Sind Frankreichs Juden bedroht?
Seit Rosch Haschana kamen die Übergriffe zu keinem Ende; sie wurden im Gegenteil gewalttätiger. Mehrere Synagogen wurden bestohlen oder angezündet. «Es weckt Erinnerungen an die Kristallnacht», bemerkt ein Verantwortlicher einer jüdischen Organisation, der weiter feststellt, dass solche Angriffe seit 1941 und der Nazi-Okkupation in Frankreich nicht mehr vorgekommen sind. Molotow-Cocktails wurden auch gegen jüdische Restaurants und Schulen geschleudert. Glücklicherweise gab es bis jetzt keine Opfer. Anlässlich zweier anti-israelischer Manifestationen, die in Paris von arabischen Bewegungen und politischen Parteien wie den Kommunisten und den Grünen organisiert wurden, hörte man seit dreissig Jahren zum ersten Mal wieder den Slogan «Tod den Juden».
Protokoll der Gewalt
Während des Sukkoth-Festes wurden drei Synagogen in Pariser Vororten zu Zielscheiben versuchter Brandanschläge. In einem der Fälle wurden drei junge Leute, zwischen 17 und 18 Jahre alt, von der Polizei verhaftet. In Venissieux, einem Vorort von Lyon, wurde die Synagoge mit einem Auto als Rammbock attackiert. Fünf Jugendliche wurden verhaftet, dann mangels Beweisen wieder freigelassen. In Strasbourg wurde eine Bäckerei in Brand gesetzt, nachdem ihre Schaufenster mit den Inschriften «Juden sind Mörder» und «Hisbollah» verschmiert worden waren. Der Inhaber des Geschäftes, Jean Blum, ist kein Jude, wohl aber Präsident des Supporter-Vereins des Fussballclubs von Strasbourg. Vor einigen Wochen schon wurden auf den Mauern des Stadions des Racing Club in Strasbourg antisemitische Parolen vorgefunden. In Toulon warfen drei vermummte Personen Steine gegen eine Koscher-Metzgerei. Wer aber ist für diese Attentate, die viele Juden in Panik versetzen, verantwortlich? Es gibt in Frankreich eine Polizeidienststelle, die dafür zuständig ist, Bewegungen innerhalb der Volksmeinung und deren mögliche Auswirkungen auf den zivilen Frieden zu studieren. Nach deren Auskunft steht hinter all diesen Vorfällen viel mehr die Reaktion von Jugendlichen, oft arabisch-islamischer Abstammung, auf die eingehende Berichterstattung über die Gewalt im Nahen Osten durch die Medien als ein echtes Wiederaufflammen des militanten Antisemitismus. Die französische Polizei vergleicht diese Aktivitäten gegen die jüdische Gemeinschaft mit einem «Fieberschub», einem vorübergehenden Phänomen, wie es schon während des Golfkriegs 1991 beobachtet wurde. Sie stellt auch fest, dass sich diese anti-jüdischen Vorfälle in genau jenen Quartieren zutragen, die gewohnheitsmässig für «urbane Gewalt» bekannt sind, ohne dass religiöse oder politische Parameter dafür entscheidend sind. Gemäss einem Verantwortlichen der Polizei ist es möglich, «dass islamistische Bewegungen oder rechtsextreme Kleinstgruppierungen daraus Profit zu schlagen versuchen, um die Leute zu manipulieren, aber bis jetzt weist nichts eindeutig darauf hin». Unter dem knappen Dutzend Jugendlicher, die bis jetzt vernommen wurden, findet man laut Polizeiquellen eine Mehrheit von kleinen Delinquenten, hingegen nur einen einzigen militanten Islamisten. In einem Gespräch mit Radio RTL erklärte Innenminister Daniel Vaillant, dass er aufgrund dieser Berichte nicht daran glaube, dass es sich um eine grundsätzliche Welle von Antisemitismus in Frankreich handle. Die in Frankreich begangenen Attentate gegen Synagogen seien vielmehr «in einem Phänomen, einer wenn auch sehr traurigen Mode begründet; arbeitslose und teilweise selbst mangelhaft integrierte Jugendliche, gewohnheitsmässige Delinquenten, benützen solche Zeiten, um zu agieren». Die Übergriffe gegen die jüdische Gemeinschaft in Frankreich wurden von Präsident Jacques Chirac und Premierminister Lionel Jospin scharf verurteilt.
Jean Kahn, Präsident des Zentralrats, gab bekannt, dass er «vermute», dass der Polizei die meisten Täter bekannt seien. «Wir sind überrascht, dass es nicht mehr Verhaftungen gab», fügte er an.
Bewachung rund um die Uhr
Henri Hajdenberg, Präsident des CRIF (Conseil représentatif des institutions juives de France), der am 16. Oktober von Innenminister Daniel Vaillant empfangen wurde, teilte mit, dass er eine permanente Bewachung der Synagogen Frankreichs rund um die Uhr verlangt habe. Derzeit werden die Synagogen von der Polizei nur zu Shabbat und Festtagen direkt überwacht. Jedermann sagt also in etwa dasselbe: Die 80 Vorfälle gegen die Juden seien nicht durch organisierte Gruppen von Islamisten verursacht worden, sondern von jugendlichen Arbeitslosen, die in Vorstädten unter schwierigen Bedingungen leben, Orten, vor denen sich die Polizei selbst teilweise fürchtet. Und doch sind die Islamisten in jenen heiklen Quartieren präsent. 1995 begingen algerische Terroristen eine mörderische Attentatsserie quer durch ganz Frankreich. Sie wurden dabei von jungen Arabern unterstützt, die in solchen Vorstädten lebten. Und das letzte Attentat der 95er-Serie traf eine jüdische Schule in Villeurbanne, nahe von Lyon.
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Steigende Nervosität, schärfere Massnahmen
Frankreich ist nicht das einzige Land, das derzeit mit einer neuen Welle des Antisemitismus zu kämpfen hat. Vor dem Hintergrund der Ereignisse im Nahen Osten haben jüdische Gemeinden in aller Welt einen Bereitschaftsgrad verfügt, wie er seit über zehn Jahren nicht mehr registriert werden musste. Hinzu kommen strikte Sicherheitsmassnahmen von Polizei und anderen Sicherheitsorganen für jüdische Institutionen und andere potenzielle Ziele. «Wir dürfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen», erklärte der Sprecher einer jüdischen Gruppe gegenüber dem Londoner «Jewish Chronicle». Bisher sei es, so fügte er hinzu, vor allem zu emotionalen Reaktionen auf die Geschehnisse im Nahen Osten gekommen, doch befinde man sich nun in einer Periode, in der zu vermehrter «organisierter Aktivität gegen uns» kommen könnte. In einem Autobus im Nord-Londoner Viertel Stamford Hill wurde am Montag ein orthodoxer Jude von einem 27-jährigen Algerier durch Messerstiche erheblich verletzt. Zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur meldeten britische Synagogen mindestens 50 Fälle von Vandalismus und antisemitischen Graffiti. In London, Manchester und Birmingham verbrannten militante Moslems israelische Flaggen und verteilten Flugblätter, die dazu aufriefen, «Juden in aller Welt» umzubringen. Nach Frankreich (600 000 Juden) beherbergt Grossbritannien die zweitgrösste jüdische Gemeinschaft Europas ausserhalb der GUS. Auch Deutschland wird von einer Welle der Attacken gegen jüdische Objekte heimgesucht. Vor Jom Kippur versuchten rund 100 palästinensische und libanesische Demonstranten, eine alte Synagoge in Essen zu stürmen, die als Holocaust-Erinnerungszentrum dient und in der keine Gottesdienste abgehalten werden. Deutsche Offizielle, u.a. Aussenminister Fischer, verurteilten die antisemitischen Aktivitäten in scharfen Worten. In Italien wurden die Sicherheitsmassnahmen für Synagogen, jüdische Schulen und Botschaften, aber auch auf Flugplätzen verschärft. In Rom kam es zu Zusammenstössen zwischen jungen jüdischen Militanten und rechtsextremen Demonstranten. «Italiens Massenmedien», klagt Leone Paserman, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Rom, «haben eine Desinformationskampagne lanciert, welche anti-israelische und anti-jüdische Gefühle fördert.»
In Sydney und Canberra wurden an Sukkot Brandbomben gegen jüdische Ziele geworfen. Ebenfalls in Sydney verbrannten rund 2000 Demonstranten vor dem US-Konsulat israelische und amerikanische Flaggen sowie Plakate mit dem Bild Ehud Baraks.
Jüdische Persönlichkeiten in Südafrika kritisieren den Afrikanischen Nationalkongress für die Abhaltung einer heftig anti-israelischen pro-palästinensischen Solidaritätskundgebung.
In Argentinien wurde die Polizei-Präsenz bei jüdischen und arabischen Institutionen, der US-Botschaft und an Grenzübergängen verstärkt. Präsident Fernando de la Rua konferierte mit den Spitzen der Sicherheitskräfte, sowie mit den Führern der jüdischen und arabischen Gemeinschaft, die in einem gemeinsamen Statement zur Waffenruhe in der Westbank und im Gazastreifen aufgerufen haben. In den USA ist die Beth El Synagoge in Syracuse durch einen Brandanschlag schwer beschädigt worden. Im vorwiegend jüdischen Viertel West Rogers Park in Chicago gab es drei Attacken gegen jüdische Passanten. Drei palästinensisch-amerikanische Teenager wurden im Zusammenhang mit zwei der Anschläge verhaftet.
Von Ruth E. Gruber (ITA) und JR