Sieg? Was für ein Sieg?
Am Vorabend des Kosovo-Krieges umriss der Präsident der Vereinigten Staaten die Zielsetzung: «Schutz von Tausenden unschuldiger Menschen im Kosovo vor einer sich zusammenbrauenden militärischen Offensive». Das würde ein bis zwei Tage in Anspruch nehmen. Wir würden die Serben von einer ethnischen Säuberung des Kosovos abhalten, oder sonst würden wir physisch - militärisch - Serbiens Fähigkeit zerstören, dies zu tun.
Nach Bill Clintons eigenen Massstäben ging der Krieg also in der ersten Woche verloren, unwiderruflich, katastrophal verloren. Die Nato lancierte eine sowohl kraftlose als auch zögernde Kampagne der Bombardierung leerer Häuser.
Slobodan Milosevic reagierte mit der massivsten ethnischen Säuberung in Europa seit dem 2. Weltkrieg.
Jetzt, elf Wochen und eine Million Flüchtlinge später, gibt es eine Vereinbarung, die die Rückkehr zum Status quo ante erlaubt. Nun, nicht ganz so: Es wird eine teilweise, unvollständige Rückkehr sein, da viele Kosovaren tot sind und viele andere nicht zurückkehren wollen. Und jene, die zurückkehren, kehren nicht in den Kosovo zurück, sondern in eine Wüste, die einmal Kosovo war.
Das ist kein Sieg. Das wäre eine Abwertung des Siegesbegriffs.
Es hätte nicht so sein müssen. Milosevic stimmte letztlich einer teilweisen Umkehr seiner ethnischen Säuberung erst zu, als die Nato-Angriffe auf seine zivile Infrastruktur unerträglich wurden. Warum haben wir das Licht in Belgrad nicht schon am ersten Tag ausgelöscht?Nach zwei Wochen Krieg schrieb ich von dem offensichtlichen Hintergrund des Geschehens, der «einzige Ausweg aus diesem sich einer Niederlage nähernden Krieg» wäre eine «ernst zu nehmende Luftkampagne, die Kraftwerke, Treibstofflager und Brücken» treffen würde. Also jene Art des Krieges, der tatsächlich Soldaten tötet und unvermeidlicherweise auch Zivilisten, der gleichzeitig aber auch die Nation des Feindes so lähmen würde, dass sie zum Stillstand kommen und an den Verhandlungstisch gebracht werden würde.
Historiker werden sich den Kopf darüber zerbrechen, warum Clinton, Blair und Schröder und die anderen damit zugewartet hatten, bis der Kosovo beinahe all seiner Albaner entledigt worden war. Das ist aber gar kein Rätsel: Clinton glaubte, dass er mit militärischem Minimalismus - der den ex- und gegenwärtigen Pazifisten in seiner Koalition so sehr passt - nur gewinnen könne. Entweder würde Milosevic angesichts dieser kriegerischen Demonstration kapitulieren, oder dann könnte Clinton genau das tun, was er nach dem kleinen, dreitägigen Krieg gegen den Irak kurz vor seinem Amtsenthebungsverfahren auch getan hatte: vor die TV-Kamera stehen, eine knallige Liste getroffener Ziele präsentieren, den Sieg erklären und nach Hause gehen.
Mit der öffentlichen Zurschaustellung dieses Betruges durch Milosevic hatte Clinton allerdings nicht gerechnet. Im Irak konnte Clinton prahlen und den Sieg erklären, denn es gab keine Kameras, die seinen Misserfolg festgehalten hätten - Saddam entwickelt nukleare und chemische Waffen unbehelligt, bisher jedoch unentdeckt. Im Kosovo demgegenüber marschierte eine Flüchtlingsparade von einer Million vor den Kameras der ganzen Welt vorbei. Nicht einmal Clinton konnte sich den Weg herausmogeln und diese Niederlage in einen Sieg umfunktionieren.
Der Luftkrieg ging also weiter und wurde zuletzt noch seriös. Jetzt haben wir etwas, das sie Sieg nennen. Das sogenannte Vehikel der serbischen Kapitulation aber, die Resolution des UNO-Sicherheitsrates, welche die Waffenstillstandsbedingungen fixiert, ist voller Zweideutigkeiten.
Im Mittelpunkt des ganzen Konfliktes stand immer die Frage, wer nach dem Abzug der serbischen Kräfte den Kosovo regieren würde. Die Resolution des Sicherheitsrates gestattet eine internationale Sicherheitspräsenz mit «wesentlicher» Nato-Beteiligung. Die Befehlsstruktur ist nicht definiert, und die Russen bestehen darauf, dass ihre Truppen nicht dem Nato-Kommando unterstellt sein würden. Kommt es dazu, werden sie ihre eigene Besatzungszone haben, wodurch der Kosovo letztlich geteilt werden würde.
Noch mehr Durcheinander: Serbien wurde eine Präsenz bei den Punkten zugestanden, an denen die Flüchtlinge zurückkommen werden. Wird dies die Flüchtlinge abschrecken? Wir wissen es nicht. Und wer wird die Befreiungsarmee des Kosovos «entmilitarisieren»? Ich habe nichts gegen diese Kompromisse - sie sind die unabdingbaren Übereinkünfte zur Beendung eines aussergewöhnlich schlecht konzipierten Krieges. Hingegen habe ich sehr wohl etwas dagegen, dass dies in einen Triumph umgemünzt wird. Wenn dies wirklich ein solcher Triumph ist, kann sich jemand vorstellen, dass wir dieses Abenteuer je wiederholen werden?
Und die Ironie zum Schluss: Wenn alle Zweideutigkeiten zugunsten der Nato ausgelegt werden, und wenn Jugoslawien jedem einzelnen Punkt des militärischen Abkommens mit der Nato nachlebt - was haben wir dann in den Händen? Der Preis des Sieges: Die USA und ihre Alliierten dürfen ihre Soldaten in einem fortdauernden Balkan-Guerillakrieg zwischen Todfeinden postieren. Auf Jahre hinaus.
(c) «Jerusalem Post» und «Washington Post» Writers Group.