Selbstbestimmung bis in den Tod?
Moral. Die Diskussion ist neu entfacht: Nachdem der Bundesrat in der vergangenen Woche überraschend entschieden hat, neben gesetzlichen Schranken für die Suizidhilfe auch ein Verbot der Sterbehilfe-Organisationen Exit und Dignitas zu prüfen, werden das Leben, das Leiden und auch das Sterben erneut unter moralischen, religiösen, ethischen und medizinischen Aspekten betrachtet. Die Sterbehilfe ist weltweit ein brisantes Thema, da die Fortschritte in der Medizin und die damit verbundenen Möglichkeiten eine neue Definition des Todes aufwerfen. Die Grenze ist fliessend, wenn es darum geht, schweres Leid zu lindern oder Leben zu retten. Daher kann es zu Konfliktsituationen kommen, die in der heutigen Zeit schwer lösbar scheinen. Im orthodoxen Judentum ist die aktive Beschleunigung eines Sterbeprozesses streng verboten, das Thema ist, wie auch in streng katholischen Kreisen, tabu.
Würde. Auch wenn sich die aktive Sterbehilfe kaum mit den Gesetzen der jüdischen wie auch der christlichen und der muslimischen Religion in Einklang bringen lässt, gehört die Freitodhilfe hierzulande seit bald 30 Jahren zum Alltag. Sie wird von immerhin 75 Prozent der Bevölkerung befürwortet, und allein der Verein Exit hat in der Schweiz, wo es laut der Organisation jährlich 350 begleitete Suizide gibt, 70 000 Mitglieder. Vor gesetzlichen Restriktionen warnen die Organisationen und auch Ärzte vor allem aus dem Grund, dass dies zu noch mehr menschlichem Leiden und zu «Menschenquälerei» führen würde. Ohne professionelle Begleitung käme es beim Freitod vermehrt zu Komplikationen und zu Unfällen. Exit geht es, wie an einer Pressekonferenz am Dienstag deutlich wurde, um die Würde des menschlichen Lebens bis in den Tod. Der Verein Dignitas wurde erst im Jahr 1998 gegründet und bietet mit dem Slogan «Menschenwürdig leben – menschenwürdig sterben» einen begleiteten Freitod an, den vor allem Menschen aus dem Ausland in Anspruch nehmen – die Praktiken des Vereins wurden in der Vergangenheit kritisiert, als zum Beispiel bekannt geworden war, dass zwei Deutschen auf einem Parkplatz bei Zürich zum Tod verholfen wurde.
Respekt. Die liberale Regelung der Suizidhilfe ist eine Ausnahme im Vergleich mit den umliegenden Ländern. Sie hat zur Entstehung von Suizidhilfeorganisationen geführt und wird als Hauptursache für das Aufkommen des oft kritisierten sogenannten Sterbetourismus gesehen. Der Schweizer Staat lässt die Beihilfe zum Suizid ohne selbstsüchtige Beweggründe bislang zu und hilft damit dem Einzelnen, in dieser Situation seinen Willen frei zu bilden und danach zu handeln. Die Frage, wie weit der Mensch sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen darf, ist ein heikles, äusserst persönliches Thema, das nun wieder in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Der Publizist Ralph Giordano, der den Holocaust überlebt hat und der sich heute aufgrund eigener Erfahrungen öffentlich zur aktiven Sterbehilfe bekennt, bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: «Gerade ich, dem das Leben das Kostbarste ist, kann und will nicht die Augen verschliessen vor Situationen, wie es sie täglich und überall auf der Welt gibt, in denen eine einzige Erlösung, eine einzige Hoffnung bleibt – der Tod (...). Ich fordere nur Respekt vor dem Willen eines jeden, der sein Leid und seine Qual nicht mehr erträgt.»