Schweizer Juden und die Grenzerfahrung

Von Yves Kugelmann, August 27, 2009
Der Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 markiert den offiziellen Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Schweiz blieb weitgehend verschont. Doch für die Schweizer Juden und die Juden in der Schweiz bedeuteten die Kriegsjahre – und bereits deren Vorläufer – eine Zäsur. Sie sind ein Schlüssel zum Verständnis der heutigen jüdischen Gemeinschaft.
JUDEN IN DER SCHWEIZ Jüdische Flüchtlinge um das Jahr 1938 im Flüchtlingslager Dipolsau

Die Grenze, vorläufige Endstation für viele, Rettung für wenige Verfolgte zwischen 1939 und 1945. Erfahrungen mit Grenzen sind seit jeher ein bestimmender Faktor jüdischer Existenz. Ausgrenzung, Begrenzung, Abgrenzung, aber auch Grenzüberschreitungen – all das führte dazu, dass das Verhältnis zu Grenzen in vielen Schriften zu einem jüdischen Archetyp stilisiert wurde, ein mehrdeutiges Bild, das auch stets zwischen Juden und Nichtjuden stand: Juden – das «Nomadenvolk aus der Wüste», das in der Fremde durch die Jahrhunderte und die Welten wanderte oder wandern musste. Juden gleich Grenzerfahrung: Eine nicht umkehrbare Gleichung mit vielen Unbekannten, Widersprüchen und blutigen Axiomen, die sich am Beispiel der Schweizer Juden besonders auffällig herauskristallisiert.
Das zerstreute Volk lebte Jahrtausende das Paradox, grenzenlos überall sein zu müssen und immer wieder an Grenzen zu stossen. Grenzüberschreitung als durch die Umstände auferlegtes Selbstverständnis, das immer wieder am Stacheldraht enden sollte, jener Grenze, die oftmals das existentielle, psychologische, historische, kulturelle Selbstverständnis prägte, beeinflusste, veränderte, kontaminierte, durchsetzte. Sie war schlicht jene reale Grenze, die eine innere Grenzerfahrung bis zum Exzess formte: immer am Limit, auf dem schmalen Grat über den Abgründen, an der Grenze zum Wahnsinn und zum Sinneswahn – immer sinnlos, wenn man sich nicht als Hiob sah.

Das dialektische Gefängnis Schweiz

Jahrtausendealte Vorläufer kulmininierten, als vor 70 Jahren nur eine Grenze in Mitteleuropa nicht fiel: jene zur Schweiz. Eine Grenze, die dem Land eine mehrdeutige Bedeutung verlieh. «Sichere» Insel oder Isolationshaft inmitten der Katastrophe, des Grauens, stets in Angst vor der drohenden Gefahr. Ein Spannungsfeld als national-psychologischer Höllenritt, der den zusammengewürfelten Haufen Eidgenossen letztlich mehr prägte, als vielen wohl bewusst sein mag. Friedrich Dürrenmatt brachte im Jahre 1990 in einer epochalen Rede anlässlich der Verleihung des Gottlieb-Duttweiler-Preises an Václav Havel schliesslich auf den Punkt, was keiner hören mochte: die Schweiz – ein Gefängnis, in dem die Gefangenen Freie sind und die Wärter Gefangene. Die Schweiz – wird zum grotesken Gefängnis der Freiheit, in dem niemand mit der Freiheit umzugehen wusste und sie in Mythen ertränkt: jene Schweiz, und mit ihr die Schweizer Juden, die bis heute das einzige Land Europas mit einer Geschichte ohne Brüche, mit Kontinuität, ohne Trauma sein will. Doch dieses nicht selbst erarbeitete, sondern dem Zufall, geschicktem Paktieren oder schicksalhafter Logik «verdankte» Privileg blieb lange Zeit der ungeschliffene Diamant, den nicht zuletzt erst die Immigranten und seit den fünfziger Jahren, die italienischen und später andere Gastarbeiter, zu schleifen wussten.

Der Schweizer Stachel

Wenige Jahrzehnte nach der Einführung des Schächtverbots zeigte die Schweiz im Oktober 1938 mit der Durchsetzung des 
«J-Stempels», wie sie fortan gegenüber 
NS-Deutschland beziehungsweise den fliehenden Juden Grenzen setzen wollte. David gegen Goliath war nicht opportun. Die Eidgenossen liessen jenen zynischen Pragmatismus walten, der für die einen ebenso kritisierbar ist, wie er nachvollziehbar ist für andere: Kooperation mit dem Feind. Freilich: Ein Feind, mit dem manche auch sympathisierten, und sei es, wie Friedrich Dürrenmatt eine Zeit lang, um die eigenen Autoritäten zu ärgern. Vor allem aber ein Feind, mit dem sich auch gute Geschäfte machen liessen.
Was in Deutschland der gelbe Stern sein würde, signalisierte schon 1938 als Schweizer Erfindung das grosse «J» in den Pässen von Juden auf der Flucht. Nicht erst als 1942 der Bundesrat die Schweizer Grenzen für jüdische Flüchtlinge hermetisch abriegelte, war die Eidgenossenschaft für jene innerhalb und ausserhalb dieser Grenzen vor allem eines: eine Grenzerfahrung. Die Stacheldrahtzäune wurden allgegenwärtig und wirken bis heute nach. Die einen scheiterten an ihnen, die anderen überwanden sie. Sicherlich waren es nicht die Stacheldrahtzäune von Auschwitz, doch nicht wenige sahen nach jenen der Schweiz auch bald jene von Auschwitz. Erst in den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegswochen kamen tatsächlich jene heute gerne beschworenen Massen von Flüchtlingen ins Land, zumeist nur für kurze Zeit. Und nur ein kleiner Teil von ihnen waren tatsächlich Juden; die meisten waren Grenzbewohner und fremde Soldaten.

Schweizer Juden, jüdische Flüchtlinge

Das gespaltene Nicht-Verhältnis zur Grenze entzweite viele Jüdinnen und Juden in den vierziger Jahren auch in der Schweiz, als Tausende von Flüchtlingen an jener Schweizer Grenze abgewiesen und in den sicheren Tod geschickt wurden, die für die Schweizer Juden letztlich die Grenze des Überlebens war. Für die einen bedeutete die Grenze Leben, für die anderen Tod. Dass selbst jüdische Schweizer Soldaten während der Mobilmachung die eidgenössische Grenze bewachen, ja sogar Zollfunktionen übernehmen mussten, zeigte zum einen die Wehrbereitschaft und den Gehorsam dem Vaterland gegenüber, aber auch die Perversität einer Situation, in der man sich nur noch zwischen falsch und falsch entscheiden konnte. Eine Entscheidung, die in der Realität von vielen Schweizer Grenzpolizisten so beantwortet wurde: Nicht jeder stellte seine «Pflicht» vor das Leben der Flüchtlinge. Die Schweizer Grenze blieb lange Zeit durchaus löchrig. Nicht jeder versuchte durch Übereifer aufzufallen, wo blosses Wegsehen Leben retten konnte. Das Aufeinandertreffen von Schweizer Juden und jenen jüdischen Flüchtlingen, die die Grenze selten legal überwunden hatten, immer wieder mit Hilfe der wenigen Schweizer Helden Paul Grüninger, Carl Lutz, Sebastian Steiger und anderer, von der Schoah-Gedenkstätte Yad Vashem geehrter Fluchthelfer.
2009 begann 1938. Die Grenzerfahrung der Schweizer Judenheit ist auch, dass es eine solche spätestens ab 1938 nicht mehr gibt, dass es ein Schweizer Judentum, ein jüdisches Denken in der Schweiz nicht gibt. Eine Tatsache, die auch immer wieder dazu geführt hat, dass der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG), der bis heute in Vorkriegsstrukturen vor sich hindümpelt, spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg keineswegs immer die Mehrheit, die Anliegen und die Bedürfnisse der Schweizer Juden vertreten hat. Bereits nach den Pogromen 1882 in Osteuropa und in den folgenden Jahrzehnten gelangten osteuropäische Juden in die Schweiz und mussten erfahren, wie wenig willkommen sie waren. Die Schweizer Juden liessen nur bedingt Integration zu, es entwickelte sich langsam, aber sicher eine jüdische Zweiklassengesellschaft, die mit den Flüchtlingsströmen während des Zweiten Weltkriegs noch verstärkt wurde. Eine Zweiklassengesellschaft, die bis heute in vielen Familienerzählungen die präsente Charakteristik jener Zeit ist. Die Debatte um die nachrichtenlosen Vermögen von Juden auf Schweizer Banken konfrontierte 1996 nicht nur die Schweiz, die Industrie, die Wirtschaft mit einer zwielichtigen Vergangenheit im Bestreben, Hitler zu überleben und zugleich noch an ihm zu verdienen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stürzte nicht nur viele Mythen von der Schweizer Wahr- und Wehrhaftigkeit während der Kriegsjahre, sie konfrontierte letztlich auch die Schweizer Jüdinnen und Juden mit der retrospektiv gestellten Frage, ob die jüdische Gemeinschaft alles Menschenmögliche für Flüchtlinge, für Verfolgte, für abgewiesene und für aufgenommene Jüdinnen und Juden getan hatte.

Grundsätzliche Divergenzen

Eine Frage, die keine Vergleichsgrösse kennt. Denn das Abwägen der offiziellen Schweizer Juden und ihrer Verbände zwischen Hilfeleistung und Ohnmacht (vergleiche nur die Studie «Hilfe und Ohnmacht» von Stefan Mächler über den SIG im Krieg), zwischen der Rettung anderer und dem Bestreben, sich selbst nicht auszuliefern, scheidet bis heute jene, die einst Opfer, Gerettete oder Retter waren. Von heute auf die eskalierende Gefahr dieser Jahre zu schauen, enthebt nicht davon, die Frage zuzulassen, wie leicht es damals offenbar noch war, diese Gefahr immer einen Tag länger nicht wahrnehmen zu wollen.
Zugleich wurde mit dieser Gefahr die eigene Wagenburgmentalität gerechtfertigt. Nur weil heute bekannt ist, dass die Nazis gar nicht daran dachten, die neutrale Schweiz, also ihre eigene Bank, zu überfallen – und ihre eigene bombensichere Verbindung nach Süden zu gefährden –, musste man das damals noch gar nicht so genau wissen. Da standen auf der einen Seite Schweizer Juden, die die Augen vor den Wirklichkeiten verschlossen, in Provinzialismus abglitten und sich vor allem daran störten, dass während des Krieges nur noch koschere Poulets und kein anderes Koscherfleisch zu erhalten war, auf der anderen Seite standen die Flüchtlinge, die gerade mit dem Leben davongekommen waren, vor dem Nichts standen und sich nach Pouletfleisch gesehnt hätten.

Fallbeispiel Grüninger

So reagierte im Jahre 1941 etwa der Basler Privatmann Albert Falk in einem heute im jüdischen Museum Hohenems ausgestellten Rundschreiben darauf, dass der St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger, weil er jüdische Männer, Frauen und Kinder rettete, vom Dienst suspendiert, entehrt und verurteilt worden war und keine Rente erhielt. Er rief dazu auf, Grüninger zu unterstützen. Darauf erfolgte vom damaligen SIG-Verantwortlichen Saly Mayer eine Stellungnahme, die aufzeigte, in welcher prekären Situation sich die Juden damals glaubten. Falk wusste jedoch genau, wovon er schrieb. Er selbst hatte mit Grüninger zusammen Flüchtlingen den Weg in die Schweiz geöffnet, und es war kein Geheimnis mehr, dass dies nur möglich war, indem Vorschriften übergangen und Dokumente «umdatiert» worden waren. Doch das damalige Sekretariat des SIG wollte das alles keineswegs so genau wissen und schon gar nicht in der Öffentlichkeit lesen: nur keine Euphorie für die Heldentaten, nur keine öffentlich sichtbare Unterstützung wie Falks Spendenaufruf für den inzwischen arbeits- und mittellosen Grüninger. «Es ist sehr unvorsichtig von Herrn Falk, zu schreiben, G. habe jüdischen Flüchtlingen die Einreise ermöglicht, er habe eine jüdische Dame aus Österreich zu deren in der Schweiz befindlichem Mann und den Kindern gebracht usw. Das wäre tatsächlich strafbar gewesen und wird besser nicht breitgeschlagen, abgesehen davon, dass wir nun finanziell die Folgen zu tragen haben, indem wir Familien und Verwandtschaften an den Hals bekommen haben, die wir nicht fortbrachten, während wir die Leute einzeln oft längst hätten weiterschaffen können. Trotzdem ist auch der Unterzeichnete der Meinung, das G. im Sinne des Schreibens Falk mit einer Anstellung geholfen werden sollte, was man aber nicht an die grosse Glocke zu hängen braucht.»

Klar- und weitsichtiges Handeln

Das sogenannte Schweizer Judentum avancierte zu einem heterogenen Haufen, der sich in den bestehenden Institutionen zusammenraufen musste. Aber biografische, ideologische, jüdische Diskrepanzen blieben. Alteingesessene grenzten die unfreiwillig Zugwanderten nur zu oft aus, von einer Gleichberechtigung konnte lange Zeit keine Rede sein. Die einen erwarteten Dankbarkeit und die anderen konnten mit dem Unverständnis für ihre Situation nicht umgehen: Es entstand eine tiefe Kluft. Während die dem Gemeindebund angegliederte Flüchtlingshilfe ihr Menschenmögliches tat – was wiederum nicht immer von allen so gesehen wurde –, Geld für die Flüchtlinge sammelte – so die Auflage des Bundesrates –, Hilfe leistete, Suppenküchen unterhielt oder Unterkünfte organisierte, setzten sich Rabbiner vor allem mit der Frage auseinander, ob das Schweizer Schächtverbot umgangen werden könnte, indem Tiere vor dem Schnittritual betäubt würden. Eine zufällige Notwendigkeit in Zeiten des Krieges, die aber zugleich die etwas entrückten Prioritäten in einem Land aufzeigt, in dem Viehhandel charakteristisch war für das Schweizer Judentum. So provinziell und unbeholfen mitunter das Agieren von Offiziellen war, so mutig, klar- und weitsichtig waren Leute wie der Basler Anwalt Marcus Cohn, der junge Zürcher Zionist Veit Wyler, der Jurist und Journalist Benjamin Sagalowitz oder etwa der Sozialist David Farbstein. Alle setzten sich für Flüchtlinge ein und versuchten, anders als die meisten offiziellen Funktionäre, Mittel und Wege zu finden, mit der scheinbar so ausweglos blockierten Lage umzugehen.

Kritik an jüdischen Funktionären

Veit Wyler war es denn auch, der noch während des Krieges den SIG und seine Institutionen scharf kritisierte. Er anerkannte zwar die Leistungen des SIG, wenn er in einem Vortrag schrieb: «Ich verkenne keinesfalls die umfangreiche Arbeit, die in Sachen Flüchtlingsfürsorge geleistet wurde, ich will auch nicht unterlassen zu erwähnen, dass wir vor ein Problem gestellt wurden, ohne auch nur die geringste Erfahrung zu besitzen.» Doch zugleich sah er, dass die jüdischen Offiziellen im Spiel um Leben und Tod von Menschen, jüdischen Brüdern und Schwestern, zu blauäugig, zurückhaltend und provinziell agierten, er sah das Versagen der Institution und ihrer Funktionäre, denen er Selbstzufriedenheit und Eigenlob vorwirft: «Die sehr emsige jüdische Bürokratie ist sehr zufrieden. (…) Ich stelle fest und kann es mit vielen Beispielen belegen, unsere jüdischen Vertreter haben keinen Einfluss bei den Behörden. Sie geniessen auch keine grosse Achtung, denn die Behörden sind ja gewarnt und wissen die unwürdige Nachgiebigkeit unserer Helden zu verachten.» Und dann mündet Wyler in einen Frontalangriff, wie es sich heute in Zeiten der Nicht-Bedrohung keiner auch nur ansatzweise mehr getrauen würde, wenn sie auch noch so berechtigt wäre: «Unsere jüdischen Vertreter sind die ärmsten an Gedanken, haben sie doch während der ganzen Zeit den Behörden nicht einen einzigen konstruktiven Vorschlag zu machen vermocht. (…) Aus geistiger Armseligkeit und moralischer Gerechtigkeit entstand eine Praxis, die ein schreckliches Andenken hinterlassen wird. (…) Die schweizerische Judenheit aber weiss überhaupt nicht, was in ihrem Namen alles gemacht wird.» Und weiter: «Der Schweizer Jude denkt an sich und begnügt sich damit einem Armen, der vor seinen Augen steht, ein Almosen zu geben. Wenn der Schweizer der Schweiz gegenüber sich nur durch derartige Tugenden auszeichnet, so wäre er noch kein Patriot. Denn zum Patriotismus gehört eine Sorge und eine Fähigkeit um die Allgemeinheit und die Fähigkeit Opfer zu bringen. Inwiefern erfüllt der Schweizer Jude in der Schweiz gegenüber dem übrigen Judentum diese allgemeine Pflicht? Er wird ja von unserem Vertreter gar nicht dazu aufgefordert.»
Ein Einzelvotum zwar, dem viele einiges zu entgegnen hatten, doch ein Votum, das letztlich die Seelen des Schweizer Judentums aufzurütteln versuchte. Nicht zu Unrecht. Nur wenige getrauten sich jedoch, solche Worte zu äussern. Paradoxerweise umso weniger, je weiter der Krieg zurücklag. Denn jüdische Schweizer Funktionäre etablierten eine Mentalität der Duckmäuserei nach innen und nach aussen, die nicht nur mit Mangel an staatspolitischer Zivilcourage oder gesellschaftlichem Sensorium erklärt werden kann. Anstatt das pulsierende Leben in Gemeinden, Organisationen, Vereinen prioritär zu unterstützen, nach aussen zu tragen, die unzähligen kulturellen, politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Aktivitäten und Leistungen zu fördern und zu repräsentieren, den Wandel einer ganz neuen Generation jüdischer Menschen, die nach dem Krieg geboren wurden, und die Chance der jüdischen Immigration anzuerkennen, identifizierten sich jüdische Funktionäre immer mehr mit schweizerischem Bürokratismus und formalisierten Debatten ohne Inhalt und schotten sich ab. Der Kampf gegen Antisemitismus wurde zum Fetisch und zur Legitimation, während sich das jüdische, heterogene und im positiven Sinne pluralistische Leben in eine ganz andere Richtung bewegte. Wer die Protokolle der SIG-Geschäftsleitung oder seiner Gremien der letzen Jahrzehnte liest, wird immer wieder Zeuge einer Haltung, die wohl eher einem Beerdigungsinstitut anstehen würde und letztlich nur von der Kriegszeit herzuleiten, allerdings dadurch nicht besser zu verstehen ist. Ebenso wenig wie der fehlende Mut zur Veränderung, beispielsweise bei der Ausgrenzung der liberalen Juden aus politischen Gremien, die Verneinung eines jüdischen, eigenständigen Selbstbewusstseins, das sich nicht mehr in den Strukturen des 1904 gegründeten Gemeindebunds und jener Funktionäre wiederfindet, die ohne jüdische Kompetenz Jüdinnen und Juden vertreten wollen und doch nicht können.

Das schweigende Schweizer Judentum

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs folgten Jahre, die das Unausgesprochene, die ohnehin schon vorhandenen und durch die Kriegserfahrung noch verschärften Gräben zwischen jeckischen, aschkenasischen und später auch sephardischen oder orientalischen Juden nie richtig thematisierten oder aufarbeiteten. Jahre, in denen Jüdinnen und Juden aufeinander trafen, die im Krieg so unterschiedliche Positionen und Funktionen einnahmen, sich aber nach dem Krieg unter neuen Vorzeichen in Gemeinden zusammenraufen mussten. Einwanderung, Aus- und Rückwanderung nach und von Israel durchmischten die Entwicklung einer Gemeinschaft, die nicht zu sich finden sollte, die gleichsam paralysiert daherkommt und unfähig ist, auf Entwicklungen, Veränderungen, Herausforderungen einzugehen. Sie wird geführt von Funktionären und Rabbinern, welche das bewahren möchten, was es längst nicht mehr gibt. Jahre des Stillstands, Jahre der Ohnmacht vor dem Schweigen, der Rückbesinnung auf den Status von vor 70 Jahren. Es sind die unterschiedlichen Grenzerfahrungen, die unsere Gemeinschaft nicht zusammenzuschweissen vermochten. Eine Gemeinschaft, die am existentiellen und historischen Limit zusammenfand und sich nicht gefunden hat. Inzwischen hat sich, häufig neben dem sogenannten offiziellen Schweizer Judentum, eine vielfältige jüdische Gemeinschaft etabliert, die sich mit grosser Dynamik und grenzüberschreitend entwickelt, unabhängig von veralteten Strukturen in Gemeinden und Gemeindebund.