Sieg der Gerechtigkeit
Von Ofer Aderet
Der in London lebende Hermann Hirschberger sagt: «Nach einem langjährigen Kampf haben wir die juristischen Probleme gelöst, welche bisher Teilnehmer des Kindertransports davon abgehalten haben, diese Zahlungen zu bekommen.» Der 82-Jährige, der die Kampagne für höhere deutsche Renten für die sogenannten «Kindertransportler» angeführt hat, fährt fort: «Es ist ein Durchbruch. Die Gerechtigkeit hat gesiegt.»
Im Anschluss an eine Recherche von «Haaretz» untersucht die deutsche Regierung nun die Frage, ob die Hunderten von Kindern der Kindestransporte, die heute in Israel leben, auch Anspruch auf deutsche Renten haben.
Rettungsaktion für Kinder
Im Rahmen einer Rettungsaktion vor Kriegsausbruch wurden mit Hilfe der Kindertransporte rund 10 000 vorwiegend jüdische Kinder aus Nazideutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach Grossbritannien in Sicherheit gebracht. Die Kinder im Alter von drei bis 17 Jahren verliessen ihre Heimatländer und ihre Familien und reisten zwischen Dezember 1938 und September 1939 nach Grossbritannien, wo sie von jüdischen Organisationen in Empfang genommen wurden. Die Anführer des britischen Judentums hatten von Premierminister Neville Chamberlain die Zustimmung dazu erhalten, die Kinder aufzunehmen, vorausgesetzt sie würden für deren Reise- und Integrationskosten aufkommen.
Bis heute konnten Menschen, die Deutschland im Rahmen des Kindertransports verliessen, keine vollen Renten aus Deutschland erhalten, weil sie nach ihrer Ankunft in England aufgehört hatten, in Deutschland Prämien für die Nationalversicherung zu zahlen. Die von Deutschland offerierte Kompensation beschränkte sich auf die Jahre, welche die Kinder vor ihrer Flucht in Deutschland verbrachten. Das war in Hirschbergers Augen eine Ungerechtigkeit, hatten die Kinder ihre Reise nach Grossbritannien doch unfreiwillig angetreten. Wären sie nicht verfolgt worden, wären diese Kinder in Deutschland geblieben und wären heute (vorausgesetzt, sie hätten den Holocaust überlebt) voll rentenberechtigt.
Ein lang anhaltender Kampf
Als Folge der britischen Gesetzesänderung wird ein Teil der Versicherungsgelder, welche die Angehörigen der Kindertransporte in Grossbritannien gezahlt hatten, retroaktiv abgeschrieben werden. Deutschland ist einverstanden, diese Periode als eine Zeit zu betrachten, in welcher die Überlebenden Prämien an die deutsche Versicherung entrichtet hatten. Die Renten werden entsprechend nach oben angepasst. Die deutschen Renten sind im Durchschnitt viermal höher als die britischen. Dieser Durchbruch folgte auf einen langen Kampf, den Hirschberger in den letzten 15 Jahren ausgetragen hatte. «Die meiste Zeit über war ich alleine. Alle hatten aufgegeben, weil sie dachten, es sei unmöglich. Sogar meine Frau sagte mir, ich würde mein Ziel nicht erreichen.» Hirschberger selbst traf im März 1939 als 13-Jähriger aus Deutschland in Grossbritannien ein. Seine Eltern, denen die Flucht nicht gelang, wurden in Auschwitz ermordet.
«Wir lassen diesen Menschen Gerechtigkeit angedeihen», sagte Mike O’Brien, britischer Staatsminister für Rentenreform. «Viele von ihnen haben ihre Familien im Holocaust verloren und haben nur überlebt, weil sie als Kinder nach Grossbritannien gebracht worden sind.» Die Gesetzgebung wird vom Königshaus wahrscheinlich in den nächsten Monaten abgesegnet werden. Sobald sie in Kraft tritt, werden die Angehörigen des Kindertransports zu anderen organisierten Gruppen gehören, wie etwa zu den ehemaligen Zwangsarbeitern in den Lagern, die von Deutschland Renten auch für die Zeit gefordert und erhalten haben, die sie in Arbeitslagern ausserhalb von Deutschland zugebracht hatten.
Wie reagiert Deutschland?
Schätzungsweise 150 Menschen, die mit dem Kindertransport nach Grossbritannien gekommen waren, leben heute noch dort. Die britische Regierung sucht nach ihnen und hat zu diesem Zweck im Departement für Arbeit und Renten eine Telefon-Hotline unter der Nummer +44 199 218 7777 eingerichtet.
«Es würde mich sehr überraschen, sollte ich etwas bekommen», sagt Inge Seden in Jerusalem. «Abgesehen von 1000 Pfund wegen meines unterbrochenen Studiums habe ich von den Deutschen nie etwas erhalten.» Die 78-Jährige verliess ihr Heim in München im Alter von neun Jahren und wurde in ein englisches Dorf verbracht, wenige Monate nachdem ihr Bruder und ihre Schwester dort eingetroffen waren. Schon bald wurde Englisch zu ihrer neuen Muttersprache, und das ist bis heute so geblieben. Seden gehört zu den rund 3000 Kindern des Kindertransports, die nach dem Krieg nach Israel einwanderten. Vor einigen Jahren hatte sie einen Antrag auf Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft gestellt, zog den Antrag später aber wieder zurück.
Hunderte von Angehörigen des Kindertransports leben heute noch in Israel, vorwiegend in Altersheimen. Nach der Anpassung des britischen Gesetzes fragen sie sich nun, ob auch sie in den Genuss höherer Renten aus Deutschland gelangen werden.