Selber Schöpfer sein

December 7, 2009
Die Figur des künstlichen Anthropoiden Golem regt die Fantasie von Schriftstellern und Filmemachern noch heute an.
DER GOLEM ALS BEISPIEL FÜR DEN EGOISMUS DES MENSCHEN Filmszene aus «Der Golem, wie er in die Welt kam»

Von Irene Armbruster

Die Grundlage ist Staub und Wasser. Beides wird zu einer formbaren Masse vermischt und weise Männer gestalten daraus eine menschliche Figur. Schliesslich wird dieser Anthropoide beseelt un d damit zum Leben erweckt: Das geschieht entweder durch das Aussprechen einer Buchstabenkombination, durch das Schreiben auf die Stirn oder durch das Legen eines Buchstabenbandes in den Mund. Das ist das Grundrezept für einen Golem. In unendlich vielen Variationen ist diese Legende über den Golem in der heutigen Welt präsent und wenn man heute einen Spaziergang durch Prag macht, wird er in allen möglichen Formen auf T-Shirts, als Schlüsselanhänger oder auf Reklameschildern auf seltsame Art lebendig.

Woher aber kommt die Idee des Golems wirklich? Während Gershom Scholem, der grosse Kenner der jüdischen Mystik, davon ausgeht, dass der Golem wohl eine Schöpfung des Mittelalters sei, weist der israelische Historiker Moshe Idel nach, dass die Idee des Golem von der magischen Astrologie, von neuplatonischen Anschauungen geprägt ist – und damit antike Wurzeln hat. Die wichtigste Quelle für Idel und Scholem ist dabei wohl der Sefer Jezira. Dieser kurze Text aus der Antike beschäftigt sich unter anderem mit der Erschaffung des Menschen mit Hilfe einer Kombination von Buchstaben. Erst ist diese Schöpfung Gottes Werk, dann Abrahams. In vielen verschiedenen Varianten fliesst diese Idee des vom Menschen geschaffenen Wesens in die jüdische Tradition ein, später in die Mystik und in Teile der Kabbala. Neben dem belegten Strang aus den Schriften gab es aber wohl immer Volkslegenden, die sich intensiv mit der Figur des Golem auseinandersetzten und die in den Erzählungen über den Golem im Prager Ghetto gipfelten.

Gott spielen

Warum aber will der Mensch selbst Schöpfer sein? Weil – so Gershom Scholem – die Erschaffung eines Anthropoiden eine mystische Erfahrung ist oder wie es Moshe Idel in seiner Studie «Der Golem» beschreibt: «Was gewöhnlich als magische Handlung erscheint, lässt sich nicht so sehr als Versuch verstehen, Gott durch die Ansammlung eigenständiger Macht entgegenzutreten, sondern vielmehr als Versuch, durch das Nachvollziehen des modus operandi den Schöpfer nachzuahmen und auf diese Weise seine Herrlichkeit zu bezeugen.» Oder kurz gesagt: Gelehrte schufen den Golem, weil sie dadurch einen Augenblick lang das schöpferische Handeln Gottes erlebten.

Dieses Verständnis, Gott durch einen Schöpfungsakt besser zu erkennen, verschwand in der weiteren Überlieferung der Golem-Legende mehr und mehr. In den Geschichten der Moderne wurde der Golem sehr oft als Beispiel für die Hybris und den Egoismus des Menschen gezeigt, und nicht mehr die gläubigen Gelehrten erweckten ihn zum Leben, sondern schlaue Magier.

Der Regisseur und Schauspieler Paul Wegener liess klaustrophobische Gassen bauen und verwinkelte Häuser entstehen. Das Prager Ghetto des 16. Jahrhunderts sollte die bedrückende Kulisse seiner Golem-Filme sein. Dreimal beschäftigte er sich mit dem Golem, produzierte drei expressionistische Stummfilme, aber nur der letzte Film «Der Golem, wie er in die Welt kam» von 1920 ist erhalten. Wegener selbst spielte den Golem: Wie ein Riese, mit mongolischen Gesichtszügen, einer Haubenfrisur, einem stechenden Blick in einem gegürteten Mantel mit hebräischen Schriftzeichen wankt er durch die engen Gassen Prags und führt die Aufgaben seines Meisters und Schöpfers – des Rabbi Löw – aus. Rabbi Löw hatte in den Sternen gesehen, dass der jüdischen Gemeinde Gefahr durch den Kaiser drohte, und erschuf deshalb einen Golem. Der rettet das Leben des Kaisers und der Herrscher sieht davon ab, die Juden aus der Stadt zu weisen. Der Assistent des Rabbiners benutzt den Golem aber nun, um einen Rivalen aus dem Weg zu schaffen. Der Golem läuft Amok und beginnt die Stadt in Brand zu setzen – bis er auf ein kleines Mädchen stösst, das ihm den Stern von der Brust nimmt, mit dem ihm der Rabbiner Löw das Leben gegeben hat. Der Film war in den zwanziger Jahren ein riesiger Erfolg und tourt heute als rekonstruierter Klassiker durch die Programmkinos. Die «Berliner Börsenzeitung» schrieb damals über Wegener, der später eine zwiespältige Rolle in den Zeiten des Nationalsozialismus spielte: «Man muss diesen Golem gesehen haben, wie er mit breitem Grinsen seines irdischen Schöpfers lacht, muss ihn gesehen haben, wie er gigantisch im Kaisersaal den Deckeneinsturz aufhält, muss ihn gesehen haben, wie er mit übernatürlicher Kraft den Blasebalg in Bewegung setzt, wie er die Liebenden in der Kammer überrascht, wie er Fackel schwingend und Brand und Verheerung verbreitend die Strassen hindurcheilt und gleich darauf, wie er sich mit mildem freundlichen Lächeln zu den Kindern neigt.»

Der Golem als Projektionsfläche

Wegener bekannte in einem Interview, dass er die Legende selbst nicht genau kenne, aber die Figur des Rabbiners      Löw ist historisch überliefert. Allerdings wurde die Schöpfung des Golem erst 200 Jahre später seinem Leben hinzugefügt. Der ursprünglich 1512 in Worms geborene Rabbiner R. Jehuda Löw ben Bezalel war ein Rationalist und deshalb wohl nicht der geeignete Legendenschöpfer. Nichtsdestotrotz tauchte die Golem-Legende in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Prag auf und begann ihren Siegeszug, nachdem Jehuda Rosenberg sie erstmals publizierte. Er behauptete, diese Legende sei die Abschrift einer zerstörten Handschrift und machte sie damit noch authentischer. Diese Behauptung war aber eine literarische Erfindung – wenn auch eine sehr erfolgreiche. Schriftsteller, Wissenschaftler und Journalisten, die in Prag wohnten oder die Stadt besuchten, nahmen die Geschichte auf und formten sie ihrerseits zu ihrem literarischen Golem oder liessen sie in ihre Gedankenwelt einfliessen.

Deutsche Soziologen von Karl Marx bis Ulrich Beck schienen von der Idee des Golem besessen, und auch Schriftsteller waren vom Golem inspiriert, darunter Johann Wolfgang von Goethe und Franz Kafka, der Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem oder die Autorin und Übersetzerin Miriam Pressler. Der Golem ist nicht totzukriegen – auch deshalb, weil er eine Projektionsfläche für die grossen Themen unserer Zeit bietet.

Dazu zwei Beispiele: Der Soziologe Ulrich Beck hat sich in den letzten Jahrzehnten intensiv mit den Gefahren der modernen Welt auseinandergesetzt. Für ihn sind die grossen Umweltkatastrophen, der Terrorismus und der ungebändigte Kapitalismus ein Zeichen des «wild gewordenen Golems». Der Mensch versucht auf immer effektivere Weise die Gesetze der Natur zu beherrschen und zu brechen und wird damit Opfer seiner eigenen «Risikogesellschaft». Der künstliche Golem, dem Leben eingehaucht wurde, wird grösser und grösser und vom Menschen nicht mehr beherrschbar. Der Golem ist endgültig zu einer Chiffre für die Selbstüberschätzung des Menschen geworden.

Solcherlei Gedanken waren dem Journalisten und Autoren Egon Erwin Kisch noch fremd. In der Reportage «Den Golem wiederzuentdecken» von 1934 begleitet er in Prag einen galizischen, okkultistischen Juden bei seiner Suche nach den Lehmresten des Golem. Der Jude sucht auf dem Dachboden der Altneu-Synagoge und wandert schliesslich zum Prager Galgenberg. Nirgends wird er fündig und Kisch scheint darüber erleichtert, auch wenn er später in einem Brief an einen Freund schreibt: «Du weisst doch, dass ich ein direkter Nachkomme des weisen Rabbi Löw bin, der aus Lehm den Golem modelliert hat und ihm, wenn den Juden Unrecht droht, befahl: Erhebe Dich und gehe! So einen Golem würden wir brauchen, wenn die Nazis auf uns losgehen werden. Ich würde ihm auch befehlen: Erhebe Dich und gehe, die Feinde rücken auf mein Prag zu!»         ●

Irene Armbruster war Leiterin des Berliner Büros des aufbau. Sie lebt nun in Stuttgart und arbeitet als feste Autorin für das Blatt..