren, als Arbeitskräftereservoir dienten und eine relativ gut funktionierende Parallelgesellschaft ausformten. Seit den siebziger Jahren hat in verschiedenen ehemaligen Industriestaaten hingegen ein Prozess hin zu einer Form der Segregation eingesetzt, bei welchem vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der restlichen Stadt abgekoppelte Gebiete entstehen. In diesen Vierteln lebt eine Bevölkerungsschicht, vom Sozialwissenschaftler Loic Wacquant treffend als «urban outcasts» bezeichnet, welche im modernen Kapitalismus schlicht nicht mehr gebraucht wird. [zu]