Spurensuche in Olomouc

Monica Strauss, July 16, 2008
Ein Besuch in Olomouc führt zu einzigartigen barocken Baudenkmälern, aber auch auf Pfade, in denen Familienschicksale und die mitteleuropäische Kulturgeschichte zusammenlaufen.

Von Monica Strauss

Es gab eine Zeit, in der Olmütz das «mährische Rom» genannt wurde. Damals war die Stadt Sitz eines der bedeutendsten Erzbistümer des Habsburger Reiches. Die ehemalige Residenz hat längst ihren tschechischen Namen Olomouc angenommen, aber sie bietet dem Besucher immer noch ein breites Angebot an Sehenswürdigkeiten, die den Vergleich mit der Ewigen Stadt nicht scheuen müssen – und das ohne Touristen-Gedränge. Der Gast kann mit den zahllosen Kirchen aus allen Epochen von Gotik bis Barock beginnen, oder die weitläufigen Plätze mit ihren Cafés und den sechs Barock-Brunnen geniessen, die von dramatischen Statuen mythologischer Figuren wie Herkules, Merkur oder Neptun gekrönt werden. Die Säule der Heiligen Dreifaltigkeit auf dem Oberplatz mit ihren 51 Statuen und Reliefen gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Das auf das 15. Jahrhundert zurückgehende Rathaus beeindruckt nicht nur mit einem Portal und einer Treppe aus der Renaissance, sondern auch mit einer einzigartigen astronomischen Uhr. Wie die meisten dieser Mechanismen misst diese über den Tag hinaus Monate, Jahre und Mondphasen – aber die Uhr ist einzig darin, dass sie eine zusätzliche Zeit-Dimension umfasst: die Geschichte. Das ursprüngliche Werk wurde von den Nazis in den letzten Kriegstagen zerstört und musste neu hergestellt werden. Daher treten den Schaulustigen heute zur Mittagsstunde nicht mehr ehrwürdige Apostel und Heilige in gemessener Prozession entgegen, sondern ein Volleyball-Spieler, ein Automechaniker und Fabrikarbeiter – das Proletariat der kommunistischen Ära!

Andere Aspekte der Ortsgeschichte sind nicht so augenfällig. So wurde Kaiser Franz Josef 1848 im erzbischöflichen Palast gekrönt. Nicht, dass Olmütz ein heiliger Ort für die Salbung von Königen gewesen wäre, aber der habsburgische Hof war hier nach seiner Flucht vor der Revolution aus Wien gestrandet. Die kurzfristig getroffene Entscheidung, Kaiser Ferdinand I. zugunsten seines 18-jährigen, noch unbescholtenen Neffen abtreten zu lassen, hat vermutlich die Monarchie gerettet.

Der jüdische Erzbischof

Fast ein halbes Jahrhundert später stand die Residenz des Erzbischofs im Zentrum einer weiteren Krise, allerdings einer, in der sich zukünftiges Unheil ankündigen sollte. Damals war das Erzbistum eines der wohlhabendsten im ganzen Reich. Neben grossem Grundbesitz gehörten dazu 23 Schlösser, Brauereien, Brennereien, Sägewerke, Mühlen und Fabriken. Der Erzbischof wurde stets von einem Gremium aus 16 Domherren gewählt und gehörte traditionell einer bedeutenden Adelsfamilie an. Bis 1881 waren auch die Domherren allesamt Aristokraten, aber danach konnte die Hälfte von ihnen nur kirchliche Würden aufweisen. Als 1892 eine Abstimmung anstand, wurde Theodor Kohn, der drittjüngste Domherr, als Kompromiss-Kandidat gewählt. Er konnte makellose Referenzen aufweisen. Kohn war 1871 zum Priester geweiht worden, 1875 hatte er den Doktortitel in Theologie errungen. Aber das alles änderte nichts daran, dass sein Name jüdische Wurzeln verriet. Zwei Generationen vor ihm waren seine Grosseltern und ihr zweijähriger Sohn – der zukünftige Vater Theodors – zum Katholizismus konvertiert.
Der Name von Erzbischof Kohn erregte die Gemüter von Juden und Antisemiten. Rühmten ihn erstere ungeachtet der theologischen Differenzen als «Zeugnis für die unserem Stamm eigenen Fähigkeiten», so sahen ihn letztere als Beweis für die «Verjudung Europas». Und Kohn enttäuschte beide Seiten, indem er in jeder Hinsicht versuchte, unparteiisch zu sein. So verteidigte er weder die Juden, noch bezog er im bitteren Streit zwischen deutschen und tschechischen Nationalisten Position. Für die antisemitische Presse war aber genau das ein gefundenes Fressen. Obwohl er ein gut aussehender Mann war, hängten ihm Karikaturen die übertriebendsten jüdischen Charakteristika an. Jedes antisemitische Klischee kam im Kesseltreiben gegen Kohn zum Einsatz. Man nannte ihn den «Pseudo-Christen Kohn», «kapitalistischen Blutsauger», oder einen Priester, der «die christliche Gnade dem wirtschaftlichen Profit unterordnet». Die Affäre kochte über, als eine Serie besonders bösartiger, anonymer Artikel in einer tschechischen Zeitung erschien. Da verlor Kohn schliesslich seine Geduld und er beschuldigte fälschlicherweise einen Priester, hinter den Beiträgen zu stecken. Von Rom gedrängt, sah sich Kohn 1904 zum Rücktritt gezwungen. Zur allgemeinen Überraschung stiftete er danach die Hälfte seines Ruhegehaltes für die Gründung einer tschechischen Universität in Mähren.

Trotz der Kontroverse um Kohn war Olmütz um die Jahrhundertwende die Heimat einer blühenden jüdischen Gemeinde, obwohl sich ihre jüngeren Mitglieder auf der Suche nach intellektueller Anregung zunehmend nach Wien orientierten. Als viele von ihnen mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges nach Olmütz zurückkehrten, bemühten sie sich, das hohe geistige Niveau aufrechtzuerhalten, dass sie in der Kaiserstadt kennengelernt hatten. Der Schriftsteller Max Zweig, die Architekten Paul Engelmann und Jacques Groag und andere mehr trafen sich regelmässig für hitzige Debatten und gelegentliche theatralische und musikalische Laienaufführungen. Dieser Kreis geriet in Verzückung, als im Oktober 1916 unversehens einer der provokativsten Denker Wiens in der Stadt eintraf.

Persönliche Familiengeschichte

Nachdem er an der russischen Front gedient hatte, war Ludwig Wittgenstein zum Hauptquartier seines Regiments nach Olmütz abkommandiert worden, um einen Offizierslehrgang anzutreten. Anscheinend war er bei seiner Ankunft so von der Grösse des Rathausturmes beeindruckt, dass er fragte, ob er dort Quartier beziehen könne. Schliesslich war er die Privilegien gewohnt, die sein Familienname mit sich brachte. Seine Enttäuschung darüber, dass der Turm nicht zu vermieten war, verflüchtigte sich bald, als er Engelmann kennenlernte und sich dessen Kreis für einige Monate anschloss. Die in Olmütz begonnenen Freundschaften lebten in den 1920er-Jahren in Wien fort, als Engelmann und Groag dem Nicht-Architekten Wittgenstein bei der Konstruktion des berühmten «Palais» beistanden, das er für seine Schwester Margaret Stonborough errichtete. Das Gebäude ist eine Ikone der modernen Architektur und dient heute als Sitz der bulgarischen Botschaft.
Engelmann zog 1934 nach Palästina, aber Groag blieb nach seiner Zeit als Assistent von Adolf Loos in Wien und eröffnete ein eigenes Büro. Nachdem etliche seiner Projekte in der Fachwelt Aufsehen erregt hatten, erreichten ihn immer mehr Aufträge aus Wien, Olmütz und noch von weiter her. Im Jahr 1937 wurde mein Vater einer dieser Bauherren. Er hatte seinerzeit gerade geheiratet und war trotz der in Deutschland wachsenden Bedrohung optimistisch über seine Zukunft in der kleinen Stadt Skoczów im polnischen Teil Schlesiens unweit der tschechischen Grenze. Mein Urgrossvater hatte dort 1859 eine erfolgreiche Gerberei gegründet und war nicht nur eine führende Persönlichkeit in der jüdischen Gemeinde gewesen, sondern auch Stadtrat. Mein Vater sollte das Familienunternehmen in der dritten Generation führen. Doch meine Eltern konnten das vollendete Haus nur kurz bewohnen. Sie flohen gerade noch rechtzeitig 1939 nach London. Auch Jacques Groag konnte dorthin entkommen und so existiert ein Bild von mir, auf dem ich auf dem Schoss seiner Frau sitze, während sich unsere Familien auf der Terrasse des Hauses unterhalten, dass meine Eltern während des Krieges gemietet haben. Groag ist im Jahr 1961 verstorben. Es war ihm nicht vergönnt gewesen, an seine Erfolge anzuknüpfen, die er in Mitteleuropa hatte zurücklassen müssen.

Nach dem Krieg bin ich als Flüchtlingskind in New York mit der Überzeugung aufgewachsen, dass es tatsächlich einen «Eisernen Vorhang» gibt. Was hätte mich sonst so unwiderruflich von der Geschichte meines Vaters trennen können? Als der Vorhang 1989 endlich hochging, konnte ich es nicht erwarten, seine Vergangenheit zu erforschen. Ich war inzwischen Kunsthistorikerin geworden und hatte die frühe Wiener Moderne studiert. Der hohe Anteil jüdischer Sammler und Mäzene der Avantgarde hat mich damals bereits beschäftigt. Aber nie war mir in den Sinn gekommen, dass mein eigener Vater zu ihnen gehören könnte. Warum hatte er mir nicht von Groags Ausbildung bei Adolf Loos erzählt, von seiner Verbindung zu Wittgenstein und seinem Beitrag zu der Wiener Werkbund-Ausstellung von 1932?

Mein Vater hatte so wenig erzählt von seinem Leben vor dem Krieg. Vielleicht hat er seine frühere Existenz nicht durch eine historische Brille betrachtet, wie ich es tat. Er hatte seinen Platz in der Gesellschaft ganz selbstverständlich ausgefüllt und sich verhalten wie seine Standesgenossen. Die waren Kinder erfolgreicher Unternehmer wie er. Im Gegensatz zu ihren hart arbeitenden Vorfahren hatten sie begonnen, sich an Reisen, Sport und Kunstförderung zu erfreuen. Mein Grossvater war Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, mein Vater Präsident des örtlichen Tennisclubs. Sie hatten ein gutes Leben geführt. Aber das war nun vorbei. Cynthia Ozick fand die richtigen Worte, als sie schrieb: «Das katholische Polen (Sprache, Kultur, Land) lebt fort, aber die jüdische Zivilisation Europas (Sprache, Kultur, Institutionen) wurde restlos ausgelöscht – und das ist die andere, für die jüdische Geschichte noch viel furchtbarere Bedeutung von Auschwitz.» Konnte ich verstehen, was ich nie kennen konnte? Das wollte ich in den Jahren nach 1989 herausfinden und so kam ich dann auch nach Olomouc.

Architektur als Bereicherung des Alltags

Das Haus, in dem meine Eltern keine zwei Jahre in Skoczów gelebt hatten, existierte noch, aber es war heruntergekommen, vernachlässigt und plumpen baulichen Veränderungen unterzogen worden. Nur in Olomouc fand ich mehrere Bauten von Groag gut erhalten vor und dort begann ich zu verstehen, was ihren Reiz ausgemacht hatte. In ihrer von Flachdächern und weisser Tünche bestimmten Schlichtheit stechen diese Wohnhäuser immer noch in den grünen Vororten der Stadt hervor. Am besten erhalten ist die 1935 erbaute Villa Seidler. Hier wird das spezielle Talent Groags am deutlichsten, die Umgebung eines Gebäudes ebenso in seinen Entwurf einzubeziehen, wie das Haus selbst. An der Gartenseite der Villa wird eine zweistufige Terrasse zu einem Aussenraum mit einer eigenen architektonischen Note. Ein Vordach aus gekreuzten Holzlatten wirft ein abstraktes Spiel von Schatten auf den oberen Teil der Terrasse. Zu einer Seite hin wird sie von einer Wand abgeschirmt. Aber diese wird von einer grossen, runden Öffnung durchbrochen, die den rechten Winkeln eine überraschende Kurvenform hinzugesellt. Auf der unteren Terrasse schafft ein Streifen rauer Ziegel eine reich texturierte Abgrenzung zwischen Haus und Garten. In der Villa Seidler wurde mir klar, dass Architektur für Groag nicht in grandiosen Gesten bestand, sondern in vielsagenden Details und als Bereicherung des Alltags gedacht war, die bewusst aufgenommen werden sollte wie die Zeile eines Gedichtes oder ein Takt Musik. Für einen Moment konnte ich in Olomouc beinahe die Vergangenheit spüren, die ein solches Feingefühl hervorgebracht hatte.