SIG ist keine Ehevermittlung

Interview Yves Kugelmann, September 3, 2010
Herbert Winter blickt auf die ersten zwei Jahre seines Präsidiums im Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und auf die aktuellen Themen im Gemeindebund zurück.
PRÄSIDENT HERBERT WINTER «Der SIG bestimmt die Ausrichtung der jüdischen Gemeinden nicht mit»

TACHLES: Die Delegiertenversammlung (DV) fiel in diesem Jahr durch eine neue Form und damit auf, dass die Delegierten den Schwerpunkt des politischen Dachverbands auf die Unterstützung in Sachen jüdischer Partnersuche verlegen wollen.

HERBERT WINTER: Wir haben in diesem Jahr tatsächlich einiges umgestellt, ein hochkarätiges politisches Gespräch organisiert, den Abend mit einem festlichen Nachtessen aufgewertet und am Delegiertentag Breakfast-Meetings zu aktuellen jüdischen Themen durchgeführt. Dies kam beim Publikum – zu unserer Freude – sehr gut an. Der Wunsch zum Engagement in Sachen Partnervermittlung wurde als Antrag gestellt, deshalb haben wir ihn als Traktandum für die DV angenommen. Dass dieser mit grossem Mehr angenommen wurde, zeigt, dass das Anliegen berechtigt ist und sich ein grosser Teil unserer Gemeinschaft um ihre jüdische Zukunft sorgt. Deshalb nehmen wir dieses Anliegen sehr ernst.

Hat der SIG die operativen Möglichkeiten dazu?
Wir haben entsprechende Anlässe schon immer gefördert. Nun werden wir zwei Massnahmen zusätzlich umsetzen: einerseits einen über die Schweiz hinausgehenden Veranstaltungskalender auf unserer Homepage publizieren, anderseits selbst einmal einen europaweiten Singles-Anlass organisieren. Wir werden alles daran setzen, dass dieses Event zu einem vollen Erfolg wird. Eine eigentliche Ehevermittlung ist indes nicht Aufgabe des politischen Dachverbands.

Die Medien haben die Singles-Event-Thematik breit aufgenommen, im «Tages-Anzeiger» wurde das Vorhaben sogar als ausgrenzend oder unemanzipiert dargestellt. Kann man das so sehen?
Nein, das finde ich nicht. Denn ich höre von älteren und jüngeren Erwachsenen, dass es zu wenige Möglichkeiten gibt,
einen jüdischen Partner zu finden. Wenn wir solche Events unterstützen oder selbst durchführen, ist dem nichts entgegenzuhalten, auch wenn wir die Realität von 50 Prozent Mischehen zur Kenntnis nehmen müssen.

J-Date ist die erfolgreichste und grösste Vermittlungsplattform im Internet. Macht es da Sinn, wenn letztlich der orthodox geführte Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) mit dieser Plattform in Konkurrenz zu treten versucht und allenfalls wieder die Diskus­sion von vorne losgeht, ob und welche jüdische Provinienz jüdische Singles vorzuweisen haben.
Wie Sie selbst wissen, ist der SIG nicht orthodox geführt, sondern der politische Dachverband der Mehrheit der jüdischen Gemeinden in der Schweiz. Davon sind einige orthodox, die meisten aber Einheitsgemeinden ...

.... Machen wir uns doch nichts vor: der SIG orientiert sich an der orthodoxen Praxis jüdischen Lebens und verweigert sich vielem in einer Art vorauseilendem Gehorsam ...
Von einer Verweigerung kann keine Rede sein. Gemäss seinen Statuten führt der SIG aber seine Aktivitäten in Einklang mit der jüdischen Tradition durch. Was den von uns geplanten Anlass betrifft, richtet sich dieser an Jüdinnen und Juden  aller Kreise und Provenienzen.

In punkto politischer Aktivitäten hat man in den letzten Monaten eher wenig vom SIG gehört. Wo lagen die – vielleicht nicht bekannt gewordenen – Schwerpunkte?
Wir agieren durchaus auch vor den Kulissen – denken Sie an das politische Podiumsgespräch zum Thema «Religion und Staat» anlässlich der letzten DV. Dies ist eines der Themen, die derzeit im Brennpunkt unserer politischen Aktivität stehen. Zu diesem und anderen relevanten Anliegen findet man auch umfassende Hintergrundinformation auf unserer Website. Unsere Positionen bringen wir auch in unseren regelmässigen Diskussionen mit Behörden, politischen Gremien und Politikern ein. Wir geben Interviews oder führen Hintergrundgespräche mit Medien und wir engagieren uns im Rat der Religionen und bei anderen mit uns vernetzten Organisationen.

Wie lässt sich Ihre Position zu Religion und Staat kurz zusammenfassen?
Der SIG verlangt, dass es in unserem Staat jeder Religionsgemeinschaft möglich sein muss, ihre Religion selbstbestimmt zu leben. Dieses Recht auf freie Religionsausübung darf nur durch Massnahmen eingeschränkt werden, die im überwiegenden öffentlichen Interesse liegen, und sie müssen verhältnismässig sein. Seit der Annahme der Minarett-Initiative beobachten wir vermehrt populistische Positionen, die dieses Recht zu beschränken drohen. Stichworte sind Bekleidungsvorschriften, Verbote konfessioneller Friedhöfe, Vorbehalte gegen Schulabsenzen an religiösen Feiertagen und so weiter. Gegen solche Forderungen setzen wir uns dezidiert ein. Die religiöse Neutralität der Schweiz sehen wir auch in Frage gestellt durch Vorschläge, eine «Leitkultur» in die Verfassung einzuführen, was in der Schweiz natürlich «christliche Leitkultur» bedeutet.

Würde der SIG auch Stellung beziehen, wenn Israel für sich eine «jüdische Leitkultur» definieren würde?
Wir sind der Dachverband jüdischer Gemeinden in der Schweiz, für uns stehen somit die hiesigen Belange im Vordergrund. In Israel, einem demokratisch organisierten Rechtsstaat, müssen die Israeli entscheiden, wir nehmen zu Israel betreffenden politischen Fragen nur zurückhaltend Stellung. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil es unter uns Juden zu vielen Fragen um Israel bekanntlich viele unterschiedliche Positionen gibt, und es wäre eine Anmassung, wenn wir als SIG eine Position vorgeben oder als «die richtige» positionieren würden.

Auch, wenn es um ein Schiff gehen würde, das eventuell unter Schweizer Flagge Gaza anlaufen will?
Wenn es so weit käme, dass ein Schiff unter Schweizer Flagge trotz israelischer Seeblockade Gaza anlaufen möchte, würde der SIG zweifellos ganz klar Stellung beziehen. Die Schweiz müsste doch ein Interesse daran haben, sich für den Frieden einzusetzen und nicht für den Zwiespalt. Aber diese Frage ist ohnehin nur hypothetisch.

Sie haben bereits Ihre halbe Amtszeit hinter sich. Welches Zwischenfazit würden Sie ziehen und welche Ziele definieren?
Die ersten zwei Jahre dienten vor allem der Konsolidierung, der Schaffung einer Gesprächskultur und der Vertrauensbildung, alles für den SIG unabdingbare Fundamente. Sodann ist das Ausmass des gewöhnlichen Verbands-Alltagsgeschäfts viel grösser, als von aussen sichtbar – und auch grösser, als ich zu Beginn meiner Amtszeit gedacht habe. So gesehen kam die Umsetzung von Visionen bis anhin womöglich zu kurz. In Zukunft werden wir noch mehr Thematisches in unsere Arbeit einbringen, beispielsweise die Zukunft der Gemeinden und des SIG oder Fairness unter den Gemeinden. Auch Israel ist und bleibt ein wichtiges Thema. Eine wichtige Aufgabe sind offensichtlich auch Strukturfragen, die auf die Frage hinauslaufen: Wohin geht die jüdische Gemeinschaft?

Wie packt man denn SIG-interne Strukturfragen bezüglich Umsetzung an, wenn man keine erneute Statuten­revision will?
Eine umfassende Totalrevision der Statuten würde enorm viel Zeit und Energien in Anspruch nehmen – bei unklaren Erfolgsaussichten, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Wir wollen deshalb Themen anpacken, die realistischerweise umgesetzt werden können und für unsere Arbeit wichtig sind, zum Beispiel das Thema der Aufhebung oder Erweiterung der Amtszeitbeschränkung in der Geschäftsleitung. Wir wollen uns aber zweifellos auch anderen Themen widmen.

Was davon möchten Sie in Ihrer ersten Amtszeit erfolgreich zu Ende bringen?
Es ist unser Anliegen, den SIG wieder zu einer lebendigen Plattform für die Themen der jüdischen Gemeinschaft zu machen, die Gremien interessanter zu gestalten und die Mitarbeit in ihnen attraktiver zu machen.

Haben sich die Inhalte für den SIG in den zwei letzten Jahren gewandelt?
Weltweit beschäftigt sich die jüdische Gemeinschaft seit Jahrzehnten mit denselben Themen. Da ist die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz und deren Dachverband keine Ausnahme.

Welches sind die internen Diskussionsthemen?
Da gibt es noch immer die alten Reformthemen, etwa das Verhältnis von Grossgemeinden und Kleingemeinden, die Kompetenzen der Gremien und so weiter.

Und die grosse, sich eher verschärfende Diskussion über eine gesellschaftlich liberalen Perspektive, die immer stärker mit den orthodoxen Gemeinden in Konflikt gerät?
Der SIG muss und will in seinen Positionen der ganzen Bandbreite seiner Mitgliedgemeinden gerecht werden. Wichtig ist, dass bei internen Diskussionen gegenseitiger Respekt und Dialogbereitschaft herrschen.

Haben Sie etwa innerjüdisch auch gesellschaftliche Zielsetzungen, beispielsweise die Einführung des Frauenstimmrechts bei allen Mitgliedgemeinden?
Es ist schwer vorstellbar, dass der Dachverband seinen Mitgliedgemeinden vorschreiben kann, wie sie sich intern zu konstituieren haben.

Auch wenn es um Dinge geht, die nicht der Schweizer Verfassung entsprechen?
Für uns gilt es da, gelegentlich Kompromisse zu machen, zum Beispiel wenn es um Vernehmlassungen zu Gesetzesvorlagen geht, etwa zu Themen wie Partnerschaftsgesetz oder Sterbehilfe. Da müssen wir Rücksicht auf das ganze Spektrum unserer Basis nehmen, was unter Umständen dann heisst: keine Stellungnahme.

Ist es nicht ein wenig absurd, wenn der SIG sich für das Grundrecht Glaubens- oder Religionsfreiheit einsetzt, aber innerhalb der jüdischen Gemeinden nicht durchsetzt, dass die nach Schweizer Verfassung geltende Gleichberechtigung von Mann und Frau garantiert wird?
Sie scheinen von der Vorstellung auszugehen, der SIG hätte Aufgabe und Kompetenz, die Ausrichtung der jüdischen Gemeinden mitzubestimmen. Dem ist aber nicht so.

Nein. Ich gehe von der Vorstellung aus, dass der SIG generell die nach aussen zu Recht eingeforderten Grundrechte auch nach innen umsetzen und de facto und de jure verfassungskonform sein muss.
Lassen Sie mich klarstellen: Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie grundsätzlich alle verfassungsmässigen Grundrechte sind Ansprüche des Einzelnen gegenüber dem Staat, nicht gegenüber Privaten und somit auch nicht gegenüber Vereinen und Verbänden. Für den SIG und seine Mitgliedgemeinden stellt sich somit die Frage der Verfassungskonformität nicht.

Schade. Denn Glaubwürdigkeit ist auch ein hohes Gut.
Wollte man Ihren Punkt durchsetzen, bedürfte es einer Statutenrevision, mit welcher massiv in den Kompetenzbereich der Mitgliedgemeinden eingegriffen würde. Aus Rücksicht auf unsere gemeinsamen Interessen kann ich mir nicht vorstellen, dass die Geschäftsleitung so etwas initiieren würde.

Das habe ich mit dem vorauseilenden Gehorsam gegenüber orthodoxen Gemeinden gemeint.
Das hat überhaupt nichts mit einem, von Ihnen übrigens zu Unrecht behaupteten, vorauseilenden Gehorsam gegenüber orthodoxen Gemeinden zu tun. Es gehört nun einmal zum Wesen des SIG, dass er nicht in die Ausrichtung und in die inneren Strukturen von Mitgliedgemeinden eingreift. Persönlich ist mir aber sehr daran gelegen, dass man über alle Themen in allen Gremien offen diskutieren kann.

Die Antisemitismusbekämpfung scheint nicht mehr so prominent auf der SIG-Traktandenliste zu stehen.
Wie kommen Sie darauf? Der SIG hat nun die Anlaufstelle zur Meldung antisemitischer Vorfälle übernommen. Im Rahmen unserer Präventionsarbeit planen wir, zusammen mit der Plattform der liberalen Juden der Schweiz, Besuche des Konzentrationslagers Auschwitz für Lehrer und Journalisten. Der SIG ist weiter daran, Module für Erwachsenenbildung zu erstellen, die über Themen wie Judentum, jüdische Gemeinschaft in der Schweiz und Israel informieren sollen. Was die Meldestelle betrifft, haben wir zurzeit glücklicherweise wenige Meldungen.