Skepsis trotz rückläufiger Zahlen

July 4, 2008
Im vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund veröffentlichten Bericht zur Situation des Antisemitismus in der Schweiz ist von einer Verbesserung gegenüber dem Vorjahr zu lesen. Doch die Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen.
<strong>Erinnerungskultur </strong>Schweizer B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger gedenken antisemitischer Gr&auml;ueltaten

Beim Lesen des «Report on the Situation of Switzerland 2007 concerning Antisemitism» fällt als Erstes auf, dass die Zahl der antisemitischen Vorfälle sowohl in der deutschen wie auch in der französischen Schweiz gegenüber 2006 rückläufig sind. Dies wird vor allem auf die weniger angespannte politische Situation in der Schweiz wie auch in Israel zurückgeführt. Der Bericht enthält aber neben den statistischen Daten auch kurze Zusammenfassungen der aktuellsten Themen. So wird der Angriff auf das Anti-Rassismus-Gesetz thematisiert und darauf aufmerksam gemacht, dass das Thema möglicherweise nur vorübergehend vom Tisch sei und jederzeit wieder aufkommen könne. Einen kleinen Absatz widmet der Bericht auch den Parlaments-Wahlen von 2007. Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass gewisse Kampagnen stark auf Probleme mit Ausländern und Minderheiten ausgerichtet waren. Das Bild dieser Gruppen, speziell jenes der Muslime, sei vor allem durch die SVP stark in einen kriminellen und staatsabhängigen Kontext gerückt worden.

Zusammenführung weltweiter Daten

Die Daten des Berichts stammen für die Deutschschweiz von der Aktion Kinder des Holocausts (AKdH) und für die Romandie von der Coordination Intercommunautaire Contre l’Antisemitisme et la Diffamation (CICAD). Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) trug diese Daten zusammen und ergänzte sie zu einem Bericht, der an das Stephen Roth Institute geschickt wurde. Das Institut beobachtet den Antisemitismus in aller Welt, trägt Daten zusammen und versucht eine weltweite Statistik zu führen. Die Schweizer Daten sind zurzeit allerdings noch nicht einheitlich. So werden die Fälle in der deutschen Schweiz nach ihrer Art aufgeteilt, während die Vorfälle in der Romandie nach ihrer Schwere aufgelistet sind. Diesen Umstand will Sabine Simkhovitch-Dreyfus, Vizepräsidentin des SIG und Leiterin des Ressorts Prävention und Information, in Zukunft ändern: «Wir sind bestrebt, die Daten in Zukunft zu vereinheitlichen. Möglich sein wird dies wohl erst für den Bericht 2009».

Kein positiver Trend

Die grössere Sorge im Bericht 2008 dürften aber die Zahlen selbst sein. Denn bereits jetzt zeigt sich wieder eine steigende Tendenz der Vorfälle. Dies, da sowohl in der Schweiz wie auch in Israel ein politisch weniger ruhiges Klima herrscht als noch 2007. Die Freude über die rückläufigen Zahlen hält sich beim SIG daher auch in Grenzen. «Es freut uns zwar, dass es 2007 eine Verbesserung gab. Wir sind aber sehr vorsichtig, da kein allgemeiner Trend nach unten festzustellen ist» so Simkhovitch-Dreyfus.

Der Brand der Genfer Synagoge Hekhal Haness wird nicht in den Zahlen von 2007 geführt. Denn bisher ist nur klar, dass der Brand gelegt wurde. Da aber noch unklar ist, von wem und aus welchen Motiven, wird der Fall – im Gegensatz zu ausländischen Statistiken und Berichten – weiterhin nicht als antisemitischer Vorfall geführt. Die Studie zeigt aber, dass in der Schweiz im Bereich der Prävention und der Bekämpfung des Rassismus und des Antisemitismus noch viel zu tun ist. Denn auch die als Abschluss des Reports geführten Daten der gsf.bern-Studie vom März 2007 lassen aufhorchen. Demnach weisen in der Schweiz zehn Prozent der Befragten 1030 Bürger systematische antisemitische Haltungen auf. Weitere 28 Prozent haben selektive antisemitische Einstellungen und Vorurteile gegenüber Juden oder gegenüber Israel. Nur 37 Prozent haben eine ausdrücklich positive Haltung den Juden in der Schweiz gegenüber. Beruhigender wirkt schliesslich der Schlusssatz, der besagt, dass die Schweizer Bevölkerung den Kampf gegen antisemitische Strömungen befürwortet und sich für eine Bestrafung von antisemitischen und rassistischen Handlungen ausspricht.

Uri Rothschild