«Sichtbar gemachte Kommunikation»

Von Wilfried Weinke, January 28, 2011
Kurt Löb, der am 11. Januar seinen 85. Geburtstag feierte, zählt zu den führenden Buchillustratoren der Gegenwart. Er kann auf ein mehr als fünf Jahrzehnte umfassendes künstlerisches Schaffen zurückblicken.
DRANG ZUR MALEREI Der Buchkünstler Kurt Löb lebt und wirkt in Amsterdam

Gemeinsam mit seinen Eltern emigrierte Kurt Löb 1939 in die Niederlande. In einer Selbstauskunft schreibt er: «Den Drang zur Malerei hatte ich schon früh. Und nach einigem Hin und Her mit meinen Eltern durfte ich mit
meinen sechzehn Jahren schliesslich die Rijksakademie in Amsterdam besuchen.» Nach dem Studium an der Rijksakademie, der Staatlichen Hochschule für bildende Künste in Amsterdam, folgte eine Ausbildung als Grafiker in der Schriftgiesserei Amsterdam, wie Löb urteilt, «einem damaligen Mekka niederländischer Typografie».

Gier nach Gedrucktem

Um 1953 begann Kurt Löb seine Arbeit als selbstständiger Maler und Grafiker. Heute zählt er zu den führenden Buchillustratoren der Gegenwart und kann auf ein mehr als fünf Jahrzehnte umfassendes, künstlerisches Schaffen zurückblicken: «Vor dem Bücherschrank meiner Eltern muss es wohl angefangen haben, diese erste Gier nach Gedrucktem, nach Büchern – nach Bildern im Buch.»
Mehrere Jahre war Loeb als Dozent an der Königlichen Akademie für Kunst und Formgebung in s’Hertogenbosch tätig. Von 1973 bis 1985 nahm er Gastprofessuren in Essen, Salzburg, Antwerpen und Jerusalem wahr. Kann es verwundern, dass er seine 1994 abgeschlossene Dissertation zwei ebenfalls aus Deutschland geflohenen Berufskollegen widmete? In Löbs Arbeit, ein Jahr später unter dem wortspielerischen Titel «Exil-Gestalten. Deutsche Buchgestalter in den Niederlanden 1932–1950» veröffentlicht, stehen die beiden Buchgestalter Henri Friedländer (1904–1996) und Paul Urban (1901–Todesdatum unbekannt) im Mittelpunkt. Beide bestimmten durch Typografie wie Buchumschläge das Erscheinungsbild der für die deutschsprachige Exilliteratur massgebenden holländischen Verlage Querido und Allert de Lange.

Zahlreiche Auszeichnungen

Zahlreiche Ausstellungen sowie Auszeichnungen unterstreichen das Renommee des Buchkünstlers Kurt Löb. 1993 erhielt er den Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig. Im Frühjahr 1999 entschied die Hans-Meid-Stiftung ihn für sein «aussergewöhnliches illustratorisches Lebenswerk» auszuzeichnen. Im November des gleichen Jahres wurde ihm in Hamburg die Hans-Meid-Medaille für Illustration verliehen. In der Laudatio hiess es damals: «Betrachtet man die Literatur, die Löb für seine Bildbegleitung auswählte, fällt auf, dass es sich ausschliesslich um erzählende Prosa handelt. Die Werke reichen von der Romantik über den Realismus, Impressionismus und Symbolismus bis zur kritischen und satirischen Prosa der zwanziger und dreissiger Jahre unseres Jahrhunderts, nur ausnahmsweise bis zu Autoren der Nachkriegszeit.» Tatsächlich illustrieren Löbs Zeichnungen vor allem Ausgaben russischer Autoren wie Alexander Puschkin, Nikolai Gogol, Iwan Turgenjew, Fjodor Dostojewski, Anton Tschechow, französischer wie Gustave Flaubert und Guy de Maupassant sowie deutschsprachiger Schriftsteller wie Heinrich Böll, Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Anna Seghers und Stefan Zweig.

Zwischen den Welten

Als Löb 1964 für einen niederländischen Verlag fünf Erzählungen Heinrich Bölls illustrierte, war diese Arbeit für ihn Anlass, erstmals wieder seine Fühler Richtung Deutschland auszustrecken. Über die erste Begegnung mit seiner Geburtsstadt Berlin, die erst 1971 stattfand, schreibt Löb: «Ich kam am selben Bahnhof Zoo an, von wo aus wir einmal in die Emigration fuhren. Und ich lief von dort mit meinem schweren Koffer rechts in die Hardenbergstrasse hinein. Ich lief wieder auf Berliner Pflaster, wie es keins so auf der ganzen Welt gibt (...). Und ich war ein bisschen zu Hause, obwohl ich hier nie mehr ganz zu Hause sein könnte.»

Löbs Glaubensbekenntnis

In Deutschland erfuhr Löb grosse Wertschätzung, so zum Bespiel 2005 für die Illustration der Novelle «Ein Pariser Abenteuer» von Guy de Maupassant. In dem in Neumarkt in der Oberpfalz ansässigen Verlag Thomas Reche, einem Kleinverlag, ist Kurt Löb quasi «Hausillustrator». Von ihm stammen die Zeichnungen zu Texten von Imre Kertész, Günter Kunert, Charles Simic, Hubert Schirneck und Wolfgang Schmidt. Schon 1998 erschien bei Thomas Reche in der Reihe refugium Kurt Löbs Band «Zeichnungen zu russischer Literatur». Im Frühjahr 2008 trat Kurt Löb erstmals auch als Erzähler auf, ebenfalls bei Reche erschien seine autobiografische, von ihm selbst illustrierte Erzählung «Breckpoot». Das seiner Tochter gewidmete Buch geriet ihm, wie er schreibt, «fast zu einem Malerbuch, worin Zeichner und Erzähler einander über die Schulter schauen». Gewiss eine zutreffende Beschreibung, denn wie sagte er in einem Interview mit seiner Tochter: «Meine Zeichnungen sind eigentlich immer sichtbar gemachte  Kommunikation. Ja, schreib das ruhig auf. Das ist ein Glaubensbekenntnis.»