Schwäbischer Fleiss
Der Bauplan war mit Lineal und Bleistift auf braunes Packpapier gezeichnet. Im Norden drei Schlafbaracken, im Süden die Küche mit dem Essraum. Dieses noch erhaltene Stück Papier ist der Anfang von Shavei Zion – unweit von Nahariya, im Norden von Israel, direkt am Meer.
Am 13. April 1938 um vier Uhr morgens feierten die Siedlungspioniere einen Gottesdienst, und dann wurde der hölzerne Wachturm erreichtet. Bis zum Abend standen die einfachen Wohnbaracken, man hatte einen Brunnen gebohrt und es gab Strom. Um sich vor arabischen Überfällen zu schützen, wurden eine Mauer gebaut, Sandsäcke gefüllt und ein Zaun aufgestellt. Aber der Anfang verlief friedlich und dank einer Leica-Fotokamera ist der historische Tag ausgezeichnet dokumentiert.
Eine Gruppenauswanderung
Die Protagonisten dieser Pioniertat riefen sich ihre Anweisungen auf Schwäbisch zu – Shavei Zion entstand, weil fast eine komplette jüdische Gemeinde gemeinsam nach Palästina auswanderte. Die ersten Siedler von Shavei Zion kamen aus Rexingen, einem Dorf, das drei Kilometer von dem Schwarzwaldstädtchen Horb entfernt liegt. Die zehn Rexinger Familien, zusammen mit einigen unverheirateten Männern, blieben – trotz grosser Werbeaktionen – die einzige Gruppenauswanderung in das britische Mandatsgebiet. «Anfang 1937, nach vielen Beratungen, beschlossen wir, die jungen Leute, ledig, verheiratet und solche mit kleinen Kindern, auszuwandern – alle zusammen als eine Gemeinschaft – nach Palästina, das Land unserer Vorfahren. Wir wollten siedeln, das Land bebauen und eine neue Gemeinschaft gründen, eine neues Leben für uns selbst und für unsere Kinder. Wir waren so voll von Begeisterung und Idealen. Wir wollten zusammenarbeiten und alles teilen, ausser unserem Familienleben, das privat gehalten werden sollte, für jede Familie ein Haus entsprechend ihrer Familiengrösse.» So beschreibt Hedwig Neckarsulmer ihre Vision, der sie auch folgte. Sie wanderte gemeinsam mit ihrem Mann Viktor und ihrem fünfjährigen Sohn Fritz aus und arbeitete erst in der Landwirtschaft und später in der Buchhaltung der Siedlung. Shavei Zion wuchs rasch, auch weil die Rexinger – verstärkt durch Juden aus dem gesamten süddeutschen Raum – ein eingespieltes Team waren und sich schon in Rexingen ein Statut gegeben hatten. Man wollte gemeinsam arbeiten, aber im Familienverband und traditionell religiös leben.
Jeden Morgen und vor dem Abend wurde in den Anfangsjahren eine Stunde gebetet, erst im Speisesaal, dann ab 1940 in einer Synagoge. In Rexingen waren die meisten Siedler Viehhändler gewesen, und deshalb beschloss man, neben dem Hühnerstall und der Gemüseproduktion in die Milchwirtschaft einzusteigen. Die erste Kuh war eine Spende eines anderen Rexingers: Hugo Löwenstein hatte sich taufen lassen und arbeitete als Missionar der Karmel-Mission im nahen Haifa. In den folgenden Jahren kam der Tourismus hinzu und eine erfolgreiche Kunststoffproduktion, die Avocadofelder wurden immer größer.
Ort der Zuflucht und Verheissung
Jetzt, 70 Jahre nach Gründung von Shavei Zion, sind zum ersten Mal alle Erinnerungsstücke zu einer Ausstellung und einem Katalog unter dem Titel «Ort der Zuflucht und Verheissung» zusammengetragen worden. Erster Ausstellungsort war die ehemalige Rexinger Synagoge, die 1837 bei ihrer Einweihung der ganze Stolz der wachsenden Landgemeinde gewesen war. Heute wird die Synagoge von der evangelischen Kirche genutzt, der Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen hat nicht nur die Ausstellung zusammen mit Menschen aus Shavei Zion entwickelt, sondern auch dafür gesorgt, dass die Synagoge inzwischen wieder an die jüdische Gemeinde Rexingen erinnert, die 1855 immerhin 412 Mitglieder zählte. Und dieses Erinnern ist schmerzhaft, schliesslich kamen – wie es im Katalog lakonisch heisst, dem Dorf Rexingen ab 1933 fast ein Drittel der Bevölkerung abhanden.
Deswegen haben die Ausstellungsmacher auch direkt vor der ehemaligen Synagoge eine riesige hölzerne Transportkiste aufgestellt, auf der nichts stand als der Absender sowie der Adressat: Shavei Zion. Drinnen im Ausstellungsraum wurde das Motiv der mobilen Kisten wieder aufgenommen: Die Gegenstände, die von der Auswanderung und der Aufbauleistung der Schwaben erzählen, sind in Vitrinen enthalten, die den Transportkisten nachempfunden sind. Dazu gehören eine Axt und eine Werkzeugliste von Alfred Pressburger, einem der Kundschafter, die schon 1937 Palästina bereist hatten, das Glückwunschschreiben von Rabbiner Leo Baeck zur Auswanderung, aber auch das Auswanderungsgeschenk an den beliebten Lehrer Wolf Berlinger, der zusammen mit seiner Frau Mergalith in den ersten Jahren die Kinder von Shavei Zion unterrichtete. Die Ausstellung deckt alle Höhen und Tiefen der Entwicklung von Shavei Zion ab, die Objekte sind klug gewählt. Der Wunsch, die Idee der Wanderausstellung auch im Design sichtbar zu machen, führt allerdings zu einer allzu grossen Nüchternheit der Form.
Diese Bretterbox vor der Tür der ehemaligen Synagoge, die den innerörtlichen Verkehr bremste, war ein eindrückliches Sinnbild für die ersten Siedler, die hier im Februar 1938 aufbrachen, vertrieben aus einem beschaulichen Ort, der eingebettet ist in eine grüne hüglige Landschaft. Das Leben von Juden und Christen war bis in die zwanziger Jahre hinein stark von der Religion geprägt gewesen, aber es gab viele Berührungspunkte. Christen und Juden waren gemeinsam in Vereinen, im Gemeinderat, man traf sich in den Gasthäusern und lud sich gegenseitig zu Hochzeiten ein. 78 Juden meldeten sich freiwillig als Soldaten und zogen mit ihren christlichen Kameraden in den Ersten Weltkrieg. 14 jüdische Soldaten aus Rexingen bezahlten diesen Einsatz für das Vaterland mit ihrem Tod.
Bis 1933 galt Rexingen für die NSDAP als «uneinnehmbare Festung». Die ersten Randale und Pöbeleien gegen Juden wurden von SS- und SA-Leuten aus den Nachbarorten erledigt. Dennoch wurde nach der Machtübernahme Hitlers die Situation für die Rexinger Juden immer schwieriger. Der Bürgermeister, der gute Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft gepflegt hatte, wurde abgesetzt, nach und nach wurden Juden aus den Vereinen ausgeschlossen, und es wurde auf einer Anhöhe über dem Ort auf einer Säule ein eineinhalb Meter hohes Hakenkreuz angebracht. In Shavei Zion gibt es heute ein Rexinger Zimmer mit 128 Namen – im Gedenken an die 128 Rexinger Juden, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Vor diesem Hintergrund gehört es zu den Wundern, dass ausgerechnet die Überlebenden von Shavei Zion zu den Wegbereitern der deutsch-israelischen Verständigung wurden.
Der Umgang mit der Vergangenheit
Bereits 1960 besuchte der deutsche Bundespräsident Theodor Heuss Shavei Zion, nicht zuletzt, weil er ein Kommilitone des ersten Bürgermeisters Manfred Scheuer war. Ebenfalls in den sechziger Jahren gab es erste Reisen nach Rexingen, wo die jüdischen Emigranten allerdings oft sehr distanziert, wenn nicht gar feindlich empfangen wurden. In Rexingen selbst waren die Erinnerungen bis in die achtziger Jahre schwierig. Es wurde viel geschwiegen, Verantwortliche und Täter wurden nicht beim Namen genannt. Bürgermeister Gebhard Gekle bemühte sich als einer von wenigen Menschen, Kontakt mit den Rexingern in Israel zu halten. Ernste Gesichter zeigen die Fotos des ersten Delegationsbesuches unter der Leitung von Bürgermeister Hans Bloch aus Shavei Zion in Rexingen – kein einziger gebürtiger Rexinger war bei diesem Treffen dabei. Erst als Neu-Rexinger anfingen, die Verbrechen zu benennen, über den jüdischen Friedhof zu schreiben und die Geschichte der Synagoge auch von der evangelischen Kirche beim Namen genannt wurde, entspannten sich die Begegnungen. Seitdem sind Freundschaften entstanden, ein theologischer Austausch mit dem Denkendorfkreis, intensive Beziehungen zur Stadt Stuttgart und die finanzielle Unterstützung eines Fördervereins für die byzantinischen Mosaiken in Shavei Zion. Im Jahr 2004 verstarben die letzten Rexinger Gründungsmitglieder – die Siedlung hat sich verändert, ebenso die Beziehungen. Und schwäbisch wird kaum mehr gesprochen am Mittelmeerstrand.
Irene Armbruster
Die Ausstellung «Ort der Zuflucht und Verheissung, Shavei Zion 1938–2008» ist in Shavei Zion, Israel, noch bis zum 8. Mai zu sehen. Danach macht sie vom 21. Juli bis zum 10. August Halt in Jerusalem (Konrad Adenauer Conference Center), vom 23. September bis 9. Oktober in Berlin (Landesvertretung Baden-Württemberg).