«Shihab-3»-Rakete kurbelt Aufrüstung an
Teheran kann zwar nicht von heute auf morgen Israel mit Raketen beschiessen, doch seit dem erfolgreichen Test der ballistischen Langstreckenrakete Shihab-3 vom vergangenen Samstag (Vgl. auch «Zur Lage») ist aus der bisher theoretischen iranischen Bedrohung eine grundsätzlich praktische geworden. Mit ihrer Reichweite von 1300 km kann die Shihab-3 fast alle Ziele innerhalb von Israel erreichen. Auch wenn heute niemand mit Sicherheit behaupten kann, dass Iran den jüdischen Staat tatsächlich mit Raketen angreifen will, muss diese Möglichkeit von nun an im Rahmen des Szenarios der nahöstlichen Ungewissheit mit ins Kalkül einbezogen werden.
Zuständige Kreise im israelischen Sicherheitsestablishment interpretieren die Äusserung eines hohen iranischen Offiziers, sein Land verfüge über «fünf Einheiten ballistischer Raketen» dahingehend, dass Iran mehr als ein Exemplar der Shihab-3 besitzt. Das heisse aber nicht, fügen die zitierten Kreise hinzu, dass die Systeme zur Bedienung dieser Raketen bereits einsatzbereit sind. «Man kann daher von einer anfänglichen Kapazität sprechen», schreibt die Zeitung «Yediot Achronot», meint gleichzeitig aber, Teheran befinde sich auf dem «richtigen Weg».
Nach Angaben amerikanischer Geheimdienste hat Iran für seine teilweise erst im Entstehen begriffenen Raketen schon zahlreiche Abschussstationen errichtet. Eine ist sicher jene von Kormanshe, von welcher aus Iran seinerzeit seine Scud-Raketen gegen Irak abgefeuert hat. Andere Abschussrampen befinden sich laut US-Angaben in gebirgigen, isolierten und schwer zugänglichen Regionen. Bei ihren Reaktionen und Warnungen machen israelische Stellen geltend, dass der rund 800 kg wiegende Sprengkopf der Shihab-3 heute wohl konventioneller Art ist, doch glaubt man in Jerusalem, dass Teheran in höchstens fünf Jahren über ein nukleares Potenzial verfügen und auch seine ballistischen Raketen mit entsprechenden Sprengköpfen ausstatten können wird. Zudem betonen israelische Armee- und Geheimdienstkreise, dass die Shihab-3 nicht das Ende des iranischen Raketenprogramms sein dürfte. Vielmehr arbeiten die Technologen bereits an Geschossen mit Reichweiten von 2000 und gar 5000 km. Russische Experten sollen den Iranern zudem bei der Entwicklung mehrstufiger Raketen helfen. Heute kann mit Sicherheit gesagt werden, dass der vor allem von den USA und Israel betriebene internationale Effort, die iranischen Raketenprojekte zu stoppen, u.a. durch einen unablässigen Druck auf Moskau, gescheitert ist. In wenigen Jahren schon wird Teheran sowohl auf dem Gebiet der Boden-Boden-Raketen als auch hinsichtlich der atomaren Aufrüstung zu den «Grossen» gehören. Die iranischen Beteuerungen, die Shihab-3 sei einzig als Abschreckung und zu Verteidigungszwecken entwickelt worden und nicht als Angriffswaffen, hat in Jerusalem nicht einmal ein müdes Lächeln ausgelöst. Man vergisst hier für keinen Augenblick, dass Iran als einziger Staat der ganzen Welt die Vernichtung Israels zum offiziellen Ziel erklärt hat.
Ohne auf Details einzugehen, deuten israelische Militärkreise an, dass man als Antwort auf den jüngsten iranischen Schritt die Langstrecken-Schlagkraft der eigenen Luftwaffe auszubauen und die Inbetriebnahme des mit amerikanischer Hilfe entwickelten Anti-Raketensystems «Arrow» (Pfeil) voranzutreiben gedenke. Beide Wege sind aber nur Methoden der Reaktion. Um rechtzeitig Präventivmassnahmen einleiten zu können, muss Israel eine noch engere internationale Zusammenarbeit der freundlich gesinnten Geheimdienste anstreben. Wie dem auch sei: Der jüngste iranische Raketentest hat eine neue Runde in der nahöstlichen Aufrüstung eingeläutet, die kaum Gutes verheissen kann (vgl. Kasten links).