Sie wurde beinahe 113 Jahre
Als Theodor Herzl im August 1897 in Basel den ersten Zionistenkongress eröffnete, da war Rosa Rein, geborene Karliner, bereits fünf Monate alt. Am 24. März 1897 kam sie in Dzietzkowitz in Oberschlesien zur Welt, auf einem landwirtschaftlichen Gut, Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie. Am Sonntagnachmittag ist sie nach einem ereignisreichen Leben und kurz vor ihrem 113. Geburtstag als älteste Schweizerin in einem Altersheim in Lugano-Paradiso für immer eingeschlafen.
«Einfach leben»
Das Geburtsjahr von Rosa Rein war ereignisreich. Rudolf Diesel stellte seinen von ihm erfundenen Motor vor. Gustav Klimt gründete mit anderen Künstlern die Wiener Secession aus Protest gegen den konservativen Kunstbegriff des Wiener Künstlerhauses. Griechenland erklärte der Türkei den Krieg wegen der Insel Kreta (und verlor). Die Musikwelt trauerte um Johannes Brahms, aber wie Rosa Rein kamen unter anderem Louis Aragon, Veza Canetti, Sydney Bechet, William Faulkner, Heinrich Gretler und Irène Joliot-
Curie, Tochter von Nobelpreisträgern und mit ihrem Mann 1935 ebenfalls Nobelpreisgewinnerin im Fach Chemie, zur Welt. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war Rosa bereits 17 Jahre alt.
Wegen ihr seien die Ärzte nicht reich geworden, scherzte die älteste Schweizerin vor einem Jahr an ihrem 112. Geburtstag. Lediglich ihre Augen und Ohren hätten nachgelassen, und das Gehen bereite ihr Mühe, sagte sie. Im Mai 2001 zog sie nach einem Sturz ins Altersheim, wo es ihr gut ging. Nur der Cappuccino dürfte stärker sein, meinte sie in einem Interview. Vor einem Jahr noch nannte sie ihr Lebensmotto: «Vorwärts schauen, vor nichts Angst haben und einfach leben.»
Schicksalsschläge
Denn Rosa Rein benötigte in ihrem langen Leben öfters eine gute Portion Mut. Mit fünf Geschwistern wuchs sie auf und durfte auch höhere Schulen besuchen, was zu jener Zeit nicht selbstverständlich war. Mit ihrem ersten Mann führte sie ein Textilgeschäft. Doch 1938, nach der Reichspogromnacht, floh das Ehepaar nach Brasilien. Der Vater starb an einer Krankheit, die Mutter kam durch die Schoah ums Leben. Über jene Zeit sprach Rosa Rein nicht gern. In Brasilien war sie zwar in Sicherheit, wurde aber von einem weiteren schweren Schicksalsschlag getroffen, als ihr Mann sehr früh starb.
Umgeben von Freunden
1949 heiratete Rosa ein zweites Mal. Als auch der zweite Gatte krank wurde, entschied sich das Paar für einen Wohnsitz in einem gesunden Klima und wählte Lugano-Paradiso. 1973 war Rosa Rein bereits zum zweiten Mal Witwe. Sie hatte nie Kinder, und ihre Verwandten sah sie selten, weil diese in England, Israel und den USA lebten. Doch zu ihren hohen Geburtstagen bekam sie oft Besuch von Familienmitgliedern, und von ihren Freunden sowieso. Man solle nicht so ein Geschrei um ihre Geburtstage machen, wehrte sie jeweils ab, genoss jedoch trotzdem die Aufmerksamkeit der Umwelt und der Öffentlichkeit. Ihren 113. Geburtstag hat Rosa Rein nun nicht mehr erleben dürfen.
Gisela Blau