Solidarität, Verantwortung und Respekt

December 23, 2008
Entzaubert. Die Wirklichkeit hat die Menschen nahezu aller Wirtschaftsstaaten rund um den Erdball mit einer solchen Wucht und schneller eingeholt, als es die grössten Skeptiker vorausgesehen haben.

Das Jahr 2008 wird mit seiner weltweiten Finanzkrise in die Geschichtsbücher eingehen. Die Wirtschaft befindet sich in einer Rezession, deren Ursprünge auch in einer geistigen Rezession zu finden sind, die schon lange hätte bedenklich stimmen können. Werte wie Integrität und Solidarität wichen einen Streben vieler Menschen nach Mehr und einem Egoismus. Ihr abgehobener Traum wurde ebenso wie das nahezu unantastbare Berufsbild der Banker von einem Tag auf den anderen entzaubert. Der ehemalige US-Zentralbankchef Alan Greenspan konstatierte: «Die Finanzkrise ist ein Ereignis, das wohl nur einmal im Jahrhundert stattfindet.»
Gefordert. Nun befinden wir uns zumindest nach der Zeitrechnung erst im ersten Zehntel des 21. Jahrhunderts, und es bleibt zu hoffen, dass Greenspan mit seiner Aussage Recht behält. Wie aber gehen die Regierungen und die Bürger mit den Herausforderungen dieser Krise um? Zurzeit mutet es so an, als wären die Schuldenberge eine Art virtuelle Grösse, die ohnehin ausserhalb der menschlichen Vorstellungskraft liegt. Die Milliarden, die die Staaten den betroffenen Banken und Unternehmen zusichern, sind ebenso wenig fassbar wie die immensen Beträge, die sich plötzlich über Nacht in Nichts aufgelöst haben. Das Risiko liegt nun darin, zu glauben, die neuartige globale Schuldenkrise mit neuen, noch grösseren Schuldenbergen meistern zu können. Noch scheinen die meisten Menschen zu hoffen, selbst nicht von den Folgen der Krise betroffen zu sein. Dabei wird diese langfristig viel mehr Staaten treffen, als heute sichtbar ist.
Solidarisch. Die Folgen werden sich global auswirken. Die Krise wird auch Länder treffen, die nicht oder nur gering in die internationalen Finanzmärkte involviert sind. Staaten, die keine finanziellen Risiken eingegangen sind. In diesen sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern lebt mehr als die Hälfte der Menschheit. Die Krise, die die eine Hälfte der Welt verursacht hat, muss langfristig auch von der andere Hälfte der Welt mitgetragen werden und verlangt daher auch nach einer neuen – gegenseitigen – globalen Solidarität.
Global. Ein Umdenken ist erforderlich, und daher birgt die nun im Jahr 2009 mit grosser Wahrscheinlichkeit anhaltende weltweite Rezession auch neue Möglichkeiten. Dinge müssen neu hinterfragt werden, die Menschen müssen begreifen, wie eine globale Krise dieser Art überhaupt entstehen konnte und wie weit ihre Auswirkungen reichen. Dass ein Staat wie Island aufgrund der Geschehnisse in den USA kurz vor der Insolvenz steht und auch Ungarn negativ in den Strudel der Ereignisse gerät, war früher undenkbar und lässt die heutige Realität in einem neuen Licht erscheinen. Diese Krise nötigt auf positive Weise zu einem neuen globalen Denken, das das volle Ausmass einer weltweit vernetzten Gesellschaft aufzeigt. Nicht nur die Menschen, auch die einzelnen Staaten stehen in dieser Krise vor komplexen Herausforderungen. Um diese nicht nur zu bewältigen, sondern auch die sich daraus ergebenden Chancen zu nutzen, braucht es vor allem Mut. Den Mut, umzudenken sowie verantwortungs- und respektvoll einen gemeinsamen Weg einzuschlagen. Die Bewältigung der Krise muss im Bewusstsein der Menschen beginnen.