Sharon gegen Netanyahu auf verlorenem Posten
«Danke, aber lieber nicht.» Diese Botschaft vermittelte ein emotionales Zentralkomitee der Likud-Partei am Dienstagabend dem derzeitigen Parteichef Ariel Sharon. Was die ZK-Mitglieder betrifft, kann Sharon, wie Yossi Verter am Mittwoch in der Zeitung «Haaretz» schrieb, einpacken und nach Hause gehen. Kaum hatte Sharon seine Rede beendet, erhob sich die Mehrheit der Anwesenden und skandierte minutenlang siegestrunken «Bibi, Bibi». Einen ärgeren Nasenstüber hätte man dem 72-jährigen Sharon nicht versetzen können. Dabei hatte er sich äusserst sorgfältig auf den Abend vorbereitet, und die Rede, die er hielt, gehörte zu seinen besseren. Er zählte seine Erfolge auf, vor allem, wie er die Partei nach dem Scherbenhaufen, den Netanyahu verursacht hatte, rehabilitierte. Sicher aber konnte auch Sharon sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Stimmung im Volk gegen ihn war. Das gelangte schon durch eine gewisse Unruhe im Saale zum Ausdruck, als er Leute wie David Levy, Dan Meridor oder Benny Begin zur Rückkehr in den Likud aufforderte - alles Leute, welche die Partei aus Protest gegen Netanyahu verlassen hatten. Gar wütende, laute Proteste musste Sharon entgegennehmen, als er ankündigte, im Falle eines Wahlsieges unverzüglich eine Regierung der nationalen Einheit bilden und Netanyahu das Aussen- und Ehud Barak das Verteidigungsministerium offerieren zu wollen. Netanyahu hatte leichtes Spiel. Er begann seine Rede mit einem schmachtenden «Ich habe Euch vermisst», und das Publikum war auf seiner Seite. Dabei tat der ex-Premier kaum etwas anderes, als die alten Slogans, mit denen er eine Wahl gewonnen und mit denen er regiert hatte, in leicht modifizierter Packung an den Mann zu bringen. «Was haben wir heute?», fragte er und gab sogleich selber die Antwort: «Eine Regierung, die gewillt ist, Jerusalem zu teilen, auf das Jordantal zu verzichten, Siedlungen aufzuheben und zu den Grenzen von 1967 zurückzukehren. Und was haben wir im Austausch gegen diese Konzessionen erhalten? Einen echten Frieden, oder wenigstens einen kalten Frieden? Nein, wir erhielten Gewehre, Bomben und Anschläge.» Mit rhetorischem Geschick manövrierte Netanyahu seine Zuhörer mit dem Rücken an die Wand und schuf einmal mehr jene Atmosphäre, die er offenbar zum Regieren und Wirken braucht: Eine Stimmung der Verunsicherung und der Kampfbereitschaft gegen die Israel vernichten wollenden Feinde. Friedenssucher kehrte er als illusionäre Träumer unter den Teppich seiner politischen Welt.
Wer am Dienstagabend auf einen veränderten Netanyahu gewartet hatte, musste sich mit Details begnügen. Im Gegensatz zu früher etwa kam Bibi diesmal nicht zu spät, und er liess auch seine Frau Sarah zu Hause. Im Übrigen aber war das Gefühl des déja-vu überwältigend. Die frenetischen «Bibi, König Israels»-Sprechchöre vor, während und nach Netanyahus Rede lassen darauf schliessen, dass zumindest im Likud nichts anderes gewünscht wird. Und wer den jüngsten Umfragen Glauben schenkt, der bereite sich am besten jetzt schon auf eine Rückkehr Netanyahus an die Macht vor. Ausser, Sharon gelingen bis zu den für kommenden Dienstag vorgesehenen internen Wahlen noch einige parlamentarische Tricks (etwa die Ablehnung des sogen. Netanyahu-Gesetzes, vgl. Artikel auf S. 9), bzw. Yasser Arafat lässt sich herab, mit Ehud Barak doch noch ein einigermassen akzeptables Abkommen zu unterzeichnen.