Sommernächtliche Klänge
Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer «Mahler-Hochburg» par excellence geworden, berücksichtigt das Lucerne Festival den 100. Todestag dieses Komponisten keineswegs auf spezielle Weise. Auf den Programmen der insgesamt 34 Sinfoniekonzerte und weiterer Veranstaltungen figuriert Gustav Mahler (1860–1911) nur gerade mit zwei Orginalkompositionen und einer Orchesterbearbeitung. Immerhin wird das Eröffnungskonzert am 10. August mit einer Aufführung des Adagios aus der 10. Sinfonie bestritten, dem allerdings Vorspiele aus Wagners «Lohengrin» und das 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms mit Hélène Grimaud voraus¬gehen. Claudio Abbado dirigiert das Lucerne Festival Orchestra, das dasselbe Programm auch am 12. August spielt. Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle gastieren am 31. August mit Mahlers siebter Sinfonie, das Ensemble Raro stellt sich am 13. September unter anderem mit Mahlers Klavierquartett-Fragment vor. Ein Kuriosum bieten die von Franz Welser-Möst geleiteten Wiener Philharmoniker am 12. September an: Schuberts berühmtes Streichquartett «Der Tod und das Mädchen» in Mahlers Bearbeitung für Streichorchester.
Wer weitere Werke oder gar eine Mahler-Gedenkausstellung vermisst, mag durch einen Film entschädigt werden, der bei freiem Eintritt am 28. und 29. August gezeigt wird. In der Musikdokumentation «Predigt an die Fische» (1998) schildert Pavel Kacírek, Regisseur und Direktor der Prager Filmakademie, die Schwierigkeiten, die der junge Dirigent und Komponist zu überwinden hatte, bis er als umstrittener Direktor der Wiener Staatsoper erst recht bekämpft wurde.
Schönbergs Entwicklung
Aus dem Wiener Mahler-Kreis ging mit Arnold Schönberg (1874–1951) ein Avantgardist hervor, der mit seiner Entwicklung der Zwölftontechnik entscheidend zur Moderne beigetragen hat. Noch aus der schwärmerisch romantisierenden Zeit vor jenem radikalen Stilbruch stammt das Streich¬sextett «Verklärte Nacht» op. 4, das Solisten des Lucerne Festival Orchestra nebst Werken von Franz Schubert und Dmitri Schostakowitsch am 16. August vortragen. Dasselbe Stück in einer Fassung für Streichorchester kombiniert das Stuttgarter Kammerorchester mit Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart und Othmar Schoeck, um mit dem Intermezzo op. 8 und einem Scherzo von Franz Schre¬ker (1878–1934) an einen jüdischen Wiener Komponisten zu erinnern, der einst mit Opern internationalen Erfolg erzielte. Den Gärungsprozess, den Schönberg am Rande zu seiner atonalen Schaffensphase durchmachte, bringt die erste Kammersinfonie op. 9 für 15 Soloinstrumente zum Ausdruck. Gespielt wird sie vom Ensemble des Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado am 26.August. In den Variationen op. 31 für Orchester dirigiert Pierre Boulez dasselbe Orchester am 11. September.
Virtuose Akkordeonmusik
Von weiteren jüdischen Komponisten, die in diesem Festspielsommer in Luzern erklingen werden, verdienen der Amerikaner Philip Glass (geboren 1937) und Al-fred Schnittke (1934–1998) besondere Beachtung. Von Glass, einem der Pioniere der auf kunstvollen Tonwiederholungen basierenden Minimal Music, interpretieren Solisten des Mahler Chamber Orchestra am 19. August das fünfte Streichquartett. Von Schnittke trägt die Akkordeonistin Ksenija Sidorova vier Stücke aus der «Gogol-Suite» in einer Bearbeitung für ihr virtuos beherrschtes, im Konzertsaal ungewohntes Instrument vor. Seltenes Gastrecht an einem internationalen Musikfestival hat der von Wagner angefeindete Opernkomponist Giacomo Meyerbeer (1791–1864). Er kam in Mozarts Todesjahr zur Welt, hiess ursprünglich Jakob Liebmann Beer und soll den Namen Meyer hinzugefügt haben, um eine Erbschaft zu erhalten. Von seinem schöpferischen Erbe hat sich weder auf der Bühne noch im Konzertsaal viel Bewundernswertes gehalten. An die einst beliebte Oper «Der Prophet» erinnert die Sopranistin Véronique Gens am 14. August im vierten Sinfoniekonzert, in welchem sie in Arien und Szenen aus diversen Opern vom Orchester Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset begleitet wird.
Selbstverständlich darf ein so bedeutender Komponist wie Felix Mendelssohn Bartholdy am Lucerne Festival nicht fehlen. Seine genialische Bühnenmusik zu Shakespeares «Sommernachtstraum» wird im ersten Sinfoniekonzert am 11. August mit dem Mahler Chamber Orchestra entzücken und das Violinkonzert e-Moll op. 64 mit der Solistin Anne-Sophie Mutter das Publikum am 3. September beglücken. Auf dem Programm des Pittsburgh Symphony Orchestra stehen ferner «Lichtes Spiel. Ein Sommerstück für Violine und kleines Orchester» von Wolfgang Rihm und die fünfte Sinfonie von Pjotr Tschaikowsky.
Glanzvolle Namen
Wie es sich für ein Musikfestival des Luzerner Kalibers gehört, sind mit dem Chicago Symphony Orchestra, dem Israel Philharmonic Orchestra, den Wiener und den Berliner Philharmonikern, dem Royal Concertgebouw Orchestra sowie den Staatskapellen aus Berlin und Dresden gleich mehrere internationale Spitzenorchester mit von der Partie.
Als Pianist ebenso erfolgreich wie als Dirigent, tritt Daniel Barenboim in beiden Funktionen auf, am 16. und 17. September in einem Klavierkonzert von
Mozart, am 18. September in einem Werk von Pierre Boulez. In einem Beethoven-Konzert (18. August) leitet Barenboim ausserdem das 1999 aus Musikern aus dem Nahen Osten gegründete West-Eastern Divan Orchestra. Sein Sohn, der Geiger Michael Barenboim, stellt sich mit Musik von Johann Sebastian Bach und Boulez am 1. September in der Debut-Reihe vor. Dort sind am 15. September mit Eugene Ugorski (Violine) und Konstantin Lifschitz (Klavier) weitere gran¬diose Nachwuchstalente zu entdecken. Als Solist in Beethovens fünftem Klavierkonzert ist Yefim Bronfman am 5. September zu hören. Sowohl das von Zubin Mehta geleitete Israel Philharmonic Orchestra (6. und 7. September), das in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen feiert, als auch das Jerusalem Chamber Music Festival Ensemble (31. August) verzichten leider darauf, Werke aus ihrer Heimat mitzubringen.
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