«Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen»
Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs traf die Schweiz organisatorisch nicht unvorbereitet. Am 23. August hatte der Nichtangriffspakt zwischen Hitler-deutschland und der stalinschen Sowjetunion die Welt erschüttert. Am 30. August 1939 wählte und vereidigte die Bundesversammlung den Westschweizer Korpskommandanten Henri Guisan als Kriegsgeneral und Oberbefehlshaber der Armee.
Der Betrug von Gleiwitz
Die Grenztruppen waren bereits aufgeboten, die Minenkammern in den Brücken zum deutschen Reich mit dem wenigen vorhandenen Sprengstoff geladen. Noch am gleichen 30. August depeschierte der Bundesrat den Aussenministerien von 40 Staaten, dass die Schweiz im Kriegsfall neutral bleiben werde. Schweizer Diplomaten wurden deshalb in der Folge mit der Wahrung der Interessen zahlreicher kriegführender Länder betraut, in der Formulierung von Werner Rings als «Advokaten des Feindes». Am Nachmittag des 31. August wurde es schwierig, in die Bergkantone zu telefonieren oder zu telegrafieren - die Gotthardtruppen wurden mit diesen Mitteln mobilisiert. Zur gleichen Zeit bestätigten Deutschland und Italien, dass sie die schweizerische Neutralität respektieren würden. Am Abend wurde bekannt, dass die Versorgung über Italien gewährleistet sei. In Berlin, 160 km von der polnischen Grenze entfernt, erloschen um Mitternacht die Lichter. Nun wurde der mehrere Monate alte Plan Hitlers zur Eroberung Polens umgesetzt. Seit März 1939 waren bereits die tschechischen Gebiete Böhmen und Mähren «deutsches Protektorat», und die litauische Hafenstadt Memel samt Hinterland befand sich ebenfalls in deutschem Besitz. Jetzt war Polen dran, nicht zuletzt, um England und Frankreich zu testen, die vertraglich verpflichtet gewesen wären, Polen zu Hilfe zu eilen. Die deutsche Luftwaffe hielt sich bereit. Fünf deutsche Armeen befanden sich im Anmarsch auf Polen, aus Ostpreussen und Pommern, aus den Karpaten, Oberschlesien und Breslau. Aber es musste nach Hitlers Willen so aussehen, als hätte Polen Deutschland überfallen, nicht umgekehrt. Noch vor den ersten Schusswechseln besetzten SS-Männer in polnischen Uniformen die Radiostation Gleiwitz und verlasen eine von SD-Chef Reinhard Heydrich persönlich verfasste Desinformationsmeldung in einer polnischen Übersetzung: Polen habe den Krieg gegen Deutschland eröffnet. Mit Pistolenschüssen verliessen die falschen Polen hernach das Studio. Einen narkotisierten KZ-Häftling in polnischer Uniform liessen sie, durch Schüsse tödlich verletzt, sterbend als «Beweis» zurück. Die Panzerdivisionen der Generäle Guderian, Hoepner und Kleist überquerten im Schutze des Frühnebels pünktlich die polnische Grenze, die Luftwaffe begann etwas später ihr Bombardement und zerstörte die polnischen Flugzeuge. Nur einige wenige konnten sich nach England absetzen. Nach 19 Tagen war Polen besiegt. Das Kavallerieheer hatte gegen die neuzeitlichen deutschen Panzer nichts zu bestellen gehabt.
Am Vormittag des 1. September 1939 betrat Hitler den deutschen Reichstag in Berlin und verkündete: «Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen.» Mit diesen infamen Worten begann der Zweite Weltkrieg, der Millionen von Menschen, Soldaten wie Zivilisten, das Leben kosten sollte. Hitlers perfide Lüge war auch der Vorbote der industriellen Massenvernichtung eines grossen Teils des europäischen Judentums sowie des Massenmordes an Regimegegnern, Fahrenden, Missliebigen und Behinderten durch das NS-Regime.
Die Schweiz war bereit, aber schlecht gerüstet
Am 1. September begann in der Schweiz die Generalmobilmachung. Aus Handwerkern und Bauern, aus Kaufleuten und Intellektuellen wurden Soldaten, motiviert, aber meist schlecht ausgerüstet. Die oft geübte Mobilmachung hatte gut geklappt. Beinahe ganze zwei Tage vor den Kriegserklärungen von Frankreich und England an Hitlerdeutschland befand sich die Schweizer Armee in ihren Stellungen. Doch bei Kriegsbeginn gab es in der Schweiz keine Panzer, keine Bomber, nur ein paar Dutzend meist veraltete Jagdflugzeuge und 80 Beobachtungsflieger, drei Dutzend Fliegerabwehrgeschütze, eine nicht immer gut geschützte Artillerie aus dem letzten Jahrhundert, Karabiner für die Soldaten und einen starken Mangel an Munition. Es gab nicht einmal genügend Pneus und Ersatzteile für die Militärfahrzeuge, ganz zu schweigen von Benzinvorräten für die Armee; der Treibstoff musste an zivilen Tankstellen eingefüllt werden. Aber die Kriegswirtschaft war von Bundesrat Hermann Obrecht frühzeitig gut organisiert worden. Die Schweizer Rüstung holte auf. Im zivilen Hinterland begannen die politischen und industriellen Spiele des Lavierens und Verhandelns mit dem Feind, des Gebens und Nehmens, der Grenzschliessungen und der Pressezensur, des Vollmachtenregimes und der Rationierung, des Handels mit Raubgold und der plötzlich nachrichtenlos werdenden Bankkonti. Davon wussten die Soldaten in aller Regel nichts, auch nicht ihre Frauen, Schwestern und Mütter, die auf sich allein gestellt mutig und tapfer die Schweiz am Funktionieren erhielten und zu Hause ihren eigenen ewigen Krieg gegen die Rationierung kämpften. Die Soldaten im Feld wurden weit besser ernährt als ihre Familien zu Hause. Kaum jemand versteht heute, dass sich die Schweizer Frauen bei Kriegsende, anders als ihre Nachbarinnen, still und bescheiden wieder an den Herd und die Schreibmaschine zurückzogen, ohne politische Gleichberechtigung als Lohn für ihren gewaltigen Einsatz einzufordern - aber das ist eine andere Geschichte. Mit der Mobilmachung begann aber auch eine Zeit der persönlichen Heldentaten und der menschlichen Grosszügigkeiten in der Schweizer Bevölkerung, bei Politikern und mutigen Journalisten. Nicht nur für den dringend nötigen Ankauf von Waffen wurden Riesensummen gespendet, sondern auch für den Unterhalt von Flüchtlingen.