Sprachlosigkeit der Wortfetischisten

January 29, 2009
Editorial von Yves Kugelmann

Die Kumulation. Papst Benedikt XVI. rehabilitiert einen Holocaust-Leugner, in Europa mündet die Finanzkrise vielerorts in antisemitische Kausalinterpretationen, gleichsam steigen antijüdische Ausbrüche als Reaktion auf Israels Offensive gegen die Hamas, der Zentralrat der Juden in Deutschland instrumentalisiert wieder einmal die Opfer der Schoah für eine ungeniessbare Selbstdarstellung und bleibt der Holocaust-Gedenkstunde des Bundestags fern, und auf einmal jagen sich täglich Schlagzeilen, welche die jüdische Gemeinschaft frontal ins Licht der Öffentlichkeit zerren.

Der Komplize. Die Leugnung des Holocaust ist strafbar. Mit Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners Erzbischof William Richardson in die katholische Kirche legitimiert der Papst diese so lange, wie er den Entscheid nicht rückgängig macht. Die wohlklingenden Worte von Mittwoch an die jüdische Gemeinschaft sind da nicht mehr als der Hohn einer christlichen Kirche, die sich jeweils gegen Doppelzüngigkeit verwendet. Denn von Jesus Christus stammt das Wort, dass nicht Wein trinken solle, wer Wasser predigt. Taten sind gefragt, nicht Worte, die das Gegenteil von dem sagen, was ist. Es gibt keine Solidarität mit Juden, keine Anerkennung der Schoah-Verbrechen, wenn im Jahre 2009 der Papst vorsätzliche Beihilfe zur Holocaust-Leugnung leistet und damit ausblendet, dass die systematische Vernichtung der Juden dem Schoss des Christentums entwachsen ist. Es gibt auch keine Versöhnung, wenn der Papst Mitglieder und Gruppen rehabilitiert, die die Enzyklika «Nostra Aetate» des zweiten Vatikanischen Konzils ablehnen, die die Juden vom angeblichen Jesusmord endlich vollumfänglich freispricht. Denn darin lag mitunter die Kausalität und Rechtfertigung für jahrhundertelange durch die Kirche initiierte Judenverfolgungen und -morde in Kreuzzügen, Inquisition und Pogromen.

Das Morden beginnt mit Worten. Rolf Hochhuth stellt im Drama «Der Stellvertreter» von 1963 die Schuldfrage von Papst Pius XII. und prangert das Schweigen des Papstes zum Genozid an: «Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, aus Staatsräson, der sich nur einen Tag besinnt, nur eine Stunde zögert, die Stimme seines Schmerzes zu erheben zu einem Fluch, der auch den letzten Menschen dieser Erde erschauern lässt –: ein solcher Papst ist … ein Verbrecher.» Diesmal schweigt der Papst nicht nur, sondern macht sich aktiv schuldig, wenn er die HIV-Prävention in Afrika verhindert, vatikanisch tolerierter Pädophilie nicht den Garaus macht, mit Regensburger Reden das Christentum zu Lasten des Islam von Gewalt befreien möchte, in Auschwitz 2006 die Deutschen vor allem zum Opfervolk mutieren lassen wollte oder mit der Wiedereinführung des lateinischen Karfreitagsgebets vor bald einem Jahr die Judenmission wieder installierte. Der Stellvertreter hat sich zum Komplizen derer geredet, die aufgrund solcher Worte Menschen ausgrenzen, stereotypisieren und irgendwann mal töten.

Die Wortfetischisten. Spätestens nach den letzten Wochen müssen sich viele Funktionäre, Mitglieder von Dialog- und Gesprächsgruppen und politische Verantwortliche die Frage gefallen lassen, was denn eigentlich die wohlfeile Politik der schönen Worte der letzten Jahrzehnte gebracht hat, wenn sie dann keinen Niederschlag findet, sobald Finanz-, Israel- und sonstige Krisen ausbrechen. Was denn Wichtigtuerei an Konferenzen und Kongressen, symbolträchtige Auftritte für die Kameras oder die Inflation von nichtssagenden Communiqués zu allem und nichts bewirken, wenn die hehren Anliegen dieser Organisationen, Gruppen, Lobbys nicht in der Gesellschaft, in Bildungs- und Erziehungsinstitutionen implementiert werden können sondern sich in Elitegesprächen an teuren, konsequenzlosen Wort-Konferenzen weitab der Basis erschöpfen.