Sieg der Gerechtigkeit
Das Fernsehen brachte die mediale Wende zur Zeit des Eichmann-Prozesses im Jahr 1961. Für die Westdeutschen war der Einfluss besonders drastisch. Zweimal die Woche versammelten sich während vier Monaten ganze Familien, oft ergänzt durch Freunde, in der guten Stube, um sich die Berichte aus Jerusalem anzuschauen. «Es gab viel zu sehen, und die Diskussion über den Holocaust änderte sich von Grund auf», sagte die Philosophin Bettina Stangneth, deren Buch «Eichmann vor Jerusalem» dieser Tage in Deutschland auf den Markt kommt.
Nicht, dass die meisten Deutschen den Prozess unbedingt verfolgen wollten. «Damals aber war die Programmauswahl noch nicht so gross», sagte Stangneth. «Der Kanal liess sich nicht so leicht ändern.»
Medialer Einfluss
Heute, da historische Institute und Museen zurückblicken auf diesen bahnbrechenden Prozess, der vor 50 Jahren am 11. April 1961 begann, ist die Medienabdeckung des Anlasses eines der Schlüsselthemen. In Frankfurt zeigt das Fritz-Bauer-Institut deutsche TV-Berichte von 1961. Im Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors sind Aussagen von Zeugen und von Eichmann selber Teil einer neuen Ausstellung. In Paris widmet das Mémorial de la Shoah ein Programm dem Dokumentarfilmmacher Leo Hurwitz, der die Filmaufnahmen des vier Monate dauernden Prozesses geleitet hatte.
1961 war Israel ein Land praktisch ohne Fernsehen, wie Ronny Loewy, Experte für Kinogeschichte des Holocaust, am Deutschen Filminstitut in Frankfurt sagt. Entweder hätten die Israeli die Radioberichte vom Prozess live verfolgt oder sie hätten sich in einem Auditorium nahe des Gerichtssaals eine simultane Ausstrahlung angeschaut. «Ausser den USA gab es kein anderes Land, das im gleichen Ausmass vom Prozess berichtet hätte wie Deutschland», sagte Loewy.
Laut einer Untersuchung wussten 95 Prozent der Deutschen vom Prozess und 67 Prozess befürworteten ein strenges Urteil, wie dies die deutschen Wissenschafter Werner Bergmann und Rainer Erb 1997 in ihrem Buch «Anti-Semitism in Germany, The Post-Nazi Epoch Since 1945» festgehalten haben. Um die letzten Neuigkeiten am Ende eines jeden Prozesstages zu verbreiten, wurden täglich, wie Tom Hurwitz sich erinnert, Aufnahmen von zwei Stunden Länge zwecks Verteilung an europäische und amerikanische Nachrichtenprogramme nach London geflogen. Tom war 14 Jahre alt, als sein Vater mit den Aufnahmearbeiten betraut wurde. In Deutschland wurden die Filmstreifen für die Produktion der zweimal wöchentlich erscheinenden Berichte von je 20 Minuten Dauer verwendet. Diese Ausstrahlungen und anderes Material von den rund 400 aus Israel berichtenden deutschen Journalisten hatten laut Stangneth einen entscheidenden Einfluss.
Bis zum Prozess hatten viele Deutsche die wenigen Bücher über den Holocaust als tendenziös abgetan. Lehrer vermieden das Thema mehrheitlich. Mit dem Beginn der Ausstrahlungen über den Eichmann-Prozess konnten sie es nicht länger ignorieren. Dutzende neuer Bücher über den Holocaust wurden geschrieben, und junge Deutsche begannen, die Kriegsgeneration mit anderen Augen zu sehen.
Keinerlei Reue
Die Geschichte darüber, wie Eichmann der Gerechtigkeit zugeführt wurde, war wie geschaffen für das Fernsehen. Nach der Flucht aus einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager floh er mit Hilfe der katholischen Kirche nach Argentinien, wo er während Jahren unter dem Pseudonym Ricardo Klement lebte. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Angehörige des deutschen Geheimdienstes schon 1952 wussten, wo er sich aufhielt. Vor seiner Gefangennahme brüstete sich Eichmann Freunden gegenüber mit seiner Rolle bei der «Endlösung» und träumte von der Wiederauferstehung des Nationalsozialismus. Zum faschistischen holländischen Journalisten Willem Sassen sagte er Ende der fünfziger Jahre sogar, er bedauere, dass ihm die Beendigung des Genozids nicht gelungen sei. Laut Stangneth, die kürzlich rund 300 Seiten verloren geglaubter Seiten von Interview-Transskripten gesichtet hatte, soll Eichmann angeblich der Hoffnung Ausdruck verliehen haben, die Araber würden seinen Kampf weiterführen. 1960 fasste der Mossad-Geheimdienst Eichmann in einer dramatischen Operation und brachte ihn insgeheim nach Israel.
Banalität des Bösen
Der Prozess war voller Dramatik und erweckte die Aufmerksamkeit der Welt für den Verbrecher und seine Opfer. Eichmann wurde mit 15 Anklagepunkten konfrontiert, so Verbrechen gegen die Menschheit und Kriegsverbrechen. Millionen von Augen studierten Eichmann über den Fernsehbildschirm und versuchten vergeblich, in seine Worten, Gebärden und Ausdrucksweisen Spuren der Reue zu entdecken. Tom Hurwitz erinnerte sich, wie sein verstorbener Vater einmal Eichmann filmte, der sich Filmausschnitte ansah, die nach der Befreiung von Konzentrationslagern aufgenommen worden waren. Eichmann hatte das Recht, die Streifen zu sehen, bevor sie im Gerichtssaal gezeigt wurden. Während der Vorführung konzentrierte sich ein Kameramann auf Eichmann, der sich eine schreckliche Szene nach der anderen zu Gemüte führte und dabei völlig teilnahmslos wirkte.
Hannah Arendt beschrieb die steinerne Figur in ihrer 1963 verfassten Schrift «Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen», die eine bis heute andauernde Debatte darüber auslöste, ob Eichmann nur ein Rädchen im Getriebe der Nazimaschinerie war oder ob er überzeugter Antisemit war und den Genozid wollte.
Das Urteil wurde im Dezember 1961 gefällt. Am 31. Mai 1962 wurde Eichmann gehängt, und man verstreute seine Asche über dem Mittelmeer. Es war die einzige bisher im Staat Israel gerichtlich verfügte Hinrichtung.
Auch nach Eichmanns Tod übten der Prozess und die Berichterstattung über ihn weiterhin ihren Einfluss aus. Die Anwesenheit von so vielen deutschen Journalisten in Israel führte zu zahlreichen Berichten über das Leben im jungen jüdischen Staat. Eine Epoche des Austauschs setze ein. Die offensichtliche Fairness des Prozesses – Eichmann hatte einen deutschen Anwalt und wurde nicht gefoltert, bestärkten den Eindruck, dass hier «Gerechtigkeit geübt wurde und nicht Rache genommen», wie Stagneth es formulierte. «Das wirkte sich auch auf das Image von Israel aus. Man kann sagen, Israel ist Deutschland durch den Prozess ein klein wenig näher gekommen.» Der Prozess half auch Deutschland bei der Konfrontation mit sich selbst.