Staatsbankrotte und Schulden

February 8, 2010
Aufstrebende Nationen trifft die Rezession besonders hart. Die Wirtschaftswissenschaftler Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben jüngst mit «This Time is Different» eine auf das Mittelalter zurückgehende Geschichte von Finanzkrisen und Spekulationsblasen vorgelegt. Im Folgenden fasst Carmen Reinhart einige Thesen des von der Fachwelt begeistert aufgenommenen Werkes zusammen. Sie konzentriert sich auf den Vergleich von Bankenkrisen in der jüngeren Vergangenheit.
ARBEITSLOSIGKEIT UND BANKENKRISE Der Anstieg der Arbeitslosigkeit (l.) gegenüber der Dauer von Bankenkrisen (r.)

Von Carmen M. Reinhart

Seit dem Beginn der Hypothekenkrise im Sommer 2007 und deren Übergreifen auf die internationalen Finanzmärkte im Frühherbst 2008 behaupten auch Fachleute, dass wir es hier mit einem neuartigen, nie da gewesenen Phänomen zu tun haben. Allerdings bestand auch vor der Krise kein Zweifel daran, dass Finanzkrisen mit Wirtschaftseinbrüchen einhergehen und schwere Verwerfungen an den Börsen herbeiführen. In unserer historischen Untersuchung haben Kenneth Rogoff und ich darüber hinaus festgestellt: Finanzkrisen sind von langer Dauer, im Schnitt dauert es vier Jahre, bis sich Volkswirtschaften davon erholen können; Einbrüche an Börsen und Rohstoffmärkten sind tief und anhaltend; die damit einhergehenden Rückgänge bei Immobilienpreisen belaufen sich auf durchschnittlich 35 Prozent über sechs Jahre; – im Zug einer durchschnittlichen Krise geben Aktienpreise über dreieinhalb Jahre 55 Prozent nach – auch Produktion und Beschäftigung erleiden drastische Rückgänge, die Arbeitslosigkeit steigt in der Regel um sieben Prozent, beim Bruttoinlandsprodukt sind Rückgänge von neun Prozent innerhalb von rund zwei Jahren zu verzeichnen; Finanzkrisen schlagen negativ und sehr empfindlich auf Staatshaushalte durch, etwa durch Rückgänge beim Steueraufkommen; dadurch explodiert die Staatsverschuldung. Bei den Krisen nach dem Zweiten Weltkrieg beträgt der Anstieg durchschnittlich 86 Prozent. Im Folgenden betrachte ich einige Charakteristika von Krisen.

Der Abschwung

Heute kann kein Zweifel mehr darüber bestehen, dass die momentane Finanzkrise in den USA nach jedem Massstab als gravierend bezeichnet werden muss. Um dies zu verdeutlichen, haben wir Grafik 1 erstellt, die eine ganze Reihe bedeutender Finanzkrisen zusammenfasst: Die «grossen Fünf» in den entwickelten Volkswirtschaften von Spanien (1977), Norwegen (1987), Finnland (1991), Schweden (1991) und Japan (1992). Dazu kommen berühmt-berüchtigte Episoden in Entwicklungsländern und Asien: die Krise von 1997 bis 1998 in Hongkong, Indonesien, Korea, Malaysia, den Philippinen und Japan; die kolumbianische Krise von 1998 sowie die argentinische 2001. Von zentraler Bedeutung für die Analyse der Krise sind die Immobilienpreise, die mitunter nur mit grossen Schwierigkeiten erhoben werden können. Wir haben aus diesem Grund auch zwei historische Fälle in die Grafik 1 aufgenommen, die in Norwegen 1899 und die amerikanische von 1929, mit der die Weltwirtschaftskrise begonnen hat.

Grafik 1 stellt den Abschwung im Zyklus der Immobilienpreise dar, die mit Bankenkrisen einhergehen. Dabei sind auch die aktuelle Krise und ihre Auswirkungen in den USA, Österreich, Ungarn, Island, Irland, Spanien und Grossbritannien zu sehen. Die derzeit laufenden Krisen sind orange markiert, die historischen grün. Der durchschnittliche Preisrückgang beläuft sich auf 35 Prozent bei einer Dauer von sechs Jahren. Die gravierendsten Krisen mit Einbrüchen von 50 bis 60 Prozent haben Finnland, die Philippinen, Kolumbien und Hongkong getroffen. Die USA haben seit 2007 bereits Preisrückgänge erlitten, die doppelt so hoch liegen wie während der gesamten Weltwirtschaftskrise.

Bei den Aktienpreisen sind die Wertverluste im Lauf von Finanzkrisen mit 55,9 Prozent stärker als bei Immobilien. Allerdings halten Abschwünge hier mit durchschnittlich 3,4 Jahren kürzer an. Es ist bemerkenswert, dass beide Werte für Island und Österreich in der laufenden Krise das historische Mittelmass bereits dramatisch überschritten haben.

Grafik 2 zeigt den Anstieg der Arbeitslosigkeit im historischen Vergleich. Dieser beläuft sich auf sieben Prozent in fünf Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat jedoch keine Krise mehr auf, die sich auch nur annähernd mit den Verlusten von über 20 Prozent vergleichen liesse, die Amerika nach 1929 erlitten hat. Obwohl diese Grafik bessere Werte für aufstrebende Volkswirtschaften in Asien zeigt als für traditionelle, entwickelte Volkswirtschaften, sind diese Zahlen aufgrund der dort existierenden «grauen» Sektoren und der «Unterbeschäftigung» mit Vorsicht zu geniessen. Beim ProKopf-Einkommen beträgt der durchschnittliche Verlust 9,3 Prozent.

Dabei ergeht es entwickelten Ländern besser, da die mit Finanzkrisen einhergehenden, dramatischen Kreditrückgänge besonders aufstrebende Volkswirtschaften ausserhalb des Westens treffen. Allerdings ist der Zyklus vom Gipfel bis zur Talsohle bei der Entwicklung des Bruttosozialproduktes mit durchschnittlich zwei Jahren sehr viel kürzer als etwa bei den Immobilien.

Die Defizite

Wie Tabelle 1 zeigt, bringen Finanzkrisen rückläufige Steuereinnahmen und höhere Staatsausgaben für Rettungsmassnahmen, Sozialkosten und den Schuldendienst mit. Hier liegen die Krisen in Finnland und Schweden deutlich an der Spitze.

Die Schulden

Grafik 3 illustriert den Anstieg der realen Staatsverschuldung in den ersten drei Jahren nach einer Bankenkrise. Die negativen Auswirkungen auf die Staatshaushalte sind frappierend und liegen bei durchschnittlich 86 Prozent. Wir benutzen hier den prozentualen Schuldenanstieg und nicht das Verhältnis zwischen Schulden und Bruttosozialprodukt, da diese mitunter durch starke Produktionseinbrüche kompliziert werden.

Abstufung von Staatsanleihen

Wie aus Grafik 4 zu ersehen ist, sind Staatsbankrotte, Restrukturierung von Staatsschulden oder nur durch internationale Hilfen abgewendete Bankrotte für die aufstrebenden Volkswirtschaften ausserhalb der westlichen Industrienationen kennzeichnend. Dass die Staatsanleihen dieser Länder in Finanzkrisen teilweise drastisch abgestuft werden, überrascht daher nicht. Allerdings zeigt das finnische Beispiel, dass dieses Schicksal auch entwickeltere Nationen treffen kann!

Schlussfolgerungen

Unsere Analyse von Finanzkrisen offenbart tiefe und lange anhaltende Auswirkungen auf Preise, Produktion und Beschäftigung. Die globale Dimension der laufenden Krise wird es vielen Ländern erschweren, dem Abschwung durch
Exportsteigerungen zu entgehen. Dazu kommt der Preisverfall bei verschiedenen Rohstoffen, der die Handelsbilanz von Entwicklungsländern besonders hart trifft. Die historischen Daten weisen auf die Möglichkeit weiterer Staatsbankrotte oder gravierender Schuldenkrisen ausserhalb der klassischen Industrienationen hin. Dies wird umso wahrscheinlicher, je länger sich die Erholung der entwickelten Volkswirtschaften hinzieht. Da weniger Privatkapital für Entwicklungsländer zur Verfügung steht, müssen sich diese für Kredite an internationale Institutionen wenden. Die politischen Entscheidungsträger im Westen dürfen nicht vergessen, dass gerade aufstrebende Volkswirtschaften historisch sehr viel knappere Spielräume bei der Kreditaufnahme hatten: Seit dem Zweiten Weltkrieg sind diese Nationen bereits bei Schulden in die Zahlungsunfähigkeit geraten, die unter 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, also noch im Rahmen der «Maastricht-Kriterien» der EU, liegen.             ●

Carmen Reinhart, Kenneth Rogoff: «This Time is Different: Eight Centuries of Financial Folly». Princeton University Press, 2009. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des World Bank Institute.

Carmen M. Reinhart war in den achtziger Jahren Chefökonomin bei der Investmentbank Bear Stearns, ehe sie beim Internationalen Währungsfonds tätig wurde. Sie lehrt heute Wirtschaftswissenschaften an der University of Maryland.

Kenneth Rogoff lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University und hielt zuvor Professuren an den Universitäten von Berkeley und Princeton. Seine Karriere begann bei der US-Notenbank. Er war 2001 bis 2003 auch in führender Funktion beim Internationalen Währungsfonds tätig. Als begeisterter Schachspieler ist Rogoff überdies seit 1978 Grossmeister.