Sieg der Freiheit

November 5, 2009
Editorial von Valerie Wendenburg

Beispiellos. Die Gedenkfeierlichkeiten zum Mauerfall vor 20 Jahren steuern kurz vor dem 9. November auf einen erneuten Höhepunkt kollektiver Erinnerung zu. An Tagen wie diesem wird aber erneut das nach wie vor komplizierte und widersprüchliche Verhältnis der deutschen Gesellschaft zu ihrer eigenen Geschichte deutlich. Eine Kultur des Erinnerns und ein öffentliches Geschichtsbewusstsein sind in Deutschland seit der Wiedervereinigung geprägt von den beiden totalitären Erfahrungen des Nationalsozialismus und der Diktatur in der DDR, mit denen das Land sich auseinandersetzen muss – gerade in diesem Jahr anlässlich der vergangenen 20 Jahre seit dem Mauerfall und der 70 Jahre seit Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Sonderweg. Der öffentliche Umgang mit der Vergangenheit ist in Deutschland aus diesem Grund ein besonderer: Kein anderes Land hat eine ähnliche Erinnerungsarbeit unternommen und die Zeichen eigener moralischer Gräueltaten so sichtbar gemacht. Zahlreiche Debatten über Gedenkstätten, das Holocaust-Mahnmal in Berlin oder die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit zeigen aber auch deutlich, wie schwer es fällt, der Geschichte und der Opfer in angemessener Weise zu gedenken und dabei unbelastet in die Zukunft zu blicken. Wird Deutschland diesen Sonderweg weiterhin beschreiten oder sich – anlässlich des Erinnerns an den Mauerfall vom 9. November 1989 – diese positiven Ereignisse auf unbeschwerte Weise vergegenwärtigen? Wohl kaum, denn die Deutschen stehen auch 71 Jahre nach der Reichspogromnacht am historisch belasteten 9. November vor einer Herausforderung. Angela Merkel sagte jüngst in ihrer Rede vor dem US-Kongress, sie könne nicht von der Wiedervereinigung sprechen, ohne nicht auch von dieser Nacht und der Schoah zu reden. Dennoch: Die Verantwortlichen bemühen sich um sogenannte Event-Geschichte: Rund sechs Millionen Euro stellen Berlin und der Bund für diverse Projekte von Stiftungen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen zur Verfügung, medialer Höhepunkt wird ein «Fest der Freiheit» sein, an dem entlang des einstigen Berliner Mauerstreifens eine nachgebaute, bunte Mauer effektvoll wie ein Dominospiel erneut «fallen» wird.

Demokratie. Andererseits sehnen sich zahlreiche Menschen nach ihrer Alltagskultur der DDR, was anhand von Umfragen deutlich wird. Eine verklärte Sicht auf die Dinge birgt aber Gefahren, denn das Leben zu Zeiten der Mauer kann nicht unabhängig vom politischen System betrachtet werden. Hier ist ein realistischer Rückblick nötig, da die Bewahrung der Erinnerung unabdingbarer Bestandteil der demokratischen politischen Kultur des heutigen Deutschland ist. Aus ihr kann das Bewusstsein resultieren, Menschen- und Bürgerrechte zu wahren und der Ausgrenzung von Menschen aus ethnischen, religiösen oder anderen Motiven entgegenzuwirken. Erinnerungsbereitschaft, Schuld- und Verantwortungsbewusstsein sowie Demokratiefähigkeit gehören unmittelbar zusammen. Dieser Blickwinkel ermöglicht es, dass diktatorische Regierungen der Vergangenheit ihre fortdauernde abschreckende Bedeutung innerhalb der gegenwärtigen politischen Kultur nicht verlieren. Gerade in einer Gesellschaft, zu deren Geschichte die Erfahrung zweier Diktaturen gehört. Denn die heute erreichte Demokratie im vereinten Deutschland ist – wie die Vergangenheit zeigt – auf Dauer nicht zu garantieren. Freude und Dankbarkeit über den Sieg der Demokratie im Jahr 1989 sollten dieser Tage mit dem Bewusstsein einhergehen, dass diese Errungenschaft immer wieder aufs Neue vom deutschen Volk getragen und gewahrt werden muss.