Sehnsucht nach Heimat

Von Julian Voloj, November 6, 2008
Mit viel Glück überlebte die Berlinerin Margot Friedländer das KZ Theresienstadt und kam 1946 nach Amerika. Nach Deutschland reiste sie erst 60 Jahre später wieder – nachdem sie angefangen hatte, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben und im Rahmen eines Dokumentarfilmprojekts.
Margot Friedländer und Thomas Halaczinsky «Im Mittelpunkt des Films steht eine Frau, die nach ihrer Identität sucht»

Kaum ein Begriff ist in der deutschen Sprache so gefühlsbeladen wie das Wort «Heimat». Alle Hochkultursprachen sind imstande, das Konzept «Heimat» mit ihren spezifischen Mitteln auszudrücken, wobei die Konnotationen des Heimatkonzepts variieren. Das lateinische Wort «patria» beispielsweise steht für eine nationale Gesamtheit und wird von dem Wort für «Vater» abgeleitet, sodass die Heimat das «Vaterland» ist. Im Russischen ist die Heimat ein Femininum, «rodina», und wird von «rodit'» («gebären») abgeleitet. Im Hebräischen steht «moledet» in etymologischem Zusammenhang mit den Worten «molad» («Geburt») und «jaldut» («Kindheit»); dieser Etymologie folgend kann man interpretieren, dass «Heimat» der Ort ist, an dem man geboren wird und an dem man seine Kindheit verbringt.
Fragt man Margot Friedländer nach ihrer Heimat, so bedauert sie, dass sie keine habe. «Amerika ist nicht meine Heimat, und Deutschland ist es auch nicht. Es ist ein furchtbarer Zwiespalt. Hier ist zwar mein Zuhause», erklärt die 1921 als Margot Bendheim in Berlin Geborene, die heute in Kew Gardens im New Yorker Stadtteil Queens wohnt, «aber zur Heimat ist das hier nie geworden.» Friedländer kam 1946 mit ihrem Mann Adolf nach New York. Die beiden, die sich bereits aus Berlin kannten, hatten nach der Befreiung des Konzentrationslagers in Theresienstadt geheiratet. In Amerika fingen sie ein neues Leben an, und obwohl sie nach wie vor Deutsch miteinander sprachen, die meisten Freunde – darunter auch aufbau-Herausgeber Hans Steinitz – deutschsprachig waren und sie deutsche Literatur lasen, war eine Rückkehr nach Deutschland ausgeschlossen. Selbst als die Friedländers regelmässig in Europa Urlaub machten, reisten sie nie nach Deutschland. Adolf Friedländer starb 1997.
Mehr als zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes ist Margot Friedländers Leben vollkommen verändert. In den letzten fünf Jahren ist sie gut ein Dutzend Mal nach Deutschland gefahren, hat viele Freunde in Deutschland und fühlt sich in Deutschland «sehr zu Hause». Dass es dazu kam, ist «alles ein grosser Zufall – das Schicksal hat es sehr gut mit mir gemeint», sagt sie.
Angefangen hatte alles mit einem Schreibkurs im «92nd Street Y», dem jüdischen Gemeindezentrum an New Yorks Upper East Side. Nach anfänglichem Zögern fing sie an, ihre Erfahrungen während der Nazizeit, über die sie zuvor nie gesprochen hatte, auf Englisch niederzuschreiben.

Mit Glück überlebt

Ihre Geschichte beginnt am 20. Januar 1943. Nach der Arbeit wollte sich die damals 21-Jährige mit ihrem jüngeren Bruder und ihrer Mutter treffen, um die Flucht aus Deutschland vorzubereiten. Der Vater war bereits 1939 nach Belgien geflohen, die Familie verlor nach dem Einmarsch der deutschen Truppen den Kontakt zu ihm. Erst nach dem Krieg erfuhr Margot Friedländer, dass ihr Vater 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden war.
Vor Margot ging ein Mann ins Haus, der ihr verdächtig vorkam. Sie kaschierte mit ihrer Handtasche den gelben Stern, und intuitiv ging sie nicht in die eigene Wohnung, sondern zu den Nachbarn. Eine Entscheidung, die ihr das Leben rettete. Der Mann war tatsächlich gekommen, um sie abzuholen. Sie erfuhr, dass ihr Bruder Ralph bereits in der Gewalt der Nazis war. Die Mutter stellte sich kurz darauf selber und hinterliess ihrer Tochter folgende Botschaft auf einem Zettel: «Ich habe mich entschlossen, mit Ralph zu gehen, wohin immer das auch sein mag. Versuche, dein Leben zu machen.» Beide wurden in Auschwitz ermordet.
Margot beschloss unterzutauchen. Sie veränderte ihr Aussehen, färbte sich die Haare, trug fortan ein kleines Kreuz am Hals, versuchte, nicht als Jüdin aufzufallen. Dreizehn Monate dauerte das Leben in wechselnden Verstecken, bei deutschen Regimegegnern und Helfern, die nicht alle selbstlos handelten. Dreimal entkam sie der Gestapo nur um Haaresbreite. Dann, im April 1944, ging sie jüdischen «Greifern» in die Falle. Sie wurde nach Theresienstadt deportiert und überlebte mit viel Glück.
Im «92nd Street Y» lernte Margot Friedländer den Filmemacher Thomas Halaczinsky kennen. Der seit 1991 in New York lebende Deutsche war von Friedländers Lebensgeschichte fasziniert und überzeugte sie nach anfänglichem Zögern, einer
Dokumentation zuzuwilligen. «Ich sagte Thomas, dass ich keine Holocaust-Dokumentation machen will, und er antwortete mir: Gut, denn das will ich auch gar nicht.»
«Ich wollte eine nicht traditionelle Geschichte erzählen», erklärt Thomas Halaczinsky seine Motivation. «Was mich an Margots Geschichte fasziniert, sind die Verdrehungen. Nichts ist eindeutig. Es geht nicht um das Opfer/Täter- oder um das Gut/Böse-Schema. Die Deutschen sind in ihrer Geschichte sowohl Täter als auch Helfer, und diejenigen, die Margot verrieten und dafür sorgten, dass sie nach Theresienstadt deportiert wurde, waren tragischerweise Juden. Es ging mir also um die Umkehrung des typischen Opfer/Täter-Schemas, das in traditionellen Dokumentarfilmen zum Tragen kommt.»

Einhard-Preis

Dem Regisseur war klar, dass er Teile seiner Dokumentation in Berlin filmen wollte, und er überzeugte Margot Friedländer, mit ihm nach Berlin zurückzukehren.
Im Jahre 2003, nahezu 60 Jahre nachdem Margot Friedländer Deutschland verlassen hatte, kam es zu einer Rückkehr. Gewiss, Einladungen hatte es vorher schon gegeben, doch mit Freunden aus Deutschland traf man sich zu Lebzeiten ihres Mannes lieber in der Schweiz. Nach dem Tod von Adolf Friedländer sagten einige Freunde zu Margot, dass sie doch nun keine Ausrede mehr hätte, nicht zu kommen, doch erst durch Thomas Halaczinsky wagte sie den Schritt. «Die Dokumentation erzählt eine deutsche Geschichte. Es ging mir um die Parallelisierung von Margot und Berlin. Beide sind auf der Suche nach der eigenen Identität», erklärt Thomas Halaczinsky. «Im Mittelpunkt des Films steht eine Frau, die spät im Leben nach ihrer Identität sucht. Identität ist das zentrale Thema. Identitätsfindung durch das Schreiben. Identitätsfindung auf physischer Ebene durch den Besuch eines Ortes.»
«Don`t call it Heimweh», so der Titel des Films, hatte 2004 auf dem Woodstock Film Festival Premiere und eröffnete das 11. Jüdische Filmfestival in Berlin und Potsdam im darauf folgenden Jahr. Die Stärke der Dokumentation liegt in der nüchternen und respektvollen Erzählweise, in der von Margot Friedländers Rückkehr in ihre Heimatstadt berichtet wird.
Der Titel ist ein Zitat von Margots Cousine Jean Gosset. In einer der Anfangsszenen diskutiert Margot mit ihrer Cousine, die als Inge Korngold in Berlin geboren wurde, bereits 1938 nach Amerika kam und wie Margot ihre Eltern im Holocaust verlor, über ihre Rückkehr nach Berlin. «Heimweh kann vieles bedeuten. Es kann bedeuten, nach etwas zu suchen, das einmal war, jedoch nicht unbedingt die Sehnsucht nach einem Ort.» Ihre Cousine antwortet daraufhin irritiert: «Don`t call it Heimweh!» «Viele verstehen nicht, warum es mich nach Deutschland zieht», erzählt Margot Friedländer. «Menschen sind für mich Menschen, und ich habe so unbeschreiblich gute Menschen in Deutschland kennen gelernt.» Seit ihrem ersten Besuch zieht es sie wieder regelmässig in ihr Geburtsland. Zwei-, dreimal pro Jahr fährt Margot Friedländer dorthin, trifft sich mit Freunden, spricht mit jungen Menschen über ihre Lebensgeschichte, und, noch viel wichtiger, sie hat begonnen, ihre Lebensgeschichte auf Deutsch weiter zu schreiben. «Seit ich mit 25 Jahren aus Deutschland wegging, habe ich meine grössten, tiefsten Gefühle nie wieder in meiner Muttersprache ausgedrückt.» Unter dem Titel «Versuche, Dein Leben zu machen», so die letzten Worte von Margots Mutter in ihrem Abschiedsschreiben, erschienen dieses Jahr Margot Friedländers Memoiren beim renommierten Rowohlt-Verlag. Entstanden ist eine dramatische Geschichte von Hoffnung und Verrat, von Zivilcourage inmitten des Terrors und vom unbedingten Willen zu überleben.
Vor ein paar Wochen erhielt Margot Friedländer überraschend Post aus Deutschland. Sie wird am kommenden 14. März den mit 10 000 Euro dotierten Einhard-Preis für ihr biografisches Werk erhalten, eine Ehrung, die für sie ganz überraschend kam. «Ach du lieber Gott, das hätte ich mir nie vorstellen können», sagt sie bescheiden. «Wenn Thomas nicht den Film gemacht hätte ...»
Zum Abschluss noch einmal die Frage nach der Heimat. «Ist die deutsche Sprache vielleicht Heimat?» Sie schweigt für einen kurzen Moment. Im Bücherregal hinter ihr stehen unter anderem Marcel Reich-Ranickis «Mein Leben», «World of Our Fathers» von Irving Howe sowie Hans Rosenthals «Zwei Leben in Deutschland», Bücher, die sowohl deutsch-jüdische als auch amerikanisch-jüdische Geschichte beschreiben. Nach kurzem Zögern antwortet sie: «Ja, vielleicht kann man das so sagen. Die deutsche Sprache ist meine Heimat.»