Sederabende der ganz besonderen Art
Am 5. April 1968 bahnte sich Arthur Waskow den Weg zu seiner Wohnung in Washington durch Demonstranten und bewaffnete Sicherheitstruppen hindurch. Sein Quartier war mit einer Ausgangssperre belegt, die Nacht zuvor war Martin Luther King jr. ermordet worden. Der in der Menschenrechtsbewegung aktive Waskow hatte während Tagen Nahrungsmittel, Medikamente und Ärzte von weissen in schwarze Wohnvierteln gefahren. Es war eine Woche vor Pessach.
«Ich ging an den Soldaten vorbei nach Hause und fühlte mich, als sei dies die Armee Pharaos», erinnert sich Waskow, der heute Rabbiner ist. Damals war er ein kaum praktizierender Jude, doch in jener Nacht machte er sich zum ersten Mal überhaupt Gedanken, was das Freiheitskonzept am Sederabend bedeutete. «Es bewegte mich zutiefst, dass die Diskussion über die Befreiung nicht nur die alten Israeliten von 3000 Jahren betraf, sondern auch für andere Generationen galt.» Erschreckt und inspiriert zugleich, machte sich Waskow daran, eine neue Version der Haggada zu schreiben, in der er Passagen von King, Henry David Thoreau, Allen Ginsberg, aber auch Ghettoliteratur aus Warschau zitierte. All dies kombinierte er mit der traditionellen Haggada – der zerfledderten Kopie, die er zu seiner Bar Mizwa erhalten hatte.
Ein Jahr später, am 4. April 1969, dem Jahrestag von Kings Ermordung, benutzte er seine Haggada an seinem ersten «Freiheitsseder», an dem sich rund 800 Menschen – Schwarze und Weisse, Juden und Nichtjuden – versammelt hatten, um die Freiheit zu feiern. «Jene Nacht hat mein Leben verändert.» Sie hat indirekt auch das Leben vieler anderer Menschen verändert, öffnete sie den Seder doch für moderne, aktuelle Themen. Zwar ist es heute zur Gewohnheit geworden, an Sederabenden das Thema der Befreiung aus der Versklavung mit zeitgenössischen Themen zu verbinden – Feminismus, Homosexualität, Krieg, Wirtschaft oder Umwelt –, doch der erste Freiheitsseder in Washington und seine besondere Haggada befruchteten Generationen nicht traditioneller Sederabende, an denen die Ägypter nur noch eine Metapher sind für das, was Menschen versklavt.
Die Bedeutung von Pessach wird erweitert
«Bis dahin», sagt Waskow, «erzählte jede Haggada die Geschichte der Befreiung der alten Israeliten aus der Sklaverei des Pharao – und damit hatte es sich.» Indem er die jüdische Geschichte mit den Freiheitskämpfen der schwarzen Amerikaner und anderrn Kulturen und Religionen verwob, dehnte sich für Waskow der Themenkreis am Sederabend mit einem Mal auf verschiedene Aspekte der Befreiung aus. Am 29. März,
40 Jahre später, organisiert Waskows Shalom Center, eine rekonstruktionistische Aktivistengruppe, nun in Washington einen neuen Freiheitsseder für die Erde in einer Baptistenkirche. Wie der ursprüngliche Freiheitsseder wird auch dieser Anlass ökumenisch sein und im überlieferten Pessach wurzeln. Anstatt der Versklavung wird aber die Klimakatastrophe im Zentrum stehen.
Wie die zehn Plagen, die Ägypten und seine Ökologie zerstörten, bedrohen die Umwelt auch heute viele Gefahren, etwa die globale Erwärmung, Trockenheit und Hunger. Andere Gruppen überall in den USA werden ebenfalls einen Freiheitsseder für die Erde halten und dabei die neue Haggada «Freedom Seder for the Earth: Facing the Plagues and the Pharaos of Our Generation» benutzen. «Karpas» beispielsweise, das traditionelle Eintunken von Gemüse in Salzwasser, um die salzigen Tränen der Sklaverei zu symbolisieren, wird am Freiheitsseder mit folgendem Gebet eingeleitet: «Wenn wir uns nicht an der Rückkehr des Frühlings erfreuen können, wie können wir denn auf lange Sicht glücklich sein? Das Hohelied erzählt uns, wie sich im Frühling Blumen gegen den Winter erheben, die Kraft der Liebe erhebt sich aus den Tiefen der Depression und die Nacht der Geschichte weicht dem Sonnenlicht von Eden, dem Garten der Freude.»
Das Brot der Freiheit
«Yachatz», das Ritual des Brechens der Matza am Seder, beginnt mit diesem Gebet: «Warum brechen wir dieses Brot entzwei? Weil es das Brot der Unterdrückung bleiben würde, wenn wir es ganz für uns behielten. Wenn wir es brechen, um es mit anderen zu teilen, wird es zum Brot der Freiheit. Heute gibt es in der Welt immer noch jene, die so niedergedrückt werden, dass sie nicht einmal dieses Brot der Unterdrückung zum Essen haben. Es gibt so viele Hungrige, dass sie nicht alle kommen können, um heute Abend mit uns zu essen.»
Der Hunger ist ein an zahlreichen Sederzeremonien thematisiertes Phänomen, das besonders im heutigen Wirtschaftsklima besondere Aufmerksamkeit verdient. Deshalb organisiert der Jewish Council for Public Affairs (JCPA) zusammen mit Mazon, einer landesweiten amerikanisch-jüdischen Agentur, die gegen den Hunger kämpft, einen Seder, welcher der Kinderernährung gewidmet ist. Diese Sederabende werden an über 20 Orten in den USA abgehalten. «Präsident Obama verpflichtete sich, bis zum Jahr 2015 den Kinderhunger zu bewältigen», sagt Hadar Susskind, der Washingtoner Direktor von JCPA. «Wir führen diese Sederabende durch, um die jüdische Gemeinde und andere Glaubensbekenntnisse zu veranlassen, substanzielle Programme durchzudrücken.» Von den 34 Millionen Amerikanern, die nicht genügend zu essen haben, sind laut JCPA zwölf Millionen Kinder. Diese Zahlen stammen noch aus der Zeit vor der momentanen Wirtschaftskrise. «Pessach», sagt Susskind, «ist ein ausgesprochen gutes Vehikel für diese Belange, denn Sklaverei ist eine Metapher für verschiedene Dinge wie eben auch die Knechtschaft des Hungers. Menschen, die kein Essen haben, können nicht frei sein.» – H. Eric Shockman, Exekutivdirektor von Mazon, sagt über Pessach: «Man kann etwas über den Seder und über die Familie hinaus tun. Unser Weg ist ausschlaggebend, um die Glorifizierung der Jüdischkeit unserer Tradition weiter zu verbreiten. Wir können nicht in einem spirituellen Sinn zufrieden sein, solange es hungrige Menschen gibt.»