Sieben Wochen nach dem Überfall
Itai Suissa, der in einer Elite-Einheit der Armee gedient hatte, sparte für eine Auslandsreise nach dem Militärdienst. Zu diesem Zweck arbeitete er als Wache in der Ost-Jerusalemer Filiale der Nationalversicherung, welche der arabischen Bevölkerung der Stadt dient. Die Terroristen waren offenbar durch ein Nebengebäude eingedrungen und hatten aus nächster Nähe auf Itai und seinen Kollegen geschossen. Aishkadosh Gilmore, Itais Kollege, kam bei dem Überfall um. - «Lass mich bitte nicht sterben», flüsterte Itai dem medizinischen Notfallhelfer der Ambulanz zu.
Naomi Cohen Suissa, Itais Mutter, hatte gerade das Wissenschaftsministerium verlassen, wo sie als Sekretärin arbeitet, als sie hörte, dass zwei Sicherheitsbeamte aus nächster Nähe angeschossen worden seien. «Das ist Itai», rief sie aus und fiel kurz in Ohnmacht. Ihre Mitarbeiter wollten sie beruhigen, doch sie bestand darauf, zum Hadassah-Krankenhaus gefahren zu werden, wo sich das Jerusalemer Trauma-Zentrum befindet. Als sie dort ankam, sah sie vor der Türe einen Freund Itais, der weinte. Sie wusste, dass ihre Intuition sie nicht betrogen hatte. Sie rannte ins Trauma-Zentrum, wo der Chef, Prof. Avi Rivkind, ihr eröffnete, dass ihr Sohn am Leben sei. Raphael, Naom’s Gatte, der als Drucker arbeitet, leidet an einer chronischen Herzkrankheit. Naomi bat zwei Schwägerinnen, ihren Mann persönlich zu informieren und ihn zum Krankenhaus zu begleiten. «Raphael und ich bestanden darauf, Itai zu sehen», erinnert sich Naomi. «Wir konnten sein Gesicht nicht erkennen. Für einen Augenblick war ich erleichtert und dachte, das sei ja gar nicht unser Sohn. Dann aber prüfte ich seine Hände und erkannte Itais Finger. Die Wirklichkeit holte uns brutal ein.»
Das Gesicht zurückgeben
Nachdem zwei Kugeln aus Itais Auge und Gehirn entfernt worden waren, machte die Chirurgin Dorrit Nitzan sich daran, sein Gesicht wieder herzustellen. «Ich habe schon die Gesichter vieler Soldaten repariert», sagte sie, «doch als ich Itais Gesicht zum ersten Mal sah, musste ich zunächst mal ins Freie, um Luft zu schnappen. Sein weisses Hemd war noch gestärkt, und er roch nach After Shave. Der Kontrast zwischen seiner Jugend und seinem brutalisierten Gesicht hätte drastischer nicht sein können. Ich flehte den Himmel um Erfolg an. Einmal begangene Fehler können in einem solchen Falle nicht nachträglich korrigiert werden.» Itais Knochen waren zu Splittern und Pulver reduziert worden, doch Gesichts- und Kieferarterien waren wie durch ein Wunder verschont geblieben.
Prof. Nitzan und ihr Team wandten eine Technik an, mit der man am Hadassah-Krankenhaus bereits vielfach erfolgreich gewesen ist. «Leider haben wir in solchen Dingen mehr als genug Erfahrung.» 16 Stunden lang arbeiteten die Ärzte und Krankenschwestern an Itais misshandeltem Körper. In der Zwischenzeit führte die Familie eine «Pidjon Hanefesch» genannte Zeremonie durch, mit der Gott um die Auslösung der Seele des Verwundeten gebeten wurde. Praktisch unmittelbar nach dem Eingriff erklärte eine Schwester einem Besucher auf englisch, der Patient sei 28 Jahre alt. «Nein, ich bin erst 22», korrigierte sie Itai. Er hat die Sicht im verletzten Auge verloren, doch mit dem zweiten Auge sieht er problemlos. Sein Mund wird noch durch Drähte zusammengehalten, so dass er mit einem Röhrchen isst und zwischen den kaum geöffneten Lippen hindurch spricht. «Er ist schon ganz schön», meint Prof. Nitzan, «und der Rest wird noch besser aussehen. Bis zu Chanukka wird er ohne Röhrchen essen, und sein Lächeln wird zurückgekehrt sein. Ich verspreche es.»
Orientalische Chanukka-Traditionen
An Chanukka wird sich im Wohnzimmer der Suissas im Jerusalemer Viertel Pisgat Zeev der Tisch unter festlichem Essen biegen. Raphaels Familie emigrierte aus Marokko, und die Suissas essen Couscous statt Latkes. Tante Arlette wird «Svidge», eine besondere Art marokkanischen Gebäcks bringen, das leichter ist als die traditionellen Berliner mit Marmelade. Das Haus wird voller Freunde und Besucher sein.
«Chanukka», sagt Naomi, «ist die Geschichte der jüdischen Soldaten, die für das Recht kämpfen, als Juden in Jerusalem zu leben. Mein Vater wurde 1948 im Kampf um den Zionsberg verletzt. Das Hadassah-Krankenhaus war geschlossen, seitdem im April der Konvoi angegriffen worden war. Mein Vater musste auf einem Esel transportiert werden und starb. Hätten wir damals schon die gleiche medizinische Versorgung gehabt wie heute, dann hätte er überlebt. Dass wir einen Staat mit modernster medizinischer Pflege aufgebaut haben, die meinem Sohn das Leben schenkte, ist Teil des Wunders. Sie seien die Boten Gottes, erklärte ich den Ärzten des Hadassah-Krankenhauses.»