«Sharon, Symbol für Repression und Unnachgiebigkeit»
Mit zunehmender Dauer der el Aksa-Intifada gewann der Medien-Konsument den Eindruck, Zeitungen, Radio und Fernsehen in Europa würden das Geschehen betont anti-israelisch und pro-palästinensisch wiedergeben und kommentieren. Zur Hinterfragung dieses Eindrucks gaben die Anti-Diffamationsliga (ADL) des Bnai Brith in Zürich und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) beim «Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft» (fög) der Universität Zürich eine Studie zur Darstellung Israels und der Palästinenser in der aktuellen Nahost-Berichterstattung verschiedener Medien der Schweiz und Deutschlands in Auftrag.
Eindruck wird bestätigt
Aufs Ganze gesehen bestätigt die demnächst zu veröffentlichende Studie, welche die zwei Monate Ende September bis Ende November 2000 abdeckt, den Eindruck, der sich unter Lesern und Zuschauern breit gemacht hat: Die Medien vermitteln «eine stark negative Sicht auf israelische Akteure», wobei die Kritik an Israel jene an den Palästinensern «deutlich» übersteige. Die in den Medien geäusserten Negativurteile beziehen sich dabei laut Studie am häufigsten auf die Unverhältnismässigkeit israelischer Militär- und Polizeieinsätze, die israelische Siedlungspolitik sowie die Diskriminierung der arabischen Minderheit in Israel. Zur Hervorhebung des letzten Punktes dürften zweifelsohne die schweren Zusammenstösse von Ende Oktober 2000 in Galiläa beigetragen haben, in deren Folge 13 Israel-Araber von Angehörigen der Sicherheitskräfte erschossen worden sind.
Katalysator Tempelbesuch
Als eigentlichen Katalysator der Israel-Kritik führt die Studie den Besuch von Likud-Boss Ariel Sharon auf dem Tempelberg ins Feld, nach welchem die negative Berichterstattung über Israel über alle Medien hinweg «sprunghaft» zugenommen habe. Seit der Visite auf dem Tempelberg werde Sharon «als Symbol einer repressiven, unnachgiebigen Politik gegenüber den Palästinensern» dargestellt. Leicht aufs Glatteis der Spekulationen begeben die Verfasser der Studie sich, wenn sie die Vermutung äussern, dass angesicht dieses «Sharon-Effektes» davon auszugehen sei, dass sich «die Kritik an Israel in den westlichen Medien noch intensivieren wird, sollte der Likud-Chef die Wahlen (vom 6. Februar, ju) gewinnen».
Im Weiteren gelangt die fög-Studie zum Schluss, dass Israel in den Medien generell als Täter, die Palästinenser hauptsächlich als die Opfer dargestellt werden. Die Palästinenser würden aus einer Position der Unterlegenheit agieren, während Israel in den Medien primär als diejenige Konfliktspartei erscheine, die «mehr Schaden zufügt als erleidet». Das von den Medien vermittelte Bild des Konfliktes zeige einen Krieg der israelischen Armee gegen palästinensische Zivilisten, Kinder und Jugendliche. Wörtlich heisst es in der Kurzfassung der Studie: «Wurde Israel lange Zeit als bedrohter demokratischer Staat wahrgenommen, der sich einer feindlichen arabischen Umwelt gegenüber sieht, so zeigt sich in den Medien heute ein umgekehrtes Bild: Israel hat sich vom David zum Goliath gewandelt und die Sympathien der Medien gelten heute eher den politischen Anliegen der Palästinenser.» Uns will scheinen, die genannte Wandlung habe bereits nach dem Sechstagekrieg von 1967 begonnen, sich bemerkbar zu machen. Ereignisse wie die Intifada der 80er Jahre und jetzt der el-Aksa Intifada sind logischerweise dazu angetan, die Umkehr der Sympathien in den Medien hervorzustreichen.
Palästinenser stärker verantwortlich
Bei aller Israel-Kritik aber machen die Medien nach Ansicht der Studie die Palästinenser dennoch stärker für die «gegenwärtige Verschärfung des Nahost-Konfliktes» verantwortlich. Viele Medien seien zum Schluss gelangt, die Palästinenser hätten Israel mit der neuen Intifada «bewusst zu harten Gegenmassnahmen verleitet, um sich international Gehör zu verschaffen». Dieses Argument führen israelische Sprecher praktisch seit Beginn der Unruhen an, ohne dass es das Image des jüdischen Staates in der Welt nachhaltig verbessert hätte. Ein weiterer Pluspunkt zugunsten Israels betrifft die Fähigkeit zur dauerhaften Konfliktlösung, die gemäss Studie auf israelischer Seite besser sei als auf der palästinensischen.
Weltwoche am kritischsten
Von allen untersuchten Medien weisen in der Studie Weltwoche (Basler Mediengruppe), Tages-Anzeiger, Swiss News (Tele 24) und die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Israel-kritischste Berichterstattung auf. Relativ neutral, mitunter sogar mit leichten Vorteilen für Israel, sei dagegen die Berichterstattung des heute-Journals von ZDF und das Nachrichtenmagazin 10 vor 10 des Schweizer Fernsehens. Die Israel-kritische Berichterstattung der Neuen Zürcher Zeitung sei «weniger ausgeprägt» als die zu Beginn dieses Abschnittes erwähnten Medien. In ihrer «umfangreichen Berichterstattung über das diplomatische Hintergrundgeschehen» zeichne die NZZ ein relativ neutrales Israel-Bild. Dagegen vermittle ihre Berichterstattung über die Kampfhandlungen eine «stark negative Sicht auf Israel».
Schmerzhafte Quittung
Hätte die Studie neben der eigentlichen Berichterstattung der untersuchten Zeitungen auch noch die Leserbrief-Seiten in die Untersuchung integriert, wäre das Ergebnis vermutlich noch stärker zuungunsten Israels ausgefallen. Aber auch so ist die Botschaft wenig schmeichelhaft für die Entscheidungsträger in Jerusalem: Die internationalen Medien-Reaktionen auf die el Aksa-Intifada sind die schmerzhafte Quittung für die seit Jahren nicht existente professionelle Informationspolitik des Staates Israel. Das Wenige, das in den letzten Wochen in dieser Beziehung getan worden ist, sind kaum mehr als punktuelle Feuerwehrübungen.
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Untersuchungsanlage
Untersucht wurde in der fög-Studie die Nahost-Berichterstattung verschiedener Medien. Im Zentrum stand dabei ein Vergleich der Neuen Zürcher Zeitung und der beiden Nachrichtenformate des Schweizer Fernsehens (Tagesschau und 10 vor 10) mit den Medien Frankfurter Allgemeine Zeitung, heute-Journal (ZDF), Bund, Tages-Anzeiger, Weltwoche (Basler Mediengruppe) sowie Swiss News (Tele 24). Das Projekt hatte zum Ziel, das Ausmass der kritischen Berichterstattung gegenüber israelischen und palästinensischen Akteuren zu erfassen und diesbezügliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Medien sichtbar zu machen. Zu diesem Zweck führten die Wissenschafter der Uni Zürich eine standardisierte Inhaltsanalyse durch.