Sieg über ein Klischee
Der stereotypen, vom Nationalsozialismus propagierten Meinung will die wissenschaftlich sorgfältig konzipierte Dokumentarschau entgegenwirken. Auf 69 grossformatigen Standtafeln und in vier Vitrinen wird anhand eines reichen Materials - Urkunden, Handschriften, Fotos, Reproduktionen von Gemälden und Grafiken, Statistiken usw. - zum ersten Mal ausführlich dargestellt, dass die deutschen jüdischen Soldaten im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil in gleicher Weise wie die christlichen oder oft sogar auch zahlreicher für das deutsche Vaterland an den Fronten der Kriege (1848/49, 1864, 1866, 1870/71, 1914-1918) heldenhaft gekämpft haben und gefallen sind.
Das deutsche Vaterland
Als Veranstaltung der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition - Leitung Dr. Dr. Simon Snopkowski und Ilse-Ruth Snopkowski -, zusammengestellt vom militärgeschichtlichen Forschungsamt und dem Moses-Mendelssohn-Zentrum, Potsdam, sowie dem Centrum Judaicum, Berlin, veranschaulicht diese Ausstellung, dass die jüdische Bevölkerung bis zum Ausbruch der Nazibarbarei ein oft tiefes patriotisches Verhältnis zu Deutschland entwickelte, das aus heutiger Sicht - ohne Wissen um Zeitgeist und jüdisches Lebensgefühl jener Epoche - schwer nachvollziehbar ist.
So richtete beispielsweise noch am 23. März 1934 der «Reichsbund jüdischer Frontsoldaten» an den Reichspräsidenten ein Schreiben, indem er gegen den drohenden «Ausschluss unserer jungen jüdischen Generation vom Dienst in der deutschen Wehrmacht» protestierte und zu bedenken gab, «dass auch vom rein militärischen Standpunkt aus eine Ausschaltung der deutschen Juden aus der allgemeinen Pflicht an der Wehrmacht die militärische Kraft Deutschlands schwächen würde».
Freiwillig zu den Fahnen
Bereits im 4. Jh. lebten auf dem Gebiete des heutigen Deutschlands jüdische Einwohner (zu einer Zeit, als es z. B. noch keine Ostpreussen, Schlesier oder Sudetendeutsche gab) und die erste jüdische Gemeinde wurde schon 331 in Köln gegründet - keine 200 Jahre nach der Niederschlagung des jüdischen Aufstandes unter Bar Kochba gegen die Römer in Judäa.
Doch es mussten beinahe 1500 Jahre vergehen, bis 1812 der preussische König Friedrich Wilhelm III. den Juden staatsbürgerliche Rechte verlieh. Danach und als Folge des «Gleichstellungsprozesses» durften auch jüdische Männer in der deutschen Armee Wehrdienst leisten.Ein Jahrhunderte währender «Assimilationstraum», der 1935 endgültig zu Ende ging und dessen steter Schmerz in einer Zeichnung Liebermanns - «Trauernde Mutter», im Buch «Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden» - zum Ausdruck kommt, erhielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs noch einmal besondere patriotische Dimension. Um «vor dem Feinde die eigene militärische Tüchtigkeit zu beweisen» und damit bestehende Integrationsdefizite zu überwinden, rief der «Zentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens» am 1. August 1914 dazu auf, «über das Masse der Pflicht hinaus (...) freiwillig zu den Fahnen zu eilen».
Das Ergebnis war, dass 96 000 deutsche jüdische Soldaten an den Fronten des Ersten Weltkriegs im Einsatz gestanden hatten - bei einer Gesamtbevölkerung von damals ca. 564 300 Juden ergibt das mehr als 17% -, und obwohl von ihnen 29 874 dekoriert und 19 545 befördert wurden, 2022 den Offiziersrang erhielten und 12 000 deutsche jüdische Soldaten im Krieg ihr Leben verloren, wucherte der traditionelle Antisemitismus weiter.
Ende Juli 1918 schrieb Oberstleutnant Bauer, Ludendorffs engster Mitarbeiter: «...an der Front» sähe man «kaum einen Juden». So kämpften die jüdischen Soldaten nach aussen gegen die Feinde Deutschlands, während sie sich gleichzeitig in der Truppe gegen Hass und Verleumdung der eigenen Kameraden schützen mussten.
«Mein Herz gab ich dem Vaterland»
In der Reihe elitärer Namen wird auch der Jurist Dr. Bernhard Weiss, Rittmeister der Reserve, vorgestellt, der 1927-1932 Polizeivizepräsident von Berlin war, «ein überzeugter Preusse aus wohlhabendem bürgerlichem Hause», ein Hauptgegner Goebbels, dem «ungermanischen, dunkelhäutigen, hypnotisierenden Propagandisten aus kleinbürgerlichen Verhältnissen» (Dietz Bering), der einst einen einzigartigen und mutigen Kampf gegen das «klumpfüssige Höllenmaul» (Thomas Mann) geführt hat, wonach er schliesslich seinen Dienst aufgeben musste.Und dann die Bilder der vielen jüdischen Kriegshelden: vom Fliegerleutnant Josef Zürndorfer, 1917, im 45. Lebensjahr «im Dienst für Deutschland gefallen» und daneben die Grabinschrift, die sein ebenfalls national gesinnter Vater anbringen liess: «Mein Herz gab ich dem Vaterland. Mein Bestes gab ich ihm», bis zum Kaufmann Max Waldmann aus Mainz, dem noch 1935 «Im Namen des Führers und Reichskanzlers» das «Ehrenkreuz für Frontkämpfer» verliehen wurde. Im Jahr 1943 kam er mit seiner Frau Ruth und dem zweijährigen Sohn Jona ins KZ Theresienstadt.
Frontkämpfer Richard Stern
Es ist im Rahmen eines Berichts wie diesem nicht möglich, weitere Namen und Schicksale anzuführen, doch sollte abschliessend noch auf einen Mann hingewiesen werden, der durch eine ungewöhnliche Geste viel Mut bewiesen hat. Auf einem Foto vom 1. April 1933 ist ein stattlicher blonder Mann zu sehen: Richard Stern, auf der Brust das «Eiserne Kreuz», vor seinem Geschäft in Köln, Marsilsteinstrasse 30; neben ihm mit Hakenkreuzbinde ein kleiner, dunkler «Übermensch» in SA-Uniform, der hämisch dreinblickend zum Boykott jüdischer Geschäfte aufruft.Dem Kölner Kaufmann Richard Stern war im Ersten Weltkrieg «wegen Tapferkeit vor dem Feind» das Eiserne Kreuz verliehen worden. Auf einem eigens gedruckten Flugblatt «An alle Frontkameraden und Deutsche» machte er im Frühjahr 1933 darauf aufmerksam, dass Hitler, Frick und Göring eine Erklärung abgegeben hatten: «Wer im Dritten Reich einen Frontsoldaten beleidigt, wird mit Zuchthaus bestraft.» Das Flugblatt, unterzeichnet «Der ehemalige Frontkämpfer Richard Stern», schloss mit der Aufforderung an die deutsche Bevölkerung, sich schützend vor die jüdischen Mitbürger zu stellen.
Was der Aufruf tatsächlich brachte, ist allgemein bekannt.
Die «Endlösung»
Trotz aller Versuche der Emanzipation, trotz Kriegsdienst und Heldentod im deutschen Waffenrock, trotz Vaterlandsliebe und Bekenntnis zum Deutschtum bis hin zur Deutschtümelei - das Ende blieb, grauenvoller, als man es ahnen konnte, nur wenigen Juden erspart.
Und so ist auf der letzten der 69 grossen Schautafeln der Ausstellung ein Bild zu sehen, das keines Kommentars bedarf: Bahngleise, dazwischen wuchert wildes Gras, sie führen perspektivisch zu einem Gebäude mit einem grossen offenen Tor, und dahinter wartet der Tod: Auschwitz...
Das Begleitbuch «Deutsche Jüdische Soldaten» (mit Beiträgen von Julius H. Schoeps, Frank Nägler, Wolfgang Schmidt u. a., 204 Seiten, zahlreiche Abb.) wendet sich sowohl an Historiker und Studenten als auch an alle Leser, die an geschichtlicher Wahrheit interessiert sind.