SIG geht über die Bücher

Von Andreas Schneitter, December 16, 2011
Nächsten Frühling wird die Geschäftsleitung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds nicht nur zwei, sondern drei Vakanzen neu zu besetzen haben: Kassier Daniel Rothschild tritt per Ende Jahr zurück.
Offiziell aus gesundheitlichen Gründen – der Gemeindebund hat jedoch wegen eines Veruntreuungsvorwurfs an Rothschild in einer universitätsnahen Stiftung eine Untersuchung der Finanzgeschäfte während Rothschilds Amtszeit angeordnet. Ein Novum in der Geschichte des Dachverbands.
DIE ZUSAMMENARBEIT IST BEENDET Herbert Winter, Rolf Halonbrenner und Daniel Rothschild an der Delegiertenversammlung im Juni

Am 2. Dezember verschickte der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) eine interne Meldung, in der er den Rücktritt des Geschäftsleitungsmitglieds und Kassiers Daniel Rothschild auf Ende Jahr ankündigte. Rothschild, seit sieben Jahren in der Geschäftsleitung (GL), lege sein Amt aus gesundheitlichen Gründen nieder (vgl. tachles 49/11). Was der SIG nicht mitteilte: Der Rücktritt erfolgte einen Tag nachdem die SIG-GL einen Hinweis erhalten hatte, wonach Rothschild in seiner Funktion als Aktuar im Vorstand der Stiftung für Jüdische Studien der Veruntreuung von Stiftungsgeld verdächtigt werde.
SIG-Präsident Herbert Winter bestätigt, von besagter Stiftung über den Vorwurf informiert worden zu sein. Details nennt Winter keine. Aber: «Wir reagierten umgehend. Bereits am nächsten Tag hat Rolf Halonbrenner das Kassieramt von Rothschild übernommen.»
Keine Konsequenzen fürs Institut
Die Stiftung für Jüdische Studien hat gemäss Beschrieb die Aufgabe, «die strukturellen Voraussetzungen für das Institut zu schaffen und die Arbeit des Instituts finanziell abzusichern». Gemeint ist das Institut für Jüdische Studien der Universität Basel (IJS), für das die Stiftung Angebote in der Lehre über den Grundbestand des Lehrstuhls hinaus zu leisten helfe, sagt Institutsleiter Alfred Bodenheimer. Während das IJS vollumfänglicher Teil der Universität ist, ist die Stiftung ausserhalb angegliedert und untersteht keinem universitären Kontrollorgan, bestätigt die Universitätsverwaltung auf Anfrage. Die Vorwürfe gegen Rothschild kommentiert Bodenheimer nicht, versichert aber «dass der Stiftung kein Schaden entstanden ist. Insofern wird sich auch für den Stiftungszweck, die Unterstützung des Faches Jüdische Studien, keine negative Konsequenz ergeben.» Allerdings ist Bodenheimer nicht Mitglied des Stiftungsrats. Bestätigen kann diesen Sachverhalt nur die Stiftung selbst. Dort gibt man zu dieser Frage, wie auch zu den Details des Vorwurfs an Rothschild, zur mutmasslichen Schadenssumme, zu möglichen Konsequenzen und allfälligen Untersuchungen des Finanzcontrollings wie zum Verbleib von Rothschild im Stiftungsrat momentan keine Auskünfte. Die Fragen würden gegenwärtig noch intern behandelt, antwortet Ekkehard Stegemann, Präsident des Stiftungsrats.

Neue Untersuchungen

Mit dem SIG haben diese Fragen vordergründig nichts zu tun. Die umgehende Reaktion in der GL zeigt jedoch, dass man die Arbeit von Rothschild als SIG-Kassier und alle Finanztransaktionen, Darlehen und Spesenabrechnungen während seiner Amtszeit als Kassier komplett neu untersucht. Winter bestätigt: «Wir haben mit unserer externen Revisionsstelle die Untersuchung der Bücher des SIG umgehend eingeleitet.» Der SIG verwaltet ein Vermögen von geschätzten 25 Millionen Franken. Wann die Untersuchung abgeschlossen sein werde, kann Winter noch nicht sagen, «das kann einige Wochen dauern». Gestossen ist man bisher auf ein Resultat: Ein Darlehen von 13 000 Franken, das gewährt wurde, ohne dass die GL davon Kenntnis hatte. Ob damit jedoch eine Veruntreuung vorliege, sei noch nicht geklärt. «Hinweise auf andere mögliche Unregelmässigkeiten hat die Untersuchung bis dahin nicht ergeben. Um sich ein Urteil über die Angemessenheit des Darlehens zu bilden, bedarf es noch weiterer Abklärungen», so Winter. Vorläufig nicht neu überprüft würden hingegen die finanziellen Kontrollmechanismen, «sie entsprechen beim SIG einem hohen Standard, alle Zahlungen bedürfen der Unterschrift von zwei Zeichnungsberechtigten», also zwei Mitgliedern der GL. Das gilt somit auch für das besagte Darlehen über 13 000 Franken. Wer das gezeichnet hat und wann die Details über das Darlehen klar sein werden, lässt Winter offen.

«Keinerlei Schaden»

Auskunft geben könnte Daniel Rothschild selbst. Er meldet sich per Mail und schreibt: Zu den Anschuldigungen im Fall der Stiftung für Jüdische Studien gebe es von seiner Seite nichts zu sagen. Angesichts dessen habe er jedoch «volles Verständnis» für den Beschluss des SIG, eine Untersuchung durchzuführen, «zum Schutz des SIG wie zu meinem eigenen». Rothschild ist überzeugt, dass «die Untersuchung zum Schluss kommen wird, dass dem SIG während meiner Amtszeit keinerlei Schaden erwachsen ist». Auf die Frage nach den 13 000 Franken antwortet er nicht und bekräftigt zum Schluss die offizielle Version, dass sein Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen erfolgt sei, auf Anraten seiner Ärzte.
Bis Rothschilds Rücktritt aus dem SIG Ende Monat auch formell vollzogen sein wird, bleibt er Mitglied der GL ohne Ressort. Damit wird es bei den Vorstandswahlen des SIG im kommenden Frühling nach den bereits angekündigten Rücktritten von Gabrielle Rosenstein und Rolf Halonbrenner nicht nur zwei, sondern neu drei Vakanzen geben. «Ich gehe davon aus, dass wir die Vakanzen mit guten Leuten besetzen können», sagt Winter.