Sprechende Steine
War Jerusalem im 10. Jahrhundert v.d.Z. «eine besonders wichtige Stadt» – oder nur ein bedeutungsloses Dorf? Jörg Bremer, der langjährige Nahost-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, erklärt in dieser Ausgabe, dass die Antwort auf diese Frage nicht nur von akademischer Bedeutung ist: War Jerusalem vor dreitausend Jahren bedeutungslos, so geraten die historischen Fundamente des Zionismus aus den Fugen. Dies will laut Bremer «eine unheilige Allianz zwischen Archäologen und Nationalisten» verhindern. Die Nationalisten «nutzen die Neugier der Forscher aus und bezahlen grosszügig die Grabungen. Sie wollen freilich auch ein ganz bestimmtes Ergebnis …», so Bremer. Der Journalist untersucht das Treiben dieser «unheiligen Allianz», aber er berichet auch über die regen Diskussionen der Fachwelt über das schwierige Graben nach der Wahrheit im Heiligen Land. Dabei spielen deutsche Wissenschaftler seit Generationen eine bedeutende Rolle. Der Text ist Bremers neuem Buch «Unheiliger Krieg im Heiligen Land» entnommen, das im Herbst erscheinen wird. Der aufbau ist dem Autor für seine freundliche Abdrucksgenehmigung dankbar.
Können sich Archäologen häufig nicht über die Geschichte einigen, die aus Steinen spricht, so besteht an der Aussage des Titus-Bogens in Rom kein Zweifel: Dort sind Legionäre zu sehen, die aus dem Tempel in Jerusalem geraubte, sakrale Gegenstände im Triumph durch Rom tragen. Darunter sticht die massive Tempel-Menora hervor. Wie Steven Fine darlegt, treibt die Suche nach der Menora bis heute Rabbiner, Politiker und ganz normale jüdische Touristen um, die sich beim Besuch im Vatikan nach dem Verbleib des goldenen Leuchters erkundigen: Seit dem Mittelalter hält sich die Legende, dass die Menora aus den Händen der römischen Kaiser in den Besitz der katholischen Kirche übergegangen ist. Professor Fine, der an der New Yorker Yeshiva University die Seminare für Jüdische Geschichte und Israel-Studien leitet, will der Legende einen wahren Kern nicht absprechen.
Banaler, aber dennoch aufschlussreich, sind die Steine, die aufbau-Redakteur Andreas Mink am dicht bewachsenen Ufer des Delaware River gesehen hat. Eine halbe Autostunde nördlich des Ballungszentrums von Philadelphia liegt das Anwesen Point Breeze. Heute der Sitz einer katholischen Bruderschaft, hat hier zwischen 1817 und 1838 Joseph Bonaparte residiert. Der Bruder Napoleons konnte in seiner kurzen Karriere als König von Neapel und danach Spanien nicht nur einzigartige Sammlungen von Büchern und Gemälden zusammenraffen, sondern auch Juwelen, die ihm den Bau von gleich zwei Palästen am Delaware erlaubt haben. Als Gastgeber grosszügig und geistreich, hat Bonaparte nicht nur mit den Spitzen der amerikanischen Gesellschaft verkehrt, sondern den Eliten der jungen Nation auch einen stupenden Eindruck von der europäischen Hochkultur vermittelt. Heute künden nur noch Haufen alter Ziegel von dem königlichen Exil Bonapartes, aber der Archäologe Richard Veit hat auf Point Breeze seit 2008 über 12 000 Fundstücke gesichtert, die Auskunft über diese zu Unrecht vergessene Episode der amerikanischen Kulturgeschichte geben.
Dass Forscher nicht nur Scherben und Steine zum Sprechen bringen, sondern auch die Produkte der modernen Fotografie, erläutert der Düsseldorfer Publizist L. Joseph Heid anhand einer «schnurrigen» Episode aus dem Leben Theodor Herzls. Diese führt den Leser wieder zurück ins Heilige Land. ●