Solarkocher für Darfur

September 5, 2008
Am 6. Mai wurde in New York der mit 100?000 Dollar dotierte Charles-Bronfman-Preis an die 45-jährige Rachel Andres verliehen. Der jährlich vergebene Preis geht an Menschen unter 50, deren humanitäre Arbeit dem Konzept von Tikun Olam, dem Verbessern der Welt, entspricht.
<strong>Kinder im Elend in Darfur </strong>Solarkocher sollen das Leben in den Fl&uuml;chtlingslagern erleichtern

Von Julian Voloj

Das Projekt, für das Andres ausgezeichnet wurde, ist so einfach wie es effektiv ist: Solarbetriebene Kocher sollen die Situation von Flüchtlingen des Darfur-Konflikts verbessern. Es ist eine alltägliche Hilfe für die Frauen und Mädchen in den Flüchtlingslagern von Iridimi und Tulum an der Grenze zwischen dem Sudan und Tschad. Bevor Andres ihr Projekt für die Jewish World Watch initiierte, waren die Flüchtlinge auf der Suche nach Brennholz ständiger Gefahr ausgesetzt.

Solarbetriebene Kocher kosten etwa 15 Dollar das Stück, bisher konnten 15?000 Kocher verteilt werden. Die Jewish World Watch hat von über 20?000 Spendern mehr als eine Million Dollar gesammelt; in Los Angeles allein haben sich über 60 Synagogen der Initiative von Jewish World Watch angeschlossen.

Dass der renommierte jüdische Preis 2008 an ein Projekt geht, das den Flüchtlingen von Darfur helfen soll, ist symbolisch. Der Konflikt in Darfur dauert nun schon fünf Jahre an. Schätzungsweise 400?000 Menschen sind umgekommen, 2,5 Millionen wurden intern vertrieben, die überwiegende Mehrheit Frauen und Kinder. Während der Konflikt in Europa kaum wahrgenommen wird, hat Darfur in den USA breites Medieninteresse erhalten. Eine zentrale Rolle spielte dabei Ruth Messinger, die Vorsitzende des American Jewish World Service (AJWS). Sie fuhr bereits 2004 in die Region und war eine der ersten, die die Situation als Genozid bezeichnete. Der AJWS war zusammen mit dem amerikanischen Holocaust Memorial Museum Gründer der Save Darfur Coalition, die verschiedene Demonstrationen organisierte, unter anderem eine vor den Vereinten Nationen und eine in Washington DC.

Starkes jüdisches Engagement

Auf der Demonstration in der amerikanischen Hauptstadt kamen vor zwei Jahren über 75 000 Menschen zusammen. Elie Wiesel war einer der Redner und etwa die Hälfte der Demonstranten war jüdisch. «Das Engagement jüdischer Gruppen ist einfach spektakulär», sagt Ruth Messinger. «Als Juden wissen wir besser als alle anderen, wie gefährlich Schweigen sein kann.» Die Worte «Never Again» (nie wieder) sind daher aus Leitmotiv für viele jüdische Organisationen, die sich engagieren. «In den USA gibt es keine einzige Synagoge, die sich nicht für Darfur engagieren würde», bestätigt auch Eran Lerman vom American Jewish Committee.

Der Konflikt begann, als aus schwarzafrikanischen Stämmen hervorgegangene Rebellenbewegungen von der Regierung in Khartum mehr Mitbestimmung im Staat und Entwicklung ihrer Region forderten. Um gegen den Aufstand vorzugehen, nutzte die sudanesische Zentralregierung hauptsächlich lokale Milizen, bestehend aus arabischen Reiter-Nomaden, sogenannte Dschandschawid, die schwere Menschenrechtsverletzungen wie Zerstörung von Dörfern, Massaker und Vergewaltigungen begingen.

«Einige sagen, dass Darfur ein interner Konflikt ist und dass die internationalen Berichte übertrieben seien», sagt Harold Schulweis, ein Rabbiner aus Encino, Kalifornien. «Die gleichen Ausreden haben wir auch während des Holocaust gehört. Es gibt immer eine Alternative zu passiver Mitschuld.» Zusammen mit Janice Kamenir-Resnick gründete Schulweis daher die Jewish World Watch, um auf «den ersten Völkermord im 21. Jahrhundert aufmerksam zu machen und den Opfern zu helfen».

Die Jewish World Watch ist nur eine von über 20 verschiedenen Organisationen, darunter die von Rabbiner Rinat Yisrael gegründete Verbindung Jews for Darfur, die auf den Konflikt aufmerksam machen. Doch das gut gemeinte Engagement jüdischer Gruppen kann auch kontraproduktiv sein. Ein Vertreter des Jewish Council for Public Affairs, der nicht namentlich genannt werden will, erklärte gegenüber tachles: «Darfur ist zu einer jüdischen Sache geworden, aber es ist kein jüdisches Thema, und Stimmen werden laut, dass jüdische Gruppen sich lediglich engagieren, da es um Kritik an Muslimen geht.»

Als bekannt wurde, dass der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Anklage gegen den sudanesischen Präsidenten Omar Al-Bashir erheben wird, erwiderte der lediglich, dass es keinen Genozid in Darfur gebe und wenn man Verbrechen gegen die Menschlichkeit sehen wolle, sollte man nur nach Israel schauen. Der sudanesische Verteidigungsminister Abdel Rahim Mohamed Hussein sagte in einem Interview mit einer saudi-arabischen Zeitung, dass «24 jüdische Organisationen die Situation anheizen, den grössten Lärm machen und den Holocaust für ihre Hetzkampagne benutzen».

Die eigene Familiengeschichte

Solche Kritik kann jedoch die Auszeichnung von Andres nicht trüben. «Wir sehen oft nicht die Probleme anderer, vor allem nicht derjeniger, die keine eigene Stimme haben», erklärt die 45-Jährige, deren Grossmutter aus Polen nach Amerika kam und im Holocaust 22 Familienangehörige verlor. Andres vergleicht ihr Engagement für die Flüchtlinge mit ihrer eigenen Familiengeschichte. «Niemand war damals da, um meine Familie zu retten, aber ich hoffe, für die 4669 Familien im Flüchtlingslager von Iridimi da zu sein.» Ihr Wunsch ist, dass in «zwei, drei Jahren das Solarkocher-Projekt in allen zwölf Flüchtlingslagern in Tschad funktioniert und den Frauen von Darfur dabei hilft, die Grausamkeiten, die sie erlebt haben, hinter sich zu lassen». Die 100?000 Dollar Preisgeld der Charles-Bronfman-Stiftung sind hierbei ein wichtiger Schritt in diese Richtung.