Signale an den neuen Vorstand
Gewählt. Die Mitglieder der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) haben an den Vorstandswahlen vom vergangenen Sonntag drei deutliche Signale gesetzt: Mit Ronald Fried und Daniel Erlanger haben zwei neue Kandidaten am meisten Stimmen erhalten, liberale Vertreter wurden nicht gewählt – und die Hälfte der Mitglieder bleiben weiterhin Nichtwähler. Von den acht neuen Vorstandmitgliedern stehen fünf erstmalig an der Spitze der orthodoxen Einheitsgemeinde: Daniel Erlanger, Ronald Fried, Michel Guttmann, Eric Odenheimer und Ella Waldmann. Wiedergewählt wurden die ehemaligen Vorstandsmitglieder Iris Sobol, Carine Eltbogen-Winter und Peter Bollag. Zeitgleich mit dem Vorstand, der am Montag seine erste Sitzung unter der Leitung von IGB-Präsident Guy Rueff hat und die Ressorts unter sich aufteilt, nimmt auch der neue Verwalter der IGB, Joel Weill (vgl. tachles 24/11) seine Arbeit auf. Die Chancen für neue Arbeitsweisen und Strukturen innerhalb der IGB stehen also gut, wenn die Beteiligten ihre Arbeit mit so viel Engagement in die Hand nehmen, wie sie an der Podiumsveranstaltung kurz vor den Wahlen angekündigt haben. Mit einer Wahlbeteiligung von nicht einmal 50 Prozent der Stimmberechtigten – trotz Briefwahl – wird deutlich, dass das Engagement der Mitglieder ernüchternd klein ist und den neuen Vorstand herausfordern wird.
Handlungsbedarf. Innerhalb der Gemeinde gibt es Handlungsbedarf: Die Tatsache, dass sieben Mitglieder des ehemaligen Vorstands sowie die ehemalige Verwalterin Hélène Loeb-Meyer ihre Arbeit fast zeitgleich aufgekündigt haben, zeigt, dass die Zusammenarbeit in der Vergangenheit nicht immer reibungslos war. Dies räumt auch Guy Rueff gegenüber tachles ein, wenn er sagt: «Wir haben vielleicht zu lange zugeschaut, dass einiges nicht läuft». Dass auch die Gemeindemitglieder sich viel von einem neuen Vorstand erhoffen, wird an der Vergabe der Stimmen deutlich: Zwei der neuen Kandidaten erhielten mehr Stimmen als die «alten» Vorstandsmitglieder, die sich zur Wiederwahl stellten. Allein durch einen schlankeren Vorstand, der erstmalig aus acht und nicht mehr aus zehn Mitgliedern besteht und der daraus resultierenden Zusammenlegung verschiedener Ressorts können «neue Akzente gesetzt werden», wie Rueff es ausdrückt.
Absage. Vom Wahlergebnis enttäuscht sein dürften die Mitglieder von Migwan und Ofek, für die Oliver Minzloff ins Rennen gegangen war – und den Einzug in den Vorstand nicht schaffte. Der Traum von einer verstärkten Kooperation mit der IGB dürfte damit wieder ein Stück entfernt sein. Gleichzeit kommt die Frage auf, weshalb nicht mehr Liberale für den Vorstand kandidiert oder an den Wahlen teilgenommen haben – so wurde die Chance eines Ofek-Mitglieds, in den Vorstand aufzustossen, verpasst, obgleich diese Möglichkeit bei fünf Neuzugängen vergleichsweise hoch war. Insgesamt lag die Wahlbeteiligung bei 49,3 Prozent. Im Jahr 2008 lag Zahl ähnlich niedrig bei nur 48,8 Prozent – nachdem 2002 noch 62,2 Prozent der IGB-Mitglieder an die Urne gegangen waren und aus immerhin 17 Kandidaten wählen konnten.
Chance. Die Themen, die den neuen Vorstand nun beschäftigen, werden die alten sein: Die Gewinnung neuer Mitglieder (auch von Zuzügern aus dem Ausland) wird eine ebenso grosse Rolle spielen wie die Zukunft der Jüdischen Primarschule Leo Adler. Ebenso muss geklärt werden, wer künftig die Buchhaltung verantwortet, da diese an der Generalversammlung schlechte Noten erhalten hat und professionalisiert werden muss. Handlungsbedarf besteht in vielen Bereichen – und der neue Vorstand sollte nicht zögern, die Arbeit in den einzelnen Kommissionen, die zurzeit brachliegt, zügig aufzunehmen. Bevor die wichtigen Themen aber angegangen werden können, muss die neue Verwaltung die Ordnung im Büro des Gemeindehauses wieder herstellen und somit die Grundfunktionen einer funktionierenden Gemeinde sichern.